Alle Orte die man knicken kannLeseprobe
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Dietmar Bittrich
Alle Orte die man knicken kann
Rowohlt, Taschenbuch, 5,95 €

 

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Leute, die viel gereist sind, erkennt man am unzufriedenen Gesichtsausdruck.
Mark Twain

Man muss nicht in New York gewesen sein. Auch nicht in Rio, auf den Seychellen oder in Prag. Nicht mal auf dem Markusplatz. Gerade Plätze, die von der Tourismusindustrie zu Traumzielen ausgerufen werden, erweisen sich vor Ort als Flops.
Von allen Sehenswürdigkeiten bleibt nur das Café in Erinnerung, in dem man sie vergessen durfte.

Mit frechem Charme erzählt Dietmar Bittrich, welche Highlights man entspannt streichen kann, wie man nebenbei lästige Mitreisende loswird, wie man alles Wichtige gekonnt umgeht – und anschließend hochintelligent darüber redet.

Das ultimative Gegenmittel zum „Da musst du noch hin!“-Hype

Warum Sie Louvre und Markusplatz knicken können

Öde Museen, düstere Kirchen, überteuerte Souvenirs: Dietmar Bittrich ist Vielreisender und hat ein herrlich sarkastisches Buch über angebliche touristische Traumziele geschrieben, die sich als Flop erweisen.

Paris: Staus und Pickel

„Nachdem Frankreichs Status als Grande Nation verloren gegangen ist, bleibt Paris doch immer noch eine Weltmetropole: die universale Hauptstadt der Hundescheiße.“ – Serge Gainsbourg, Chansonnier

Champs-Élysées.
Frittenbuden, Planet Hollywood, McDonald’s, Löwenbräukeller, grottige Straßencafés und Filialen der abgenudeltsten Modeketten säumen das, was Uneingeweihte für eine Prachtstraße hielten. Es handelt sich um eine für Militärparaden angelegte Meile, die an Nationalfeiertagen von Nuklearbombern überdonnert wird. Gewöhnlich herrscht hier einfach nur Verkehrsstau. Seit Nachkriegsgeneral Charles de Gaulle seine Landsleute aufforderte zu hupen, wenn sie in Europa nicht vorankämen, tun sie das auch zu Hause unaufhörlich. Das permanente Quäken auf den Champs-Élysées zieht magnetisch Greisinnen und taube Rentner an, die hier Reste ihres Gehörs wiederzuerlangen glauben. Alle anderen büßen es ein.

Louvre.
Pop-Artist Andy Warhol riet zum Besuch dieses Museumspalastes, weil man hier „die eindrucksvollste Versammlung von Heuchlern“ antreffe. Acht Millionen Besucher pro Jahr (zwanzigtausend am Tag) tun so, als würden sie sich für Rembrandt und Rubens interessieren und für die Schlafsäle mit ägyptischen, orientalischen, römischen, griechischen, etruskischen Altertümern, ganz zu schweigen von Möbeln, Textilien, Suppengeschirr. Das laut Henri Matisse „zweitdümmste Gesicht der Porträtmalerei“ hängt ebenfalls hier, die Mona Lisa, wegen der kurzsichtigen Studienreisenden unter Panzerglas. Matisse verriet nie, welches er für das dümmste Gesicht hielt. Das von Paris selbst? Der verblichene François Mitterrand nannte die gläserne Eingangspyramide des Louvre einen „Pickel im Gesicht von Paris“. Von den zahllosen Hautunreinheiten ist sie noch eine der bestgeputzten. Ein Muss im Louvre: die Toiletten in der Antikenabteilung.

London: Verrufene Orte

„Wenn man hier nicht wohnt und nie herkommt, geht es.“ – Judy Dench, Schauspielerin

Piccadilly Circus.
Eine Straßenkreuzung, die in der Zeit des britischen Kolonialimperiums für den Mittelpunkt der Welt gehalten wurde. Heute treffen hier Touristengruppen zusammen, die sich gegenseitig verstohlen fragen, warum sie hier sind. Keiner weiß es. Zu sehen ist immerhin eine überlebensgroße Coca-Cola-Reklame (beleuchtet).
St. Paul’s Cathedral. Die Kuppelkirche gilt als verrufener Ort, seit Charles und Diana hier getraut wurden. Zur Walpurgisnacht ist sie seither Treffpunkt englischer Wicca-Hexen. Touristen schleppen sich gegen einen hohen Eintrittspreis die Treppen zur Whispering Gallery hinauf, in deren Kuppel geflüsterte Worte von einer Seite zur anderen getragen werden. Manche schaffen es noch zur Stone Gallery, von wo aus man sich nach unten stürzen kann. St.-Paul’s-Architekt Christopher Wren wird als Londons letzter Baumeister von Rang verehrt. Er starb 1723.

Prag: Teuer & düster

„Ich weiß, warum ich hier weggegangen bin.“ – Nora Dvorakova alias Dolly Buster, Darstellerin

Hradschin, Burg und Veitsdom.
Der Hradschin ist der Berg. Darauf sitzt die Burg. Zu ihr gehört der Dom, benannt nach dem von Rinderwahnsinn befallenen heiligen Veit („Veitstanz“). Ab Ausgang Karlsbrücke sorgen Pfeile im Straßenbelag dafür, dass niemand sich verirrt: Hier geht’s zu den Tickethäuschen. Ohne Eintrittskarte plus Fotolizenz darf man die Burg kaum von außen betrachten und im Dom nur eine Gebetsnische aufsuchen.
Eigentlich reicht das. Der Dom ist düster. Die Fenster, durch die das Licht farbig hereinstrahlen könnte, sind dauerhaft verrußt. Die mit bunten Steinen verzierte Wenzelskapelle darf erst nach langem Anstehen im Gänsemarsch durchquert werden. Begeisterten Begleitern raten wir zum Besteigen des südlichen Turms. Die 270 Stufen und der ungetrübte Blick in Prags Schadstoffemissionen bringen auch Enthusiasten zum Schweigen. In den Gebäuden der Burg wird häufig noch der öde Wladislaw-Saal besucht, weil er im Ticketpreis inbegriffen ist. Die ranzige Gemäldegalerie im zweiten Hof wartet mit dem auf, was alle Fürsten überall gesammelt haben: Rubens, Tizian und barocke Schinken. Hübsch: die umgebenden Gärten. In ihnen nistet eine Zeckenart, welche die noch wenig bekannten Ehrlichiosen und Rickettsiosen überträgt. Einfach mal durchs Gebüsch streifen!

Florenz: Kunstgefängnis

„Die Altstadt ist immer schön, wenn sie wegen einer Bombendrohung geräumt werden muss.“ – Alberto Moravia, Romancier
Der David. „Die am schlechtesten proportionierte Skulptur der Renaissance“, laut Bildhauer Auguste Rodin, steht als Kopie vor dem Rathaus. Die kurzen Beine und der Wasserkopf werden von Fremdenführern damit entschuldigt, die Figur habe weit oben stehen sollen und wäre dann nicht so genau zu erkennen gewesen. Jetzt ist sie allzu genau zu erkennen. Die Florentiner Denkmalschutzbehörde erhält pro Tag etwa hundert Mails mit Hinweisen zur Penis-Verlängerung.
Uffizien. Das laut Picasso „deprimierendste Kunstgefängnis des Abendlandes“ beherbergte ursprünglich die Verwaltung der Stadt, bis im Laufe weniger Jahre dreiundzwanzig Beamte in den bedrückenden Räumen Selbstmord begingen. Seither müssen stündlich wechselnde Wärter die inhaftierten Gemälde und die zur Besichtigung verdammten Touristen bewachen. Kenner bleiben draußen, genießen den Anblick der Schlangen am Eingang, zitieren Picasso und gehen Kaffee trinken.

Venedig: Taubenklo

„Wer aus dieser Stadt nicht flieht, der kennt sie nicht.“ – Giacomo Casanova, Weltreisender

Canal Grande.
Gewöhnlich besteigen alle Touristen am Piazzale Roma ein Fährschiff der Linie 1. Die Reiseführer raten dazu. Das Schiff, eng bepackt wie ein Flüchtlingsboot, fährt im Zickzack den Canal Grande entlang, die Hauptverkehrsader Venedigs. Bis zum Markusplatz sind es vier Kilometer. Bis dahin werden zweihundert Häuser und Kirchen passiert, pro Person durchschnittlich dreiundachtzig Fotos geschossen und je Lunge elf Kubikmeter Diesel, Deo und Achselschweiß eingeatmet. Die Erleichterung beim Aussteigen ist groß. Ihr folgt die Erkenntnis, dass die überstandene Schaukelfahrt das Beste war. Alle anderen Blicke auf Venedig sind trüber und riechen strenger. Von jetzt an geht’s bergab.

Markusplatz.
Man kennt den Platz und die ihn umgebenden Fassaden. Nur sieht er auf Fotos und Canaletto-Gemälden stiller aus. Es ist laut hier, auch ohne Autos. Der italienische Vogelschutzverband hat den Platz zum elegantesten Taubenklo der Welt gewählt. Das marmorne Pflaster ist zugleich Ort der dauerhaftesten Menschenversammlung der Welt, nicht mal die Teilnehmer scheinen zu wechseln. Sie sehen immer gleich aus. Die Schlangen vor Dom und Dogenpalast verleiten zu der irrigen Vermutung, hier gebe es etwas zu sehen. Doch wer sich durch den Dom schieben lässt, sieht trübe Mosaiken. Und im Dogenpalast herrscht die Ödnis großer leerer Räume. Den einzeln stehenden Glockenturm besteigt nur, wer unbedingt das Bild live sehen will, das von der oben befestigten Webcam gesendet wird.

Istanbul: Kitsch & Ramsch

„Nee, echt toll hier.“ – Christoph Daum, Fußballer

Hagia Sophia.
Dieser Kuppelbau sieht aus wie eine Moschee. Doch es ist umgekehrt: Die Heilige Weisheit war die erste große Kirche des Christentums und wurde zum Vorbild für große Moscheen. Als Konstantinopel 1453 von osmanischen Truppen geplündert wurde, blieb das tausend Jahre alte Gebäude stehen. Es wurde zur Moschee umgewidmet und mit Minaretten umstellt. Und eine Moschee blieb es, bis der unsentimentale Republikgründer Atatürk es vor knapp achtzig Jahren zum Museum erklärte. Im düsteren Inneren führt eine gewundene Rampe aufwärts zu überputzten Gemälden und grämlichen Mosaiken. Den besten Blick hat man, wenn man ein paar Postkarten anschaut. Vor Ort stören Gerüste den Blick, und zwar immer. Ein Arbeiter ist nie darauf zu sehen. Vermutlich sollen Ständer und Balken nur die Kuppel abstützen, die nach Prophezeiungen orthodoxer Gelehrter beim nächsten Beben den ganzen Dark Room unter sich begraben wird.

Großer Basar.
Das überdachte Gängeviertel namens Großer Basar gehört zum Schnupperprogramm „Orient – beinahe echt“. Hier gibt es alles, was keiner haben will. Kreischbunte Stoffe, schnörkelige Hängelampen, behämmerte Kessel, klapprige Smartphones, verpilzte Gewürze, siruptriefendes Gebäck, schartenfreie Messer zum Schächten und Spaten zum Eingraben widerspenstiger Töchter. Die von den Händlern genannten Preise lassen sich um die Hälfte drücken und sind dann nur noch doppelt so hoch wie die Preise für gleiche Ware außerhalb.

Ägypten: Kunstberge

„Ich reise nicht in Länder, in denen das letzte intelligente Leben vor 3000 Jahren ausgestorben ist.“ – Isaac Babel, Schriftsteller

Die Pyramiden.
Die Pyramiden befinden sich gleich außerhalb von Kairo, auf einem Plateau namens Gizeh. Laut Umfrage der Tourismusbehörde besteht die erste Reaktion bei ihrem Anblick nicht im Enthusiasmus oder Staunen, sondern in Äußerungen wie: „Aha, da sind sie also.“ Es sind eben nur sandfarbene Kunstberge, die keineswegs an Prachtentfaltung erinnern, sondern an Abraumhalden. Dass im Inneren Sarkophage standen, deren Inhalt auf erneuerte Weltherrschaft wartete, macht den monumentalen Flop nur noch deutlicher. Die zweite Reaktion ist übrigens nicht Enttäuschung, sondern ein Fluchtreflex. Das liegt an der Fülle schwitzender Einheimischer, die Kamelritte, heilsamen Skarabäenkot und Pharaonenpüppchen aus Plastik verkaufen wollen.

Luxor-Tempel.
Dieses Gelände wird gewöhnlich abends besichtigt, weil es mitten in der Stadt liegt und bei Tag zu trübsinnig wirkt. Die Beleuchtung widmet sich vor allem den Kapitellen der Säulen und den Gewölben und lässt die unten sich drängenden Massen in Dämmerung versinken. Sphinxen (Kenner sagen Sphingen) mit verwaschenen Widderköpfen liegen Spalier an einer Allee, die mal nach Karnak führte, jetzt aber an baufälligen Mietskasernen endet. Es gibt noch eine sitzende Statue von irgendeinem Ramses sowie eine stehende Statue und einen Obelisken, bei dem die meisten Besucher sagen: Nun reicht es langsam. Aber es geht immer weiter.

Peking: Einschläfernd

„Wer sich einmal von allen unverstanden fühlen möchte, ist in China genau richtig.“ – Tiziano Terzani, Autor

Verbotene Stadt. Diese festungsartige Anlage war keineswegs verbotener als irgendein anderer Palast oder Regierungssitz der Welt und niemals so verboten wie jetzt das Weiße Haus. Es durfte ganz einfach nicht jeder unaufgefordert reinmarschieren. Der mystifizierende Name hat sich jedoch als hilfreich erwiesen für das trübsinnige Ensemble von Bauten. Lediglich vom Hügel dahinter ist die Anlage sehenswert, wenn die Vielzahl der Pagodendächer daraus hervorragt. Wer hingegen innerhalb der Ummauerung unterwegs ist, gewinnt den Eindruck, China brauche keinesfalls noch ein drittes Disneyland (das erste befindet sich in Hongkong, das zweite bei Shanghai). Dies hier reicht. Zwar ist das Areal fast einen Kilometer lang und über siebenhundert Meter breit, doch fünfzig Millionen ausländische Besucher pro Jahr füllen es mühelos, belegen jeden Bau, jeden Hof, jeden Gang, jedes „Halle der Harmonie“ genannte Klo. Angeblich gibt es neunhundert Gebäude, doch da müssen Besenkammern und Schuhschränke mitgezählt worden sein. Die Erläuterungen des Fremdenführers, welche Hofschranze unter welchem Dach nistete, langweilen schnell. Vollends einschläfernd ist der vorgeschriebene Besuch des Palastmuseums mit einer endlosen Folge von Tuschezeichnungen, Wandbehängen, Kalligrafien, Emaille, Lack und Jade. Die Fantasie wird allenfalls angeregt vom Thronsaal und von den Wohnungen der auserwählten Frauen. Sie erhängten sich, wenn ihr Gebieter gestorben war (bei manchen war Hilfestellung nötig) – ein Brauch, der auf Chinas Weg zurück zur Ursprünglichkeit wieder eingeführt werden soll.

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