Dietmar Bittrich

Hamburger Liebschaften

Drei Erzählungen
Svato Verlag
gebunden
28 €

300 signierte und nummerierte Exemplare
durchgehend illustriert von Svato Zapletal

Taschenbuch

„In Hamburg“, schrieb Heinrich Heine, „wird die Liebe eingesalzen und getrocknet wie der Stockfisch, den sie dort verkaufen.“ Das stimmt nicht ganz. Dietmar Bittrich hat jedenfalls drei Fälle von Leidenschaft gefunden, deren ungezügelte Intensität mühelos der Salzluft standhält.
Er schildert die ruhmreichen und tödlichen Abenteuer des dänischen Königs Frederik in einem Etablissement am Gänsemarkt. Die haarsträubenden amourösen Verwicklungen um die berühmte Faust-Aufführung des Gustaf Gründgens.
Und schließlich jene gefährliche Leidenschaft, deren Feuer zu Hamburgs größter Katastrophe führte. Dass in allen drei Fällen Vorfahren des Autors in die Abenteuer verwickelt sind, ist kein Zufall.
Auch ihn selbst hat die Liebe an Hamburg gefesselt.
„Gut“, schreibt er, „dass es hier die aphrodisisch höchst wirksamen Stockfisch-Gerichte gibt.“

Leseprobe

Die Ferien meines Großvaters

Von der wunderbaren Liebesgeschichte meiner Großmutter mit dem dänischen König ist in der Öffentlichkeit nur das Ende bekannt geworden, und darin kommt allein der König vor: wie er an einem Abend im Mai aus dem Schatten des Lessing-Denkmals trat und einige unsichere Schritte über den Gänsemarkt machte, wie er auf das Pflaster stürzte, worauf die Portiers des Victoria-Cafés herbeieilten; wie sie ihn auf die Stufen des Bürck’schen Hauses setzten und ihn stützten, bis der Schutzmann kam, darüber gibt es ein Protokoll; weiter über das eilige Herbeirufen einer Droschke, die ihn zum Hafenkrankenhaus bringen sollte, und über seinen Tod in der Droschke; all das steht fest.
Aber gleich damals ist auch ein Gerücht aufgekommen, obwohl meine Großmutter und Frau Sieveking alles getan haben, um das zu verhindern; es ist trotzdem entstanden: das Gerücht, der König sei vom Kalkhof gekommen, von jenem feinsten und teuersten aller Hamburger Bordelle, welches am Gänsemarkt lag, und in dem meine Großmutter damals arbeitete. Dieses Gerücht enthält die Wahrheit. Ja, der König ist im Kalkhof gewesen, jedoch nicht aus Begierde, sondern weil er meine Großmutter liebte. Sie war die Leidenschaft seines Lebens, nur durfte niemand davon erfahren. Eine Liebe zwischen König und Dirne galt damals als Mesalliance. Heute ist das anders, man wäre froh, und deshalb erzähle ich hier davon, zum erstenmal.
Am Abend seines Todes war der König Frederik neunundsechzig Jahre alt, meine Großmutter war neunundzwanzig. „Dieser Altersunterschied hat mir nie etwas bedeutet“, sagte sie stolz. „Bei der Liebe zählt die Zeit nicht.“ Aber ein bisschen muss man die Zeit doch mitzählen, denn meine Großmutter war erst siebzehn gewesen und noch ganz neu in dem Bordell, als der König sie zum erstenmal erblickt hatte. Das war im Jahr Neunzehnhundert. Er war damals noch kein König, sondern, wegen seines zählebigen Vaters, immer noch Prinz. „Ein Prinz, wahrhaftig!“ sagte meine Großmutter. „In dem Augenblick, als er durch die Tür trat, wusste ich, dass er mein Märchenprinz war.“
Bei jenem ersten Besuch des Königs war meine Großmutter noch unberührt. Sie hatte gerade sieben Tage und Nächte im Kalkhof verbracht und wurde noch ausgebildet in den Fertigkeiten der Liebe. Hinter bemalten Wandschirmen verborgen, eingehüllt in schwere Portieren und durch die Gucklöcher in alten Gemälden durfte sie den erfahrenen Mädchen zusehen, einmal sogar der Bordellmutter selbst, der Frau Sieveking, wie die den Bürgermeister Mönckeberg empfing, den meine Großmutter später auch bedienen sollte. „Ich habe ja alle gehabt, alle die Großen“, erzählte sie. „Mindestens vier Bürgermeister und zwei Dutzend Senatoren, dazu die Grundeigentümer und die Notablen, wie wir sie nannten, Albert Ballin zum Beispiel, den bekannten Direktor der Hapag, Hermann Blohm, den Werftbesitzer, und Voss, seinen Kompagnon, auch den berühmten Reeder Laeisz, und natürlich Fritz Schumacher, den Oberbaumeister, und Höger, der damals das Chile-Haus baute, dann Edmund Siemers, der unbedingt eine Universität gründen wollte, Lichtwark von der Kunsthalle habe ich gehabt und den Maler Kalkreuth, ach, und all die Importeure von Salpeter und Reis, die Kaffeemakler und Zuckerspekulanten, die Husaren vom Wandsbeker Regiment und alle Herren von der Patriotischen Gesellschaft, jeden könnte ich dir beim Namen nennen und bis in die kleinsten Einzelheiten beschreiben, aber keiner war wie der dänische König!“
Der Prinz Frederik erschien in jenem Jahr Neunzehnhundert zum erstenmal in der gediegenen Backsteinvilla, obwohl er schon mehrmals in Hamburg Station gemacht hatte, meist auf der Rückreise aus dem Süden; in diesem Jahr jedoch war er ohne Familie unterwegs. Im Hamburger Hof am Jungfernstieg bewohnte er eine angejahrte Suite mit Blick auf die trübsinnige Alster. Als er an einem regnerischen Sommerabend vor dem Kalkhof stand, vor der eichenen Tür, die mit geschnitzten Segelschiffen verziert war und mit einem Wappen, in dem sich eine winzige Luke verbarg, wurde Frau Sieveking geholt, denn man kannte ihn nicht. Ihr genügte ein knapper Blick, um sogleich die Räumung des roten Salons zu veranlassen, in dem die Freier in Samtfauteuils vor funkelnden Gläsern die Wartezeit absaßen. Keiner von ihnen sollte diesen Gast zu Gesicht bekommen. Die Mädchen wurden auf ihre Zimmer geschickt, nur Madame Bugenhagen, die verschwiegene Dienerin von Reichskanzlern und Erzbischöfen, durfte neben Frau Sieveking dem hochgeborenen Mann gegenübertreten.
„Zuerst schwiegen die beiden demütig“, erzählte meine Großmutter. „Der Prinz war regungslos in der Eingangshalle stehengeblieben, unbeholfen und wohl ein wenig verwirrt, weil er solche Pracht nicht erwartet hatte.“
Und wahrhaftig, es war eine Pracht im Kalkhof! Von der Kassettendecke, die ein Oberlicht umschloss, hingen kristallene Lüster; ihr Schein wurde hundertfach wiedergegeben von geschliffenen Spiegeln, goldenem Brokat und kostbaren Vasen. In den halbrunden Nischen der Wand, aufwärts die Treppe begleitend, schimmerten die Statuen antiker Liebesgötter und Hermaphroditen, auf steinernen Reliefs umarmten sich die Paare des Apuleius und des Boccaccio, um die Galerie lief ein Fries, der auf Goldgrund die Belehrungen des Kamasutra darstellte, den marmornen Fußboden wärmten Teppiche aus Isfahan mit ornamentalen Sinnbildern morgenländischer Liebeskunst.
Es gab Ottomanen mit seidenen Überzügen und graziöse Tischchen mit frivolen Intarsien, auf dem Kaminsims eine Sammlung bronzener Satyrn, am Tresen des Empfangs eine Sphinx mit zwei roten Klingelknöpfen und darüber, von der Handelskammer gespendet, eine üppig sich wölbende Gallionsfigur mit abstehenden Ohren.
„Vielleicht ist das Haus ein wenig überladen gewesen“, gab meine Großmutter zu, „aber, herrje, so liebte man es in der Kaiserzeit!“

Der Königssohn stand starr vor Staunen. Es muss ihm vorgekommen sein, als sei er in einen Palast getreten. Womöglich hat er sich wie zu Hause gefühlt. „Und als er dann mich sah“, fügte meine Großmutter gerührt hinzu, „wusste er, dass er wirklich und zum erstenmal nach Hause gekommen war.“

Ungebeten und unangemeldet, aus einer Abseite, wo sie Eimer und Putzlumpen gesucht hatte, war meine Großmutter in das Schweigen der Halle getreten. Mit unheilvollem Knarren hatte sich die Tür der kleinen Kammer geöffnet, langsam, im gleichen Maß wie der fliederfarbene Mund von Frau Sieveking, die den kleinen Lehrling ganz einfach vergessen hatte. Zuerst war nur ein Fuß meiner Großmutter erschienen, die ja damals noch keine Großmutter war, sondern siebzehn und unberührt, danach der Eimer, und dann erst kam sie langsam selbst herausgekrochen und stand schließlich da in Kittel und Schürze und erriet aus den Gesichtszügen von Frau Sieveking und Madame Bugenhagen, dass sie irgendetwas falsch gemacht hatte.
„Aus. Vorbei, dachte ich bei diesen Blicken. Ende der Probezeit, der Rauswurf steht fest. Doch in diesem Augenblick machte der Mann einen Schritt auf mich zu und hob dabei den Arm wie in ungläubigem Staunen, verwundert wies er in meine Richtung, so als erkenne er mich, oder als habe er mich nach langer Suche endlich gefunden, und ich, weil ich erkannte, dass er ein Märchenprinz war, ließ vor Schreck den Eimer fallen, dass es polterte und schepperte und der Reeder Perthes im blauen Salon seinen Stolz verlor.“
Frau Sieveking und Madame Bugenhagen wollten den Prinzen zurückhalten. Er wandte nicht einmal den Blick. Traumwandlerisch, als würden seine Füße von unsichtbaren Dienern gezogen, schritt er auf meine Großmutter zu. Und obwohl sie ihn noch nie gesehen hatte, und er nicht sie, wusste sie, dass er ihretwegen gekommen war.
„Aber das Mädchen lernt noch“, erklärte Frau Sieveking hastig. Mit vorgerecktem Hals raunte sie dem Prinzen von hinten ins Ohr. „Es verfügt über keinerlei Kunst und Erfahrung. Hier dagegen, Madame Bugenhagen, ist ihres Geschicks und ihrer Fertigkeiten wegen in ganz Europa bei den Gekrönten und Edlen wie auch bei der Geistlichkeit und besonders bei betagten Kavalieren – “
Der Prinz brauchte nur ganz leicht die Schultern zu heben, und Frau Sieveking verstand, dass er sich entschieden hatte. Mit einer leichten Verbeugung wich sie nach hinten, wobei sie noch fratzenhaft die Lippen verbog, um meiner Großmutter lautlos und deutlich die Worte „Roter Salon“ einzuprägen. Dort war offenbar alles vorbereitet. Aber der Prinz wollte in keinen Salon. Die beiden Damen zogen sich zurück, Madame Bugenhagen nicht ohne einen aufreizenden spanischen Knicks, für den Fall, dass der Prinz zufällig noch in einen der Spiegel sehen sollte. Aber der Prinz sah in keinen Spiegel.
„Er hatte nur Augen für mich“, erzählte meine Großmutter. „Die beiden Damen hatte er bereits vergessen. Er hatte vergessen, dass er in einem Bordell war. Ich vergaß es in diesem Augenblick. Er hatte vergessen, dass Welten uns trennten. Ich auch. Und deshalb trennte uns nichts mehr.“
Er ergriff ihre Hand. Und als sei es ganz selbstverständlich oder seit langem verabredet, führte sie ihn in ihre Lehrlingskammer. Die lag an der Rückseite des Hauses und war dunkel mit nur einer kleinen Luke zum Küchenschacht, in dem keine Wohlgerüche nach oben stiegen. Das störte jetzt nicht. Auch nicht die unbequeme Pritsche, unter die meine Großmutter rasch das Nachtgeschirr schob, der harte Schemel nicht, auf den der Prinz sich setzte. Er wollte nur ihre Hand halten und ihr in die Augen sehen, das genügte ihm, und es genügte ihr, und so saßen sie lange, während draußen die Freier kamen und gingen, und erst gegen Morgen legten sie sich nieder, weil sie müde waren, und als gegen neun die Mädchen anklopften, um dem Königssohn Weißbrot und Honig zu bringen, fanden sie meine Großmutter immer noch unberührt. „Aber er hatte mich berührt“, sagte meine Großmutter, „und das tiefer als je ein anderer es hätte tun können und je getan hat.“
An diesem Tag musste der Portier des Hamburger Hofes mit einer höheren Summe bestochen werden als sonst; und die Botin des Bordells musste bei ihm auch am folgenden Morgen erscheinen und wieder an dem danach, denn drei Nächte konnte der Prinz in Hamburg bleiben. „Und die dritte Nacht“, sagte meine Großmutter, „kosteten wir so aus, wie zwei es tun, die voneinander lassen müssen, und die schon wissen, dass ihnen immer nur kurze Fristen des Nahseins vergönnt sein werden, aber lange Fristen der Sehnsucht. Und so ist es dann auch gekommen.“
In jenem Jahr Neunzehnhundert reiste der Prinz noch einmal im Herbst durch Hamburg und blieb wiederum drei Nächte, im folgenden Jahr machte er sogar viermal Station, dann wieder nur zweimal. In einem Jahr war es möglich, dass er fünfmal herkam und jedesmal eine Woche blieb, in einem anderen Jahr ging es nur ein einzigesmal und für eine Nacht, man wusste es nie, und im Jahr Neunzehnhundertsechs reiste er gar nicht, denn sein Vater war gestorben. Und nun war er König geworden und stand unter Aufsicht tuschelnder Lakaien und hellhöriger Minister.

Selige und unglückselige und wieder selige Fortsetzung im Buch…