Böse Sprüche für jeden TagLeseprobe
boese_sprüche_hoverDietmar Bittrich
Böse Sprüche für jeden Tag
Die Wahrheit über die 12 Zeichen
dtv, Taschenbuch, 4,95 €

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„Wenn du nichts Schlechtes über einen andren zu sagen weißt, sage lieber überhaupt nichts.“ – Jane Austen

„Gute Menschen reizen die Geduld, böse reizen die Phantasie“, schrieb Oscar Wilde. Hier winkt Abhilfe gegen das Übermaß an guten Menschen. Gegen all die sonnige Heuchelei. In diesem Buch gibt es für jeden Tag des Jahres einen boshaften Spruch. Das belebt, erfrischt, beflügelt.

Mit dem schadenfrohen Wort eines Klassikers lässt sich die gute Laune eines Nachbarn leicht ertragen. Ein böser Indianerspruch wirkt Wunder, wenn der Optimismus des Kollegen an den Nerven zehrt. Und beim Besuch der heiteren Tante – „ich denke immer positiv“ – sorgt ein boshafter Spruch im Herzen für Gelassenheit. Das ist nicht nur befreiend. Das schafft ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit. Es macht glücklich.

4. Januar
Betrachte nicht müßig den Steinhaufen, sondern frage dich, wen du damit bewerfen kannst. – Persisches Sprichwort

8. Januar
Wenn du einen Blinden ins Kino mitnimmst, achte darauf, dass es ein Stummfilm ist. – Buster Keaton

9. Januar
Anderen eine Grube zu graben, ist anstrengend, doch es zahlt sich fast immer aus. – D. H. Lawrence

20. Februar
Wenn deinem Freund kein großes Unglück widerfährt, musst du dich mit seinen kleinen Missgeschicken zufrieden gebe. – Kurdisches Sprichwort

5. März
Wer herzhaft lacht, hat mich nicht richtig verstanden. – Che Guevara

23. März
Von langem Leid bist du genesen, zu früh wohl sind wir froh gewesen. – Westfälischer Erbspruch

8. April
Wenn du jemandem auf die Brille trittst, erinnere ihn: Man sieht nur mit dem Herzen gut. – Antoine de Saint-Exupéry

14. April
Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen, und dorthin rudern, wo sie nicht mehr stehen können. – Friesischer Wahrspruch

9. Mai
Wir müssten uns unserer guten Taten schämen, wenn die Beweggründe ans Licht kämen. – La Rochefoucauld

16. Juni
Lobe den Brunnen, in den deine Schwiegermutter gefallen ist, aber schöpfe kein Wasser daraus. – Aus Andalusien

20. Juli
Willst du dich des Lebens freuen, denke auch an unser Glück. Kehrst als Gast du bei uns ein, fahre bald nach Haus zurück. – Pfälzer Inschrift

11. August
Alles Unheil auf der Welt stammt von Menschen, die glauben, sie müssten etwas Gutes tun. – Arthur Koestler

10. September
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, denn es steckt in meinem Safe. – Philippe de Rothschild

28. September
Jedes Mal, wenn ich meinem inneren Kind begegne, bekommt es eine schallende Ohrfeige. – Anthony Burgess

1. Oktober
Wer einmal in den Spiegel geschaut hat, kann nicht mehr an Gott glauben. – Liz Taylor

10. November
Erst ist es schwierig, dann ist es unmöglich, dann ist es passiert. – Egon Krenz

2. Dezember
Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir nicht so viel Zeit mit Wohltätigkeit verschwenden. – Margarete Astor

25. Dezember
An einem Familientreffen sind nicht nur die Schuld, die es ausrichten, sondern auch die, die es nicht verhindern. – Karl Kraus

Nachwort: Hat er das wirklich gesagt?

Ja, hat er. Gorbatschow hat wirklich gesagt: „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren“. Wortwörtlich. Na, und? Ist das originell? Nein. Originell ist, was ein Korrespondent daraus machte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Das ging um die Welt. Dafür ist Gorbi nun berühmt. Für etwas, das er nie gesagt hat. „Hauptsache der Name ist richtig geschrieben“, erklärte Curd Jürgens, von dem zu Lebzeiten alles und das Gegenteil von allem zitiert wurde. „Die erfundenen Sprüche sind oft schlauer als das, was ich wirklich gesagt habe.“
So geht es vielen, und gerade den größten. Wir wissen nicht, ob der Rabbi Joshua ein einziges jener Worte so gesprochen hat, wie es heute als Jesus-Wort zitiert wird. Das wenigste, was in den Evangelien steht, gilt als authentisch. Und auch dieses wenige wurde erst dreißig Jahre nach seinem Tod aufgeschrieben, von Leuten, die ihn nicht persönlich erlebt hatten. Macht ja nichts! Bei Buddha ist es kaum besser. Mit der Aufzeichnung seiner Reden wurde dreihundert Jahre nach seinem Tod begonnen. Bis dahin wurden sie mündlich weitergegeben, nach dem großmütigen Prinzip „Stille Post“: Jeder erzählt die Version weiter, die er für richtig hält.
Warum auch nicht? Wichtig ist nichts davon. Keiner der heute kursierenden Sprüche von Martin Luther („Hier stehe ich und kann nicht anders“, „Warum rülpset und forzet ihr nicht“, „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen“) – keiner findet sich in seinen Schriften. Diese Worte sind später von anderen ersonnen und ihm zugeschrieben worden, unter dem freizügigen Motto: „Das hätte er auch sagen können.“ Das Wort, das wir hier in die Sammlung böser Sprüche aufgenommen haben – „Wenn ich einen Furz lasse, soll man es bis Rom riechen“ – das steht allerdings in Luthers Schriften. Das ist echt.
Intelligent ist es deshalb noch nicht. Das gehört zu den sonderbaren Erfahrungen, wenn wir genauer nachforschen: Die weisen Leuten haben bei weitem nicht so viel Weises geäußert, wie von ihnen zitiert wird. Vor allem waren sie nicht so wohl wollend und menschenfreundlich, wie ihre Aura suggeriert. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, schrieb Antoine de Saint-Exupéry. Bereits zu seinen Lebzeiten war das der Greatest Hit unter seinen Sprüchen. Auf jeder Party musste er sich dieses romantischen Zitats erwehren. „Ja, ja“, murrte er dann, „das können Sie jemandem sagen, dem Sie auf die Brille getreten sind.“ Man soll Weise nicht mit ihren Weisheiten behelligen. Sie werden sonst sehr ungehalten. Vielleicht, weil sie lieber wahrhaftig als weise sind.
„Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt; genieße ihn, schon auf dem zweiten wirst du straucheln“, heißt eine pointierte chinesische Erkenntnis. In geblümten Spruchsammlungen wird immer nur die erste Hälfte wiedergegeben. Das Straucheln darf nicht vorkommen. Weil es der Lebenswirklichkeit zu nahe ist? Und weshalb heißt es immer hochtrabend „Niemand steigt zweimal in denselben Fluss“, während das griechische Wort „piptein“ im Urtext „fallen“ heißt? „Niemand fällt zweimal in denselben Fluss“: Hatte Heraklit Humor? Natürlich! Alle Weisen hatten mehr Humor als die Poesiealben ihnen zugestehen! Sie wussten, dass ihre Weisheiten nicht wahr sind. Dass vielmehr die Erkenntnis von Hildegard von Bingen gilt: Von jedem Gedanken, der gedacht werden kann, ist auch das Gegenteil wahr.
Das ist ein tiefer mystischer Satz. Und er ist er in jeder Lebenslage anwendbar. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben? Häufig bestraft es denjenigen, der zu früh kommt. Und belohnt denjenigen, der zu spät kommt, etwa zum Flugplatz, wo er den abstürzenden Flieger verpasst. Von jedem Gedanken ist auch das Gegenteil wahr. Damit können wir jeden Spruch unserer positiv denkenden Tante aushebeln und unsere eigenen Sprüche schaffen. Sprüche wie in diesem Buch. Nicht jeden davon kann man ins Kissen sticken. Aber jeden kann man vollen Herzens genießen.

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