John Updike: Der von Schönheit überquellende Augenblick

Beladen mit Musik vom Band, klirrenden Drinks und feiernden Paaren, schob das Boot sich durch die gewundene Fahrrinne zwischen den schwarzen Schlickbänken der goldgrünen Marsch zum offeneren Wasser hinaus, wo Inseln voller schindelgedeckter Sommerhäuser langsam von Steuerbord nach Backbord wechselten, als der Kapitän mit seinem Schiff auf einen malerischen halbkreisförmigen Kurs ging.
Ein weißer Leuchtturm kam in Sicht und ein frappierender sonnenbeschienener Hang, auf dem ein amerikanischer Grande von einst ein symmetrisches Muster aus gestutzten Büschen hatte anlegen lassen wie ein großes Ideogramm, dann eine Marina, deren blasse Masten so dicht standen wie Weizenhalme, und ein welliges, blaugrünes, weites Stück Waldland, das wundersamerweise noch nicht erschlossen war, und der Horizont nach Osten zu, draußen über dem offenen Meer, dunkelte schon und empfing sein erstes Sternenlicht, während sich über dem sanft hügeligen Land im Westen leuchtende lachsrosa Streifen hinzogen, die schmalen Reste der Tageshelle.
Don schaute stumm hinaus auf all das, was da ausgebreitet war, und auch die anderen Gäste sahen dann und wann hin, aber ihre Aufmerksamkeit war hauptsächlich nach innen gerichtet, auf sich selbst und aufeinander, in übermütigem, zubeißendem Geplauder, das schrill wurde, als die Drinks ihre Wirkung taten, ein Fest der Liebe, das die Musik vom Band übertönte. So war es, und so war es immer gewesen, der lebendige, von Schönheit überquellende Augenblick, man beachtete ihn nicht, man sehnte sich nach einem anderen, einem besseren Augenblick, eine Spur anderswo, mit jemandem, der ein kleines bisschen anders war, indes auf den Päonienbeeten das Unkraut wuchs und unterm Sofa sich die Staubflocken sammelten und die Kinder unbemerkt ihre eigenen Fluchten planten, ihre eigenen Anderswos.

aus John Updike: Wie war’s wirklich, übersetzt von Maria Carlsson, Reinbek: Rowohlt Verlag, 2004

Theodor Storm: Eine Dämmerstunde

Ich hatte die Studentenjahre hinter mir und lebte nun noch einmal, zum letztenmal, eine kurze Zeit als Kind im elterlichen Hause. Freilich war es dort nicht mehr so heiter, wie es einst gewesen; es war Unvergessliches geschehen, die alte Famillengruft unter der großen Linde war ein paarmal offen gewesen; meine Mutter, die unermüdlich tätige Frau, ließ oft mitten in der Arbeit die Hände sinken und stand regungslos, als habe sie sich selbst vergessen. Wie unsere alte Margret sagte, sie trug ein Kämmerchen in ihrem Kopf, drin spielte ein totes Kind.

Theodor Storm

Brüder Grimm - Das Hirtenbüblein

Es war einmal ein Hirtenbübchen, das war wegen seiner weisen Antworten, die es auf alle Fragen gab, weit und breit berühmt. Der König des Landes hörte auch davon, glaubte es nicht und ließ das Bübchen kommen. Da sprach er zu ihm: „Kannst du mir auf drei Fragen, die ich dir vorlegen will, Antwort geben, so will ich dich ansehen wie mein eigen Kind, und du sollst bei mir in meinem königlichen Schloss wohnen.“ Sprach das Büblein: „Wie lauten die drei Fragen?“
Der König sagte: „Die erste lautet: wie viel Tropfen Wasser sind in dem Weltmeer?“ Das Hirtenbüblein antwortete: „Herr König, lasst alle Flüsse auf der Erde verstopfen, damit kein Tröpflein mehr daraus ins Meer lauft, das ich nicht erst gezählt habe, so will ich Euch sagen, wie viel Tropfen im Meere sind.“ Sprach der König: „Die andere Frage lautet: wie viel Sterne stehen am Himmel?“ Das Hintenbübchen sagte: „Gebt mir einen großen Bogen weiß Papier,“ und dann machte es mit der Feder so viel feine Punkte darauf, dass sie kaum zu sehen und fast gar nicht zu zählen waren und einem die Augen vergingen, wenn man darauf blickte.
Darauf sprach es: „So viel Sterne stehen am Himmel, als hier Punkte auf dem Papier, zählt sie nur.“ Aber niemand war dazu imstand. Sprach der König: „Die dritte Frage lautet: wie viel Sekunden hat die Ewigkeit?“ Da sagte das Hirtenbüblein: „In Hinterpommern liegt der Demantberg, der hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hundert Jahr ein Vöglein und wetzt sein Schnäbelein daran, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde von der Ewigkeit vorbei.“

Sprach der König: „Du hast die drei Fragen aufgelöst wie ein Weiser und sollst fortan bei mir in meinem königlichen Schlosse wohnen, und ich will dich ansehen wie mein eigenes Kind.“

Brüder Grimm

Richard von Volkmann-Leander: Der Kirchhof

Der Kirchhof, auf dem die zwei kleinen Kinder spielten, von denen ich heute erzählen will, lag hoch oben auf dem grünen Bergeshange. Das Dörfchen, zu dem er gehörte, lag schon hoch genug über dem waldigen Tal, so dass die Wolken es oft verdeckten, wenn man unten auf dem blauen Flusse vorüberfuhr. Doch der Kirchhof lag noch höher über dem Dorf, so dass seine vielen schwarzen Kreuze recht in den blauen Himmel hineinragten.
Es war ziemlich mühsam für die Leute, ihre Verstorbenen aus dem Dorfe nach dem Kirchhof zu tragen, denn der Weg war steil und steinig, bis man zu der grünen Matte kam, auf der der Kirchhof lag; doch sie taten es gern. Denn die Bergbewohner können es nicht im Tal aushalten; da wird es ihnen so dumpf und ängstlich zumut, wie uns in einem tiefen Keller – und ihre Toten noch weniger. Hoch oben auf dem Berge müssen sie begraben sein, so dass sie weit hinaus in das Land sehen können und hinunter ins Tal, wo die Schiffe fahren.

Ganz in der Ecke des Kirchhofes war ein verlassenes Grab. Es wuchs nur Gras auf ihm und in dem Grase ganz versteckt ein paar wilde weiße oder blaue Blümchen, die niemand gepflanzt hatte. Denn in dem Grabe lag ein alter Hagestolz, der weder Weib noch Kind noch sonst irgend jemand hinterlassen hatte, der sich um ihn bekümmerte. Aus fremdem Lande war er gekommen, woher, das wusste keiner. Er war jeden Morgen auf die Kuppe des Berges gestiegen und hatte dort stundenlang gesessen. Aber bald war er gestorben, und man hatte ihn begraben.
Einen Namen hatte er ja sicher gehabt; wie er aber lautete, wusste ebenfalls niemand, nicht einmal der Totengräber. Im Kirchenbuche standen nur drei Kreuze und dahinter »ein alter fremder Hagestolz, gestorben am soundsovielten, im Jahre des Herrn soundso«. –

Aus Richard von Volkmann-Leander: Eine Kindergeschichte, in Träumereien an französischen Kaminen (1878)

Richard von Volkmann- Leander

Jorge Luis Borges: Parabel vom Palast

An jenem Tag zeigte der Gelbe Kaiser dem Dichter seinen Palast. Hinter sich ließen sie in weiter Flucht die ersten westlichen Terrassen, die wie die Ränge eines sozusagen unabsehbaren Amphitheaters zu einem Paradies oder Garten niedersteigen, dessen Metallspiegel und dessen verschlungene Wacholdergänge bereits auf das Labyrinth vorausdeuteten. Heiteren Gemüts verloren sie sich in ihm, anfangs, als überließen sie sich einem Spiel, späterhin nicht ohne Unruhe, weil seine geraden Alleen einer sehr sanften, aber stetigen Krümmung unterlagen und insgeheim Kreise waren. Gegen Mitternacht erlaubte ihnen die Beobachtung der Gestirne und das fällige Opfer einer Schildkröte, sich dieser Region, die verhext zu sein schien, zu entwinden, nicht jedoch dem Gefühl, verirrt zu sein, das ihnen bis zum Ende treu blieb. Vorzimmer und Höfe und Bibliotheken durchschritten sie sodann, auch einen sechseckigen Saal mit einer Wasseruhr, und eines Morgens erkannten sie von der Spitze eines Turms einen steinernen Mann, der ihnen hernach für immer aus den Augen kam.
Viele glitzernde Ströme überquerten sie in Kanus aus Sandelholz, oder nur einen einzigen Strom viele Male. Das kaiserliche Gefolge zog vorbei, und die Menge warf sich zu Boden, aber eines Tages erreichten sie eine Insel, auf der einer nichts dergleichen tat, weil er den Sohn des Himmels noch nie gesehen hatte, und der Henker musste ihn enthaupten. Schwarze Haarmähnen und schwarze Tänze und künstlich gearbeitete Goldmasken sahen ihre Augen gleichgültig an; das Wirkliche vermischte sich mit dem Geträumten, oder – besser gesagt – das Wirkliche war nur eine der Bildungen des Traums. Es schien undenkbar, dass die Erde etwas anderes sein sollte als Gärten, Wasser, strahlende Bauwerke und Gestalten. Alle hundert Schritte zerschnitt ein Turm die Luft; so fein waren die Abtönungen und so lang die Reihe.

Am Fuß des vorletzten Turms geschah es, dass der Dichter (der diesen Schaustücken, die allen so wunderbar erschienen, wie fremd gegenüberstand) die kurze Verskomposition vortrug, die wir heute unauflöslich mit seinem Namen verbinden, und dass sie ihm, wie von den gewandtesten Geschichtsschreibern reihum gesagt wird, die Unsterblichkeit und den Tod einbrachte.
Der Wortlaut ist verlorengegangen; von einigen wird behauptet, das Gedicht habe nur aus einem einzigen Vers bestanden, von anderen, aus einem einzigen Wort. Soviel steht fest, und dies eben ist das Unglaubliche, dass in dem Gedicht im ganzen wie im einzelnen der ungeheure Palast enthalten war, mit jeder einzelnen der berühmten Porzellanarbeiten und jedem Farbstrich auf jedem Porzellan und mit den Halbschatten und Lichtern der Dämmerungen und jedem unglücklichen oder glücklichen Augenblick der glorreichen Dynastien von Sterblichen, von Göttern und Drachen, die in ihm seit unvordenklichen Tagen gewohnt hatten.

Alle verstummten, aber Kaiser rief aus:“Du hast mir meinen Palast entrissen“, und das eiserne Schwert des Henkers zerschnitt den Lebensfaden des Dichters.

Andere berichteten die Geschichte auf andere Art. In der Welt kann es nicht zwei vollkommen gleiche Dinge geben; es genügte (sagen sie), dass der Dichter das Gedicht aussprach, und alsbald verschwand der Palast, wie ausgetilgt und zerschmettert von der letzten Silbe. Solche Legenden sind (natürlich) nichts weiter als literarische Erfindungen. Der Dichter war Slave des Kaisers und starb als solcher; sein Gedicht fiel in Vergessenheit, weil es vergessen zu werden verdiente, und seine Nachkommen suchen immer noch, ohne es je zu finden, das Wort des Universums.

Aus: Jorge Luis Borges: Borges und ich. Gedichte und Prosa. Übers. aus d. Span. von Karl August Horst. München: Hanser, 1963. 130 S. Originalbroschur. – Diese Ausgabe ist nur noch antiquarisch zu bekommen. Die „Parabel vom Palast“ ist später neu übersetzt worden. Mir gefällt die vergriffene Übertragung von Karl August Horst besser.

Benjamin Péret: Die Hellseherin

Mrs. Daisy knöpfte sich die Bluse auf und holte ihre rechte Brust hervor, auf deren Spitze sie ein Weihrauchkorn legte. Ein Tropfen Wein quoll aus dem Busen.

Aus dem Nebenzimmer trottete ein Tapir herbei und legte sich zu Füßen der Wahrsagerin auf den Boden. Die schlitzte ihm mit einem Taschenmesser von einem Ende zum anderen den Schwanz auf und förderte aus ihm drei kleine Vogeleier zutage: das erste braun, das zweite grün und das dritte purpurrot.
Aus dem braunen Ei kam eine kaum wahrnehmbare Feder hervor; das grüne Ei wurde aufgeschlagen, und drei Wanzen krochen heraus, die eine winzig kleine französische Nationalflagge trugen. Aus dem purpurnen Ei schließlich zog die Hellseherin einen Spiegel hervor, der so groß war wie eine junge Erbse und in den sie eine Weile aufmerksam hineinschaute, bevor sie erschrocken zurückwich und mit dumpfer Stimme sagte:

„Sie haben den Papst in Ihrer Brust.“

Aus: Benjamin Péret, Als die Grüne Minna vorüberfuhr. Surrealistische Erzählungen. Hamburg 1988 (edition nautilus). Die Erzählungen entstanden in den 1920er Jahren, auf Deutsch erschienen sie zuerst 1957.

Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen

In Falun in Schweden küsste vor gut fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut und sagte zu ihr: „Auf Sankt Luciä wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib und bauen uns ein eigenes Nestlein.“ – „Und Friede und Liebe soll darin wohnen,“ sagte die schöne Braut mit holdem Lächeln, „denn du bist mein einziges und alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab sein, als an einem andern Ort.“ Als sie aber vor St. Luciä der Pfarrer zum zweiten Mal in der Kirche aufgerufen hatte: „So nun jemand Hindernisse wüsste anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammenkommen,“ da meldete sich der Tod. Denn als der Jüngling den andern Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr. Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie säumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand für ihn zum Hochzeitstag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte um ihn und vergaß ihn nie.

Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben, und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schlossen den General Stein in der Veteraner Höhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die französische Revolution und der Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt.

Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Schachten eine Öffnung durchgraben wollten, gute dreihundert Ellen tief unter dem Boden, gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverändert war, also dass man seine Gesichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit.
Als man ihn aber zutage ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Freunde und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als in Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüts erholt hatte, „es ist mein Verlobter,“ sagte sie endlich, „um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen lässt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen und nimmer heraufgekommen.“

Da wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen ließ, als die einzige, die ihm angehöre, und ein Recht an ihm habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof. Den andern Tag, als das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloss sie ein Kästlein auf, legte sie ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um, und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre.
Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: „Schlafe nun wohl und lass dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch ein wenig zu tun und komme bald, und bald wird’s wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Mal auch nicht behalten,“ sagte sie, als sie fortging und noch einmal umschaute.

Kalendergeschichten

Rainer Gross: Kloster Beuron

Von Mörsingen her öffnet sich das Land. Buntflur, Turmhelme zeigen aus den Obstwiesen, die Krume ist fetter hier, das sind keine Schafrasen mehr: Die Alb läuft ins Oberschwäbische aus. Unten im Donautal, wo Kalktürme in den Wald hinaufstehen, drückt die Straße eng am Hangfuß und windet sich. Oben krönt eine Veste den Riffkranz, weiß gegen den Himmel mit stürzenden Mauern. Quartiert Wanderer ein, luftige Herberge: Wildenstein. Über eine Holzbrücke quert man den Fluss in den Wald hinein und steigt zu ihr hinauf wie zum Rand eines Brunnens.

Am Parkplatz vor dem Kloster ziehe ich mich um. Den Ort kenne ich rasch wieder. Ich lasse die Kofferschlösser knacken, ziehe mich um, aus einer offenen Autotür tönt Musik. Auch der Gedenkstein mahnt noch: Frag nicht, wer einst in seinem Schatten tanzt. Ich frage nicht. Ich pflanze keinen Baum. Eiskaffee im Hotel Pelikan, erinnere ich mich, weiße Blechtische unter Sonnenschirmen, Geranienkästen, sie hatte Urlaub und fuhr mit dem Rad weiter. Unser Zelt zwischen Talhang und Stoppelwiese, hinterm Brennnesselwald die Donau. Das Handtuch über der Schulter und ein Blick nach den Wolken, die ziehen nach Norden.

Auf dem Weg zum Kloster, unterm Schatten der Buchen, stehe ich wieder vor dem Kruzifix: der Gekreuzigte über Pfingstrosen, hölzerne Pein, Flieder und Schneeball. Unter dem kleinen Wetterdach der Spruch mit den zierlichen Stäben, das kann nur mir gelten, dachte ich damals, als sie schon vorausgegangen war. Las zweimal, dreimal, bis ich die verquere Logik begriff. Hat je dich einer mehr geliebt als ich, stand linkerhand, es war, als spräche mich da einer vom Wegrand her an, und rechterhand die Auflösung: darfst du ihn lieben mehr als mich. Dass die Wahrheit mit Liebe zu tun hat, das verstand ich zum ersten Mal.

Durch eine schmiedeeiserne Pforte gelange ich in den Klosterhof. Ein Säulenportal mit kupfernem Latein: Sanctificavit Dominus tabernaculum, handgeschrieben und mit Klebestreifen ein Zettel, wonach die Kleidung der Würde des Gotteshauses undsoweiter, ich bin froh, nicht im Lederanzug geblieben zu sein.

Beim Eintritt Kühle. Die dünne Strenge der Luft kommt vom Weihrauch. Das Schiff lichträumig, weit, gründend. Der weiße Verputz mit Goldrändern und blühenden Stuckrosen, Blattgerank, reseda und kalkrot; die Galerie schwingt als Säulengang unter der Kuppelwölbung. Die Fresken, bibelbunt, stürzen himmelwärts; Prunk und Zier, denke ich, Preis und Lob, das Rühmen des Bereichs, wo der Gott wohnt. So hat ja der Philosoph den griechischen Tempel beschrieben, und im Weltkrieg rettete er die Bibelsammlung in Rucksäcken.
Eine eigentümliche Welt. Eine sichfreuende Christenheit mit Hostie und Messegerät, Gipsfiguren gewandet mit Heiligenschein am Draht, eine Wunderwelt durchherrscht von Gebot und Willen. Die Nachfolger stehen segnend an den Wüstenstraßen Judäas, reichen Bedürftigen und lassen sich die Säume küssen. Speisung der Fünftausend: Es reicht für alle, in Werbesprüchen glauben wir das wieder. Aber hier stehen sie handbemalt wie zur Weihnachtskrippe, in der Kühle marmorner Schreine, und gehören sich nicht. Hier gehört sich vieles nicht: das Tragen von kurzen Röcken, das Herumgehen während des Gottesdienstes, das Schreiben in Notizbücher auf Kirchenbänken. Hier gehört alles Ihm. Oder ihr, Muttergottes, im roten Gewand mit dem blauen Mantel.

Unterwegs zwischen den Orten besuche ich gerne Kirchen, könnte ich erzählen. Die Kühle und Stille ziehen mich an, das Sitzen und Schweigen, das Horchen auf eine Gegenwart. Die junge Frau etwa, dort vorn im Mittelgang, wie sie hütend ihr Kind hält, niewiederhergebend, mit der Hand den zerbrechlichen Kopf und darübergebeugt, leise liebelnd mit ihm, es lacht vielleicht. Der Benediktiner in schwarzer Kutte, der, lange Tuchrollen unter den Armen, nicht am Altar vorbeikommt, ohne niederzuknien. Eine Bruderschaft, denke ich. Neuling und Novize vor dem Abt, im Schatten des Hierophanten. Wem zu Willen? Die Mönche werden hier noch ihr zurückgezogenes Leben führen, wenn ich längst wieder bei Menschen bin, wenn es über der Oststadt fahl wird und die Maschinen anlaufen fünf Minuten vor Schichtbeginn.

Die Hände auf dem Rücken, stehe ich in der Vierung und tue einen Blick hinein in die Kapelle im Seitenschiff. Am Ende unter mächtigem Bogen der Altar, eingefriedet von weißen glänzenden Kerzen, ein Baldachin, Hängeampeln, Intarsien aus Edelholz. Ein Mosaik an der Wand, der Gottessohn in den Armen seiner Mutter. Cum Maria mater jesu. Eine Frau kniet nieder und bekreuzigt sich, bevor sie in die Bank tritt. Ein alter Mann betet stumm mit gesenktem Kopf.

Eine eigentümliche Welt, denke ich. Ein Wohnen in der Leere des Immerkommenden. Eine Reinheit, wo Jungfrauen herrschen, einfach, streng und klar. Die Schatten härter, die Abgründe tiefer, Gelöbnis, Weihe und letztlich Keuschheit. Das Geheimnis der Kargheit.
Man muss erwachsen und altgeworden sein darin, denke ich, mit den Bitten fürs eigene Fleisch, das zarte und zehrende, sein Weib erkannt haben zwischen steifen Laken und in dünnen Nächten die virgo Dei mit ihrem Blau und Rot, um niederzuknien und ihr den Saum zu küssen. Ich aber stehe, die Hände auf dem Rücken, und ergebe mich nicht. Bloß werden mir die Augen feucht. Der Sohn des Vaters, denke ich, der Menschensohn, zu seinen Füßen sitzen und ihm zuhören: Darauf könnte ich mich einlassen. Ich wende mich ab und gehe hinaus, in die Backofenhitze des Mittags, in das Alleinsein mit mir und über den Hof zur Pforte hinaus.

Aus Rainer Gross: Springinsfeld und Schauinsland: Streifzüge auf der Schwäbischen Alb, Norderstedt: BoD 2015.