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Ein Abend bei den Erleuchteten

Mei­nen ers­ten Erleuch­te­ten habe ich im Gemein­de­saal der Eims­büt­te­ler Chris­tus­kir­che erlebt. Er hieß Isaac Shapiro, trot­tete wie ein abge­schab­ter Ted­dy­bär nach vorn und trank Kaf­fee aus einem Plas­tik­be­cher. Ich wäre nie dar­auf gekom­men, dass er etwas Beson­de­res dar­stellte. Er ver­strahlte weder auf­fal­len­den Charme noch Cha­risma. Er hätte auch ein bewe­gungs­ar­mer Com­pu­ter­ex­perte sein kön­nen. Aber er setzte sich auf die Bühne, und unge­fähr 300 Leute im Saal starr­ten ihn ergrif­fen an.
Die Ver­an­stal­tung hieß „Sat­sang mit Isaac“. Das Publi­kum hätte man auch in einem Eso-Laden oder auf dem Öko-Markt tref­fen kön­nen. In einer Trend­bou­tique oder im Medi­en­café eher nicht. Die meis­ten waren zwi­schen drei­ßig und fünf­zig, etwa zwei Drit­tel waren Frauen. Ein Baby krähte, ein zwei­tes wurde gestillt, ein Hund schlief. Vor der Bühne hat­ten anfangs ein paar Mäd­chen Gitarre gespielt und mit son­ni­ger Miene gesun­gen. Es war genau die Art von Ver­an­stal­tung, die einem auf den Keks geht.
Nach einer Runde Schwei­gen fragte Isaac Shapiro: „Ist jemand zum ers­ten Mal beim Sat­sang?“ Einige mel­de­ten sich. Er sagte: „Sat­sang heißt ein­fach Zusam­men­sein (sang) in Wahr­heit (sat). Wir kön­nen sehen, was wirk­lich ist. Jetzt. Hier. Der Ver­stand kann zur Ruhe kom­men.“ Vor mir ver­kno­tete ein Zuschauer schon mal die Beine zum Lotus­sitz und rich­tete seine Wir­bel­säule so vor­schrifts­mä­ßig auf, dass ich mich zur Seite beu­gen musste, um noch etwas zu erken­nen.
Eine Frau erklomm die Bühne und setzte sich in einen Ses­sel für Fra­ge­stel­ler. Sie schien auf­ge­regt. Sie bemühte sich um ein Lächeln, wäh­rend sie den Mann ansah, der da see­len­ru­hig in sei­nem Ses­sel saß. Ihr Lächeln ver­schwand lang­sam. Sie atmete lang­sa­mer. Und sah ihm immer in die Augen. So blieb das erst mal. Er sah ihr in die Augen oder ließ sich in die Augen sehen. Und die Leute im Saal sahen den bei­den zu, wie sie ein­an­der in die Augen sahen.
End­lich sagte die Frau: „Ich habe Angst.“ Der Ted­dy­bär klappte zur Bestä­ti­gung seine Augen­li­der her­un­ter. Sie sagte: „Bei­nahe immer. Auf der Straße, zu Hause, ein­fach so, im Leben.“ Er fragte: „Hast du jetzt Angst?“ Sie nickte. Er sagte: „Gut. Dann gehe jetzt zu die­ser Angst. Ver­su­che nicht, sie los­zu­wer­den. Fühle sie nur.“ Man konnte sehen, wie die Frau etwas ver­suchte, wäh­rend sie ihm wei­ter tap­fer in die Augen sah. „Jetzt ist die Angst nicht da“, sagte sie schließ­lich. „Jetzt ist da nichts.“
„Ja“, sagte er. „Da ist nichts. Aber wenn du ver­suchst, die Angst los­zu­wer­den, beginnt der Ver­stand zu rat­tern. Dann ver­strickst du dich. Du ver­suchst, dir die Angst zu erklä­ren, du erzählst dir eine Geschichte dazu. Das gibt ihr Brenn­stoff. Halte sie statt des­sen ein­fach aus. So ver­schwin­det sie von selbst. Wir alle lau­fen weg vor der Angst, unser Leben lang. Irgend­wann sagen wir: Ich möchte sehen, wovor ich eigent­lich weg­laufe. Wenn wir ihr dann begeg­nen, ohne sie weg­ha­ben zu wol­len, dann löst sie sich auf. Wir sind gewohnt, unan­ge­nehme Emp­fin­dun­gen zu ana­ly­sie­ren. Ein­fach Hin­se­hen ist genug.“
Das waren hilf­rei­che Sätze. Doch sie waren nicht das Ent­schei­dende. Das Ent­schei­dende war augen­schein­lich schon vor­her gesche­hen, wäh­rend die Frau ihn ansah. Es war offen­sicht­lich, dass ihre Angst sich auf­ge­löst hatte. Ihr Gesicht war auf­ge­hellt. Sie blieb noch eine Weile sit­zen, immer den Blick hal­tend. Dann bedankte sie sich und stieg von der Bühne, leicht, beschwingt. „So etwas hält nicht vor“, flüs­terte ich mei­ner Part­ne­rin zu.
In den andert­halb Stun­den des soge­nann­ten Sat­sang ging es immer wie­der so: Jemand stieg beklom­men nach oben und kam nach zehn oder fünf­zehn Minu­ten gelöst wie­der her­un­ter.
Zu einem Mann, der mit sei­ner Part­ner­schaft unzu­frie­den war, sagte Isaac: „Keine Bezie­hung kann dich glück­lich machen. Wir las­sen uns auf jeman­den ein und mei­nen, die­ser andere sei der Ursprung der Liebe. Wir blei­ben nicht bei der Quelle der Liebe selbst. Wir pro­ji­zie­ren sie auf jemand ande­ren und haben dann Angst, dass sie uns mit die­sem ande­ren abhan­den kom­men könnte. Solange wir mei­nen, etwas von außer­halb mache uns glück­lich, ver­su­chen wir es für uns zu sichern. Wir nen­nen es Liebe, doch es ist Brau­chen. Wenn du mehr an der Wahr­heit inter­es­siert bist als an dei­nen Vor­stel­lun­gen von Bezie­hun­gen, dann wird die Bezie­hung dir hel­fen auf­zu­wa­chen.“

So viel gere­det wurde sel­ten. Auf die Fra­gen ant­wor­tete Isaac meist mit schlich­ten Gegen­fra­gen: „Was ist jetzt? Wo ist das jetzt?“ Und auch das nur nach Schwei­ge­pau­sen. Die­ses Schwei­gen, ver­bun­den mit dem Blick­tausch, hatte es in sich. Etwas pas­sierte da. Etwas wirkte, und nach mei­nem Ein­druck auf alle im Saal. Obwohl die Stühle unbe­quem waren und die Luft im Minu­ten­takt schlech­ter wurde, sicker­ten sogar in mich Ruhe und Leich­tig­keit ein. Als der Ted­dy­bär sich nach andert­halb Stun­den mit anein­an­der­ge­leg­ten Hän­den ver­ab­schie­dete, ver­ließ ich den Raum gelas­se­ner, als ich gekom­men war.
Drau­ßen wurde es rich­tig komisch. Da lagen Zet­tel aus. Und sie zeug­ten von einer begin­nen­den Infla­tion. Sat­sang mit Tors­ten, Sat­sang mit Gabriele. Tors­ten! Gabriele! Deut­sche Erleuch­tete?! Wenn ich eines wusste, dann dies: Jemand, der Tors­ten heißt, kann unmög­lich erleuch­tet sein! Das Ver­gnü­gen eines Besuchs wollte ich mir aber nicht neh­men las­sen.
Ich habe also Tors­ten besucht, der in einer Woh­nung am Schlump zum Sat­sang ein­lädt. Und Gabriele, die das Glei­che in Sasel tut. Ich habe zwei Jahre lang alle Erleuch­te­ten besucht, die in Ham­burg zum Sat­sang bit­ten oder die auf der Durch­reise ein Gast­spiel geben.
Und ich muss zuge­ben, es ist was dran. Aus­pro­bie­ren lohnt sich. Zunächst ein­mal ist Sat­sang die preis­güns­tige Art, eine Dosis Frie­den zu bekom­men. Denn der Typ da vorne — es kann auch eine Frau sein — mag hef­tig abstrei­ten, erleuch­tet oder sonst etwas Spe­zi­el­les zu sein. Er oder sie hat doch etwas, das her­vor­hebt und strahlt: eine Aura von Stille, Güte, Mit­ge­fühl, von inne­rem Frie­den. Und die­ser Frie­den sickert in die ande­ren ein.
Wer an einem Sat­sang teil­nimmt, wird in Stille getaucht. Jedes­mal ein biss­chen mehr. Und das hängt damit zusam­men, dass der Sats­ang­leh­rer selbst unge­wöhn­lich still ist. Nicht not­wen­di­ger­weise äußer­lich. Es kann sein, dass er viel schweigt. Kann auch sein, dass er viel redet. Egal, er strahlt Stille aus. Er oder sie hat eine Erfah­rung gemacht, die Lao Tse oder Bud­dha, Meis­ter Eck­hart oder Sokra­tes und etli­che Hei­lige eben­falls gemacht haben. Die Erfah­rung, dass sie weit mehr sind als Kör­per und Geist. Weit mehr als das, was sie bis dahin für ihre Per­sön­lich­keit gehal­ten haben. Und mit die­ser Erfah­rung ver­bun­den ist nichts Gerin­ge­res als die Erkennt­nis, dass Lei­den eine Illu­sion ist.
Das ist min­des­tens erstaun­lich. Des­halb lohnt es sich, die Leute mal genauer in Augen­schein zu neh­men. Meist kos­tet das zehn Euro Ein­tritt. Manch­mal wird nur um eine Spende gebe­ten. Zu tun gibt es sonst nichts. Keine Vor­aus­set­zun­gen sind erfor­der­lich. Man muss kein Wort sagen, muss seine Adresse nicht hin­ter­las­sen, nie­man­den ver­eh­ren, keine Lehre, kei­nen Glau­bens­satz über sich erge­hen las­sen. Es könnte nur sein, dass Leh­ren und Glau­bens­sätze sich auf­lö­sen im Sat­sang.
Das Wort Sat­sang kommt aus dem Indi­schen. Aber es geht nicht indisch zu. Schon des­halb nicht, weil die Leute da vorn West­ler sind. Sie hei­ßen Tors­ten und Gabriele und Karl. Es sind ziem­lich nor­male berufs­tä­tige Leute, die ein klei­nes, ent­schei­den­des Aha-Erlebnis gehabt haben. Der Bud­dha hat die­ses Erleb­nis Erleuch­tung genannt, mit der Anmer­kung, es sei das Ende allen Lei­dens.
Das Ende allen Lei­dens? Her damit!
Zwei Jahre lang, sagt der Autor Diet­mar Bittrich (Foto), habe er selbst alle Erleuch­te­ten abge­klap­pert, die in Ham­burg zum Sat­sang luden. Seine Erfah­run­gen flos­sen in ein wit­zig zu lesen­des Buch. Das Fazit: Sat­sang ist eine preis­güns­tige Art, sei­nen See­len­frie­den wie­der­zu­fin­den.
Bittrich - Erleuchtete

Diet­mar Bittrich, Chris­tian Salve­sen: Die Erleuch­te­ten kom­men. Sat­sang — Ant­wor­ten auf die wich­ti­gen Fra­gen des Lebens. Gold­mann, 284 Sei­ten; 8,90 Euro.

Don­ners­tag, 4.6. bis Sams­tag, 6.6.: Onen­es­sTalks in Hamburg

mit Andreas Müller

Ein­heit ist kein Zustand inner­halb der per­sön­li­chen Erfah­rung. 
In Befrei­ung endet das ener­ge­ti­sche Setup per­sön­li­chen Erfah­rens. Was bleibt, ist Ein­heit. Das Unkenn­bare und Unge­trennte. Es ist nicht-etwas.”

Jeweils 19:30 — 21:30 Uhr in HH-Ottensen

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