Achtung, GutmenschenLeseprobe
gutmenschen
Dietmar Bittrich
Achtung, Gutmenschen!

Rowohlt Taschenbuch

8,99 €

Taschenbuch
Bitterböse – und politisch unkorrekt.
Sie leiden persönlich unter globaler Erwärmung.
Sie sagen Schokokuss statt Negerkuss.
Sie haben Verständnis für Terroristen.
Sie kommen sich mutig vor, wenn sie Hitler schlecht finden.
Sie sind die Gutmenschen – und sie glauben, die Welt wäre schlechter dran ohne sie.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie quälen und sie nerven uns. Und es ist höchste Zeit, sie loszuwerden.

„Wir müssten uns unserer guten Taten schämen, wenn die Beweggründe ans Licht kämen.“ François de La Rochefoucauld

„Er war so ein guter Mensch!“, beteuerte meine Großmutter, als ihr Ehemann begraben wurde. Die übrigen Verwandten lächelten, denn sie wussten es besser. Doch sie schwiegen. Er konnte nichts Böses mehr tun. Friede war mit ihm.
Lange Zeit ging das so: Mit dem Tod wurde man zu einem guten Menschen befördert. Jeder Besucher eines Friedhofes konnte sich angesichts der Grabinschriften davon überzeugen, dass der bessere Teil der Menschheit unter der Erde lag. „Willst du gescholten werden, heirate“, lautete der klassische Rat. „Willst du gelobt werden, stirb“.
Das ist nicht mehr nötig. Niemand muss mehr sterben, um Lob zu ernten und ein rundum guter Menschen zu werden. Gut kann jeder bereits zu Lebzeiten werden. Und das, ohne sich anzustrengen! Es reicht schon, wenn einer „Schokokuss“ sagt statt „Negerkuss“. Das ist schon mal eine Großtat. Wenn er dann noch eindringlich vor der Klimaerwärmung warnt, ab und zu die Armut in der Welt anprangert und immer mal wieder die Frage nach den Verantwortlichen stellt, kann nichts mehr schiefgehen.
Falls jemand noch etwas mehr tun will, aber das grenzt nun schon an Aktionismus, hält er im Fußballstadion gelegentlich eine rote Karte hoch (wirkt gegen Rassismus), steckt in der Fußgängerzone einen Euro in die Greenpeace-Büchse, hinterlässt eine unleserliche Unterschrift auf dem Solidaritätsaufruf und schaltet am Abend für fünf Minuten das Licht aus, womit ein eindrucksvolles Zeichen gesetzt ist gegen Krieg und Energieverschwendung .
Nun ist dieser Mensch eigentlich schon guter als gut. Er ist ganz offensichtlich für den Frieden, für die Völkerverständigung, für Umwelt, Natur, Kinder, Tiere, Opfer, soziale Gerechtigkeit, für friedliche Konfliktbewältigung und im Zweifelsfall für die berechtigten Anliegen aller Menschen.
Nie in der Geschichte war es so einfach, auf der richtigen Seite zu stehen und sich unschuldig und gut zu fühlen – und das Böse draußen zu wittern, jenseits des Fernsehers, in den verborgenen Schaltzentralen der Macht, in der Globalisierung, in Amerika, in den multinationalen Konzernen. Es war noch nie so einfach, sich gut zu fühlen – obwohl es gerade wieder ein bisschen schwieriger wird. Denn die Ära Bush ist vorüber. Jammerschade!
Vor zwanzig Jahren wurde anständigen Menschen das Leben auf einmal schwer gemacht, als in Südafrika die Apartheid abgeschafft wurde. Das war ein bitterer Verlust. Plötzlich mussten sie sich nach jemand neuem umsehen, den sie anklagen und zu Freiheit und Gerechtigkeit auffordern konnten.
Da kam Kohl. Was für herrliche Zeiten! Alle waren sich einig, dass sie besser waren als Kohl, klüger, schlanker, witziger. Ein Vergleich mit ihm wirkte jederzeit stärkend und aufbauend, zumindest in Deutschland. Und dann kam die Krönung, dann kam Bush! Solange Bush jr. amerikanischer Präsident war, genügte in geselliger Runde ein Hinweis auf ihn, und alle konnten sich einig sein in ihrer heiteren und empörten Überlegenheit. An Intelligenz und außenpolitischer Sensibilität haben ihn alle guten Menschen mühelos überflügelt.
Als der Irakkrieg begann, schrieb der Autor Paolo Coelho im Hochgefühl seiner moralischen Überlegenheit einen ironischen Dankesbrief: „Danke, Mr. Bush, dass Sie uns missachten. Danke, dass Sie uns erfahren lassen, wie man sich fühlt, wenn man machtlos ist. Danke, dass Sie uns nicht zugehört und uns nicht ernst genommen haben.“ Und so weiter, zwei Seiten lang. Wofür Coelho in Wahrheit dankbar war, erwähnte er mit keinem Wort. Wahrheitsgemäß hätte er schreiben müssen: „Danke, dass Sie es mir ermöglichen, mich als gut und friedliebend zu empfinden!“ Denn genau diesen Triumph hatte Bush ihm und allen anderen verschafft. Bush machte alle Erdenbewohner zu Menschen, die sich klug und gut und feinsinnig dünkten. Ein historisches Verdienst.
Aber jetzt? Was können Gutmenschen nach ihm tun? In Deutschland haben sie immer noch Hitler, an dem sie sich messen können. Dabei schneiden sie im Allgemeinen prächtig ab. Hitler hielt sich ebenfalls für einen guten Menschen, mit ein paar Ecken und Kanten; aber da muss er einen schiefen Blick gehabt haben, während die wirklich guten Menchen alles ziemlich klar sehen. Es bleibt dabei: Im Notfall, wenn alles andere zu kompliziert erscheint, können sie Zuflucht nehmen zu einem Hinweis auf die Nazi-Vergangenheit, am besten unter dem Motto „nie wieder“, oder zu einem Vergleich unter der Parole „Wehret den Anfängen“. Prompt fühlen sie sich wieder obenauf.
Glücklicherweise gibt es noch weitere erlösende Themen und Rezepte, die zum moralischen Wohlfühlen geeignet sind. Ich habe sie in diesem Buch versammelt. Es sind bewährten Rezepte der Moralapostel, der privaten und der öffentlichen.

Diese Rezepte werden überall erfolgreich nachgekocht: von den Predigern in den Feuilletons, von den Gästen der Talkshows und in den Kultursendungen, von all jenen, die immer nur das Beste wollen, die sich bedeutend und besonders fühlen möchten, kurz, die es geschafft haben, ihren Egotrip als Wohltat für die Menschheit auszugeben.
Das sind gar nicht so sehr die üblichen verdächtigen Politiker und Pfarrer als vielmehr deren Kritiker. All die ungefragten Kommentatoren, die sich für aufgeklärt und kritisch halten. Sie sind die Prediger und Mitläufer der Religion des Gutmenschentums. Religion ist das, woran man glaubt und wozu man sich bekennt. Und das sind zur Zeit schlichteste Floskeln wohlmeinender Gesinnung. Gutmenschen formulieren daraus ihre eigenen Ablassbriefe.
„Ich habe die Live-8-CD gekauft“, „Ich bin gegen den Hass“, „Ich habe die Aids-Gala gesehen“, „Ich habe den Aufruf für Klimaschutz unterschrieben“, „Ich bin für den Frieden“, „Ich habe das T-Shirt ‚Deine Stimme gegen die Armut’ bestellt, weil man was tun muss“, „Ich bin gegen Nazis“ – dergleichen todesmutige Bekenntnisse reichen Gutmenschen, um sich für eine Weile aller Sünden ledig zu fühlen. Umso behaglicher können sie dann privat hassen, raffen, übervorteilen und Diktator sein.
Ist das verwerflich? Nein, das ist normal. Heuchelei ist eine Primärtugend. Sie dient dem Überleben. Das Ich will bestimmen, das Ich will Diktator sein, das Ich will Gott sein, darf es aber nicht zugeben. Diese Erkenntnis Freuds bleibt gültig. Und sie wird am allerwenigsten widerlegt von Leuten, die behaupten, sie wollten Gutes. Dass es im Augenblick so viele tun, immer unter der Flagge des Engagements, ist kein Zeichen von Zivilcourage, sondern vom präzisen Gegenteil – von der Furcht, bei Fehlern ertappt und dann gerügt, angegriffen und ausgegrenzt zu werden.
Wer ertappt und rügt einen eigentlich? Vorwiegend Leute, die sich als Opfer verstehen. Leute, die sich als beleidigte Minderheit begreifen. Und – mit noch größerer Verve – alle, die in deren Namen sprechen möchten.
Hanns Joachim Friedrichs, einst Leiter der „Tagesthemen“, hat behauptet, ein Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Wer weiß, ob er eine derartige Unabhängigkeit heute noch fordern würde. Der Wunsch dazuzugehören und möglichst nichts falsch zu machen, ist dominant geworden. Niemand möchte dabei ertappt werden, dass er öffentlich „Neger“ sagt statt „Farbiger“ oder gar „Zigeuner“ statt „Roma“ und, jetzt wird es schon verbrecherisch, „Rasse“ statt „Ethnie“. Wer so etwas tut, muss zur Buße entweder sofort eine Anti-Kriegs-Gala ausrufen oder beim Dalai Lama Zuflucht suchen.
Die Prominenten schwadronieren vorweg. Auf wohltätigen Geselligkeiten oder auch auf ihren Websites sondern sie Aufrufe ab zu ökologischem Bewusstsein, sozialem Engagement und interkultureller Dialogbereitschaft. So dröhnend hohl die Phrasen sind, keiner kann dagegen sein. Das ist das Schöne. So entfällt auch jede Notwendigkeit einer staatlichen Zensur. Wo jeder als gut gelten möchte, zensiert auch jeder freiwillig seine Kollegen und sich selbst.
„There’s nothing either good or bad but thinking makes it so“, äußerte Shakespeare: Gut und Böse seien eine Sache des Denkens, nicht der Realität. Und da, wer an das Gute denkt, gleichzeitig auch immer an das Böse denken muss, wird das Böse nie verschwinden. Das chinesische Yin-Yang-Symbol sagt aus, das Schwarz und Weiß immer im gleichen Maße vorhanden sind. Wer Weiß vermehrt, vermehrt im gleichen Maße Schwarz, ungewollt und automatisch. Wer emsig für das so genannte Gute kämpft, schafft ebenso emsig das so genannte Böse.
Das ist erleichternd. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Wir können ruhig so tun, als seien wir gut; das Böse bleibt uns treu. Wie sang einst die Erste Allgemeine Verunsicherung? „Das Böse ist immer und überall.“ Das ist beruhigend. Das ist entspannend. Das macht optimistisch. Denn solange es etwas gibt, das wir böse nennen können, dürfen wir uns supergut fühlen.
Ja, auch ich, der Autor, möchte ab und zu mal als guter Mensch gelten. Sie etwa nicht? Na, kommen Sie. Wie? Dann lassen Sie uns unseren Spaß haben! Denn man kann mit diesem Buch auf zweierlei Weise glücklich werden. Erstens indem man Gutmenschen ärgert. Indem man ihre Phrasen entlarvt, ihre Argumente aushebelt, indem man sie zwiebelt, grillt und ins Verlies ihrer eigenen Hohlheit versenkt. Und zweitens, indem man ihre schlichten Rezepte befolgt und selbst ein Gutmensch wird! Kann ja mal nötig sein. Beides lässt sich mit diesem Buch heiter und mühelos verbinden.
Auf in den Vergnügungspark der guten Menschen!
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