AltersglückLeseprobe

Dietmar Bittrich
Altersglück
Vom Segen der Vergesslichkeit

 

Hoffmann & Campe, gebunden, 16,95 €

Bestellen

 

Piper Taschenbuch, 8,99 €

Bestellen

 

Ich hätte nie gedacht, dass Altern glücklich macht.

Peter Ustinov

 

Die ersten Alterserscheinungen zeigen sich? Wie erfreulich!

Das Gedächtnis lässt nach? Was für eine Erleichterung!

Mit erfrischendem Witz erzählt Dietmar Bittrich, wie wunderbar es ist, die Jugend endlich hinter sich zu lassen.

Nachts an der Elbe

Schlaflosigkeit ist kein Leiden, sondern eine Begabung. Scherze über senile Bettflucht habe ich bereits als Student zu hören bekommen. Schon damals erwachte ich nachts nach drei oder vier Stunden. Neben mir hörte ich ruhige Atemzüge, oder ich war allein. Ich lauschte eine Weile ins Dunkel, wartete, ob eine Welle der Müdigkeit zurückkehren würde, und wenn das nicht geschah, und es geschah selten, stand ich auf.
Ich schnürte die Turnschuhe – damals wusste ich noch, wie das geht –, zog eine Windjacke an und schlich durch das stille Treppenhaus hinaus in die kühle Nachtluft. Bis hinunter zum Elbufer waren es zehn Minuten. Vom Anleger in Neumühlen wanderte ich am Strand entlang, mit dem Glucksen der Wellen, im dunklen Wind, der nach Salz roch, nach nassem Sand und durchfeuchteten Balken und Teer, stromabwärts, an der Schachanlage vorbei, unter den Linden nach Teufelsbrück, dann unterhalb Nienstedtens bis nach Blankenese. Das waren fast zehn Kilometer, und wenn ich am Mühlenberg den Uferhang erstiegen hatte und bis zum Bahnhof gelangt war, fuhr gerade die erste S-Bahn stadteinwärts. Noch vor Morgengrauen erreichte ich unser Viertel, und während andere aufstanden, legte ich mich schlafen.
Auf dem Uferweg war ich schon damals nicht der einzige Nachtwanderer. Die Gestalten, die einander dort begegneten, hielten in der Dunkelheit respektvollen Abstand. Manchmal jedoch konnte ich ein Gesicht unter einer Mütze oder Kapuze erspähen; nicht immer war es jung. Eine unausgesprochene Verabredung schien die Nachtwanderer zu verbinden, als seien sie Verschworene gegen das Establishment des Tages. Niemand von diesen Sonderlingen würde den anderen verraten, bildete ich mir ein; und auf eigentümliche Weise wurde diese romantische Vorstellung eines Nachts auch bewiesen.

Gewöhnlich waren es Männer, die am Fluss entlang pilgerten. Doch in einer kühlen Mai-Nacht trippelte eine wunderliche Elfe auf dem Uferweg, weißhaarig unter einem Sommerhut mit Plastikblumen, bekleidet mit einem hellen Webmantel und einem noch leichteren Nachthemd, das ihr bis zu den Knien reichte. Darunter waren die Beine nackt; die Füße steckten in Halbsandalen. Seltsam zielstrebig war sie auf dem von Linden gesäumten Weg unterwegs, der sich hinter Oevelgönne bis Teufelsbrück hinzieht. Ich hatte an dem gusseisernen Geländer der Ufermauer gelehnt und eine Zigarette geraucht. Die Elfe war dicht vorbeigewandert, als wäre ich weniger als ein Schatten. Ich sah hier nach, dann tappte ich hinterher. Ich fühlte mich wie ein Botaniker der Renaissance, der die Blumen im Haar der Ophelia bestimmen will.
Als ich unmittelbar hinter ihr war, bemerkte ich ein Schild an ihrem Mantelkragen. Es sah aus wie eine Visitenkarte, die jemand unterhalb des Nackens in den Stoff gepinnt hatte. Damals waren solche Schilder noch selten; es war das erste Mal, dass ich eines sah. Wenn ich heute Nacht an die Elbe gehen würde, würde ich etlichen Wanderern mit solchen Schildern begegnen, zumal sich die Zahl der Seniorenresidenzen am Ufer bedeutend vermehrt hat.

Es ist jetzt gerade ein halbes Jahr her, dass ich dort an einem goldenen Septembertag zwei ergraute Männer beim Schachspielen sah; mit kniehohen Figuren auf dem Feld aus schwarzen und weißen Zementplatten unter dem kuppelförmigen Pavillondach. Ich wurde neugierig, weil einige Zuschauer laut debattierten. Einer der Spieler hatte seinen Springer in einer schrägen Geraden über das Feld ziehen wollen. Mit diesem unmöglichen Zug hätte er gewonnen.
„Das darf nur der Läufer!“, rief jemand. Darauf begab er sich zum schwarzen Läufer und schob ihn wie einen Turm geradeaus. Auch kein schlechter Zug, wenn er erlaubt gewesen wäre.
„So geht das nicht!“, rief sein Gegenspieler.
Der Mann blickte unsicher in die Runde. Man sah, dass er schwitzte. Er band den Schal ab. Als er sich umwandte, wurde hinten am Mantelkragen, ein Schild sichtbar. Einer las vor: „Rosenhof!“
Allgemeine Erkenntnis. Der Spieler nahm die Entlarvung mit gleichmütig hin.
„Und was machen wir nun?“, fragte der Zuschauer, der das Schild gelesen hatte.
„Wir spielen einfach weiter“, beschloss der andere Spieler und klatschte in die Hände. „Ich halte mich an seine Regeln. Das kann lustig werden.“
Nicht allen leuchtete diese Einstellung ein. Doch das wird sich ändern. In wenigen Jahren werden ausschließlich Leute mit Schildern dort unterwegs sein, ich unter ihnen und Sie ebenfalls. Spielen Sie Schach? Dann genehmigen wir uns eine Partie.

Vor fünfundzwanzig Jahren, als ich so dicht hinter der Elfe war, dass sie vermutlich nicht nur meinen Schritt, sondern auch meinen Atem hörte, musste ich erst begreifen, dass es sich an ihrem Mantelkragen um einen Namensschild handelte. Mir war so etwas unbekannt. Nun las ich die Angabe einer Telefonnummer und die Bitte um Benachrichtigung.
Die Zeit der Mobiltelefone war noch nicht angebrochen, die nächste Telefonzelle befand sich ein paar Kilometer entfernt am Anleger in Teufelsbrück. Ich holte meine Taschenlampe aus dem Mantel, entzifferte im trüben Schein den Namen und sagte: „Frau Peper?“, als würde ich sie kennen. „Kann ich Ihnen helfen?“
Jetzt hielt sie an. Um höflich zu sein, beleuchtete ich mit der Lampe nur mein eigenes Gesicht: „Verzeihen Sie, kann ich Ihnen helfen?“ Wenn ich sie irgendwo hinbringen müsste, wäre das eine Art Abenteuer, dachte ich und hoffte zugleich, sie würde nicht darauf eingehen. Das tat sie auch nicht. Ich schätzte sie auf Mitte siebzig. In ihren Zügen lag noch etwas Entschiedenes und Kraftvolles, aber aus ihrem Blick las ich die trunkenen Träume von Shakespeares phantastischer Jungfrau. „Wo möchten Sie hin?“, beharrte ich. „Ich kann Sie begleiten.“
Jetzt schien sie zu lächeln.
Ein Nachtwanderer, der aus der Gegenrichtung kam, wollte zunächst vorübergehen und zögerte dann, ein Mann um die fünfzig mit bogarthaft hochgeschlagenem Kragen.
„Die Dame hier hat sich möglicherweise verirrt“, erklärte ich.
Er kam heran. „Wohin möchten Sie denn?“
Sie lächelte.
„Finden Sie allein nach Haus!“, brachte er in einem Ton hervor, der Bestätigung nahelegte.
Sie nickte tatsächlich, allerdings auf eine Weise, die das Gegenteil ahnen ließ – es sei denn, sie fühlte sich überall zu Hause.
„Sie trägt ein Schild auf dem Rücken“, erläuterte ich. „Demnach heißt sie Peper.“
Sie reagierte nicht auf den Namen; vermutlich sprach ich ihn nicht korrekt aus.
Er studierte das Schild. „Sie ist weggelaufen“, stellte er mit Genugtuung fest und schüttelte ihr die Hand: „Herzlichen Glückwunsch!“
Sie strahlte.
Damals kam mir sein Verhalten angeberisch vor. Heute, da ich sein Alter erreicht habe, nehme ich an, dass er sich ihr näher fühlte als ich und dass er sich bereits in ihre Rolle einfühlen konnte; vermutlich spielt er sie heute. Es kam noch ein Dritter hinzu: ein Jogger. Auf jenem ebenen Teil des Elbuferweges war der Boden federnd weich; es gab keine Feldsteine oder Baumwurzeln. Nachtarbeiter, die nach der Schicht die Gelenke lockern wollten, konnten den Weg in vollkommener Dunkelheit gefahrlos entlang traben. Heute üben dort sogenannte rüstige Senioren für den Halbmarathon im April, bei dem eine von Jahr zu Jahr wachsende Zahl der Rüstigen sich weit jenseits der Strecke verirrt, irgendwohin laufend, wo gerade die Sonne scheint, und viel später nur dank des Chips im Schuh wieder auffindbar.
Damals gab es noch keine Chips. Wer sich verlief, verschwand fürs erste. Der Jogger verlangsamte den Schritt angesichts unserer kleinen Versammlung.
„Nichts Dramatisches“, informierte ich ihn und nahm ihn in den Kreis der Eingeweihten auf. „Diese Lady hier weiß nur nicht genau, wohin sie gehört.“
Er war etwas älter als ich und hätte auch ein Pfleger sein können, so schnell erkannte er die Situation. „Kommen Sie aus dem Augustinum?“, erkundigte er sich. Das Augustinum lag direkt am Ufer in Neumühlen. „Oder aus dem Rosenhof?“ Der befand sich weiter entfernt in Nienstedten.
Die Elfe, der die Beratungen zu langwierig oder zu bedrängend wurden, setzte sich ohne Antwort in Bewegung. Als hätte jemand den Schlüssel in ihrem Rücken gedreht und das Uhrwerk neu aufgezogen, vollendete sie den Schritt, in dem ich sie angehalten hatte, und setzte ihre Wanderschaft im vorherigen Tempo fort, die ungebetene Störung hinter sich lassend und ohne sich umzudrehen. Offensichtlich hatte sie uns nach wenigen Metern vergessen, wenn wir überhaupt in ihr Gedächtnis gelassen worden waren.
Leicht verwirrt blieben wir zurück. Der Jogger löste sich als erster. „Die hat’s hinter sich“, scherzte er und lief los, ihr nach, Richtung Rosenhof. Er überholte sie nach wenigen Schritten, winkte ihr aufmunternd zu und verschwand im Dunkeln.

Der Ältere schlug vor: „Wir lassen sie, irgendwo wird sie schon ankommen“, und begab sich weiter Richtung Neumühlen und Augustinum.
Und ich ging ihr nach. Sie wanderte rasch mit jener unerklärlichen Entschlossenheit und Kraft, die ich viele Jahre später wieder bei meiner Mutter bestaunen konnte, wenn sie als Achtzigjährige spätabends in der Lüneburger Heide aufbrach, um ihre Eltern in Stettin zu besuchen. Wohin es damals Frau Peper zog, wollte ich herausfinden. Ich überholte sie kurz vor Teufelsbrück, unbemerkt, keines Blickes gewürdigt, und wartete dann am Geländer der Anlegerbrücke, wo ich gewöhnlich meine zweite Zigarette rauchte.
Wie eine Balletttänzerin aus dem Hintergrund einer Bühne tauchte Frau Peper aus der Schwärze der Lindenallee auf und bog beschwingt in den Weg ein, der am kleinen Segelhafen vorbei zum Fähranleger führt. Angesichts der Helligkeit, die von den Bogenlampen der Elbchaussee herüberstrahlte, wurde sie unsicher. Es hätte gepasst, wenn sie im Licht dieser Scheinwerfer zu tanzen begonnen hätte.
Stattdessen sah es einen Augenblick lang so aus, als wolle sie den beleuchteten Uferweg verlassen und über die Chaussee ins Dunkel des Jenischparks verschwinden. Auch das wäre nicht unangemessen gewesen. Vom Erbauer des Parks, Caspar Voght, weiß man, dass er bei der Anpflanzung selbst mit Hand anlegte, und mit der Zeit auf immer auffälligere Weise. Der Senator Jenisch hatte ihm Gut und Park längst abgekauft, da begab sich der greise Baron Voght immer noch hinaus und grub Löcher, in die er anfangs Sträucher, dann nur noch Kuriosa pflanzte: Steine vom Elbstrand, Tabakspfeifen aus Meerschaum, elfenbeinerne Schnitzarbeiten aus dem Herrenhaus, Ringe mit Halbedelsteinen, eine schöne Taschenuhr des Martin Jenisch. „All das muss wachsen“, erklärte er. Tat es aber nicht. Bei Erdarbeiten vor wenigen Jahren wurden einige seiner eigentümlichen Samenkörner gefunden; aufgegangen war keines.
Doch die Elfe wandte sich nicht zu den in Nacht getauchten Anpflanzungen des Barons. Sie setzte ihre Wanderung am Fluss fort. Auf dem Parkplatz vor dem Anleger Teufelsbrück gab es eine Haltestelle, an der alle Stunde ein Nachtbus hielt. Daneben befand sich ein Taxistand.
Zu dieser Stunde wartete dort ein einziger Wagen. Der Fahrer las Zeitung. Als die federleichte Elfe vorbeiwanderte, wurde er aufmerksam. Er kurbelte das Fenster herunter. „Hallo!“, rief er. Dann stieg er aus: „Taxi?“ Tatsächlich hielt sie inne und sah hinüber. Taub war sie nicht. Doch als sie einen Storchenschritt auf ihn zu machte, entschied er sich anders. Es war erkennbar, dass es in diesem Fall mühsam werden würde, den Lohn einzutreiben, und für eine gute Tat gab es zu wenige Zeugen. Er hätte Mühe gehabt, seinen Fahrgast am Zielort loszuwerden; bei Nacht kommt man leichter aus einem Altersheim heraus als hinein. So rutschte er wieder hinters Steuer, schloss die Tür und verschwand tiefer in seinem Sitz.
Für Frau Peper muss es gewesen sein, als sei eine Störung über den Bildschirm geflackert und gleich wieder verschwunden. Frohgemut setzte sie ihren Weg fort, vorbei an der Anlegerbrücke, von der eine Wolke Zigarettenrauch zu ihr trieb. Ich wusste damals noch nicht, dass mit dem schwindenden Gedächtnis auch die Fähigkeit nachlässt, Aromen zu unterscheiden und überhaupt wahrzunehmen. Ich sah nur, dass sie unbeirrt weiter schritt, nun auf dem breiten Sandweg Richtung Nienstedten, auf dem sich an den Wochenenden Spaziergänger drängen. Sie ging dort allein.
Ich folgte ihr nicht mehr. Für eine Mainacht war sie gerade warm genug angezogen; wenn sie sich zum Ausruhen auf eine betaute Bank setzen wollte, wäre das schon fraglich. Doch sie kam mir gut aufgehoben vor. Augenscheinlich wurde sie, wie alle erinnerungsfreien Wanderer, von einem Schutzengel begleitet, von einem humorvollen zweifellos; vielleicht war sie selber einer.
Ich wandte mich vom Uferweg ab, um durch den Jenischpark nach Hause zu wandern. Zuletzt sah ich sie um jene Biegung verschwinden, an der ein damals neu errichtetes Schild das Elbufer zum Abschnitt eines Fernwanderweges ausrief, der von Sizilien nach Kopenhagen reicht. Ihre Richtung – das freute mich für ihre nächste Verwandte, die Meerjungfrau – war Kopenhagen.

Bekanntlich hat der ehrenwerte Rabbi Nachman von Breslov seinen Schülern Wanderungen am Flussufer empfohlen, um sich von drückenden Gedanken zu befreien. Beim Blick auf das fließende Wasser werde alles Belastende fortgeschwemmt. Und da nur Erinnerungen belastend sein können – auch Zukunftsfurcht besteht nur aus übertragenen Erinnerungen –, verrauschen am Fluss Gedächtnis und Trübsinn.
Anwohner von Flüssen seien glücklicher, erzählte Mark Twain. Dass sie auch ein schlechteres Gedächtnis haben, wofür er selbst ein exzellentes Beispiel war, fanden erst hundert Jahre nach ihm Neurobiologen der Irvine University heraus. Das wüstenhafte Irvine südlich von Los Angeles hat keinen Fluss. Dort muss man sich an alles erinnern. Es sei denn, man verlegt sein Leben in die Nacht. Denn auch Nachtarbeitern kommt das Gedächtnis früher abhanden, bewiesen die Forscher. Oder es ist umgekehrt: Wem das Gedächtnis abhanden kommt, der ist auch in wachen Nächten glücklich.

Es gibt eine Szene im Prosa-Lancelot, dem weitschweifigen Epos von Lancelot und Ginover aus dem dreizehnten Jahrhundert. Der Roman schildert nicht nur die umständlichen Abenteuer der Gralssucher und die Leidenschaft zwischen Ritter und Königin. Zum ersten Mal wird hier von der Auflösung der Artuswelt erzählt und vom allmählichen Wunderlichwerden des Königs. Während die Ritter feiern, sitzt Artus schweigsam und sonderbar lächelnd am Tisch. Er ist kaum älter als sechzig, doch in dieser Epoche gilt das als alt, fast greisenhaft. Derweil um ihn herum gezecht und gesungen wird, lächelt er seinen Becher an, pocht mit dem Finger dagegen und lauscht diesem Klang. Die Ritter wollen etwas wissen, sie erkundigen sich nach den nächsten Fahrten, sie erwarten Anweisungen, sie fragen – Artus antwortet nicht, er erhebt sich und geht hinaus.
Der König hätte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viele Punkte im DemTect-Test gesammelt. Aber er hätte denselben Test bestanden wie Rita Hayworth: den der Wahrhaftigkeit. Als die Ritter ihn später erbittert bestürmen und er sich nicht entziehen kann, antwortet er mit demselben Satz wie Rita, nur in sperrigem Mittelhochdeutsch: „Das spielt keine Rolle.“ Die Ritter „erschaudern“, so heißt es, denn sie glauben noch fest an ihre Rolle. Sie halten es noch für wichtig, wie splitterfest die Lanzen sind und wie rostfrei die Rüstungen – und vor allem, wo das ersehnte heilige Gefäß aufzutreiben sein mag, der Gral.
Für Artus ist dieses Rollenspiel zu Ende. Die Ritter versuchen, sich seinen Wandlung zu erklären, und finden auch etwas. Bestürzt raunen sie einander die unheimliche Ahnung zu: Artus habe „aus dem dunklen Fluss getrunken, dessen Wasser Schlafmüdigkeit und Vergessen bringt“.
Schlafmüdigkeit und Vergessen. Derselbe Fluss rauscht magische Jahrhunderte später durch den Nachtwald, den Tolkiens Hobbits durchqueren müssen. Ihr Lehrer Gandalf rät ihnen, zumindest auf dem Hinweg noch nicht davon zu kosten. Auf dem Rückweg hingegen, wenn genügend Abenteuer bestanden sind und wenn sich Erfolg und Misserfolg als gänzlich gleichwertig herausgestellt haben, möge ein kleiner Trunk des Vergessens heilend sein und der Seele zur Ruhe verhelfen.
Ich selbst habe mich auf das Wasser dieses Flusses gefreut, seit ich die Passage im Prosa-Lancelot gelesen habe. Es gibt nichts Erholsameres als Schlaf und Vergessen. Die jungen Ritter im mittelalterlichen Roman sind zu verstrickt in ihre Vorstellungen, um das zu ermessen. Erst allmählich dämmert ihnen die ungeheure Wahrheit: dass der Gral mit nichts anderem gefüllt sein kann als mit dem Wasser dieses Flusses. Artus hat davon getrunken und seinen Frieden gefunden. Die Ritter, die sich ewiges Leben in ewigem Frühling erhofft hatten, brechen ihre Suche ab. Die Tafelrunde löst sich auf.

Menu