Die LesungWird meine Frau vor mir erleuchtet?Ich werde lächelnReisen zur SelbsterkenntnisWenn Männer Schnupfen habenVernissageDanke, dass sie verreisen!Verdampfen im SüdenBange HeimkehrUnd jetzt kommen die Anderen zu BesuchSie husten gern?
Gehen Sie gern zu etwas, das „Lesung“ heißt? Ich eigentlich auch nicht. Aber manchmal tun wir jemandem einen Gefallen. Dann treten wir beklommen in eine Buchhandlung mit Klappstühlen oder in einen schwach gefüllten Saal und fragen uns bang, wie lange die Sache wohl dauern wird.

Die anderen Besucher wirken auch so, als fühlten sie sich nicht ganz wohl. Sie sehen ernst und bekümmert aus. Scheu taxieren sie einander. Entweder es sind Intellektuelle, oder sie machen sich Sorgen, dass sie keine sind. Oder es sind Angestellte des Veranstalters, die zum Bleiben verdonnert sind.

Wir setzen uns auf keinen Fall in die erste Reihe, sind allerdings trotzdem beleidigt, wenn jemand sich vor uns pflanzt. Dem Programmzettel müssen wir entnehmen, dass der Autor mehrere Bücher geschrieben hat und anderswo bereits gelobt worden ist.

Eine Buchhändlerin, die es gut meint, oder ein Kulturvertreter, der sich auch nicht auskennt, stolpern durch eine kurze Einführung. Dann schlurft der Autor zum Pult. Tuscheln im Publikum. Vergleiche. Das soll er – ? Doch, ja, tatsächlich, das muss er sein! Aber seit das Foto für das Plakat gemacht worden ist, scheint er ungewöhnlich harte Zeiten durchgemacht zu haben. Umständlich holt er ein Buch aus seiner Plastiktüte. Es ist schreckenerregend dick. Hoffentlich hat er nicht noch ein weiteres dabei?

Das Verlockendste an ihm ist die Flasche Mineralwasser auf seinem Tisch. Wir haben leider nichts zu trinken. Ein Kaffeeautomat surrt am anderen Ende des Raums. Zu spät. Der Autor stottert bereits eine Entschuldigung für seine Werke. Dann nimmt das Nuscheln seinen Lauf. Anfangs versuchen wir, wohlmeinend zu folgen. Dann schweifen wir ab. Nicht aus bösem Willen, nein, er inspiriert uns dazu! Denn da tauchte doch eben ein Name in seinem Text auf, der erinnert uns an etwas. Ja, hieß nicht damals unsere Nachbarin so ähnlich? In der anderen Stadt? Oder ein Lehrer? Wir entsinnen uns heller Kindheitstage, die erste Liebe leuchtet auf.

Auch andere Besucher hören längst nicht mehr zu. Wir erkennen es am entrückten Lächeln auf ihren Gesichtern. Nur selten, wenn der Autor hustet oder dramatisch tut, werden wir aufgestört. Allerdings gibt es auch Autoren, die beim Vorlesen den Augenkontakt suchen. Speziell für sie reaktivieren wir unseren undurchschaubaren interessierten Blick, den wir in endlosen Schulstunden erprobt haben und hinter dem sich nichts verbirgt als selige Leere.

Doch unser Blick wird auch zu Höherem geleitet: etwa zur Decke des Raumes. Da gibt es hochinteressante Rauchmelder und eine Sprinkleranlage. Und erstaunlich, all die Löcher in den Dämmplatten! Wie viele mögen es sein? Sollen wir mal zählen? In einer Buchhandlung bietet sich überdies die Möglichkeit, die Buchrücken in den Regalen zu studieren. Andere Besucher tun das längst. Wir erkennen es an ihren verrenkten Hälsen.

Vorne, in völliger Fehleinschätzung der Lage, mosert der Autor unverdrossen fort. Ob wir wohl unser Smartphone herausziehen und die Mails checken dürfen? Wahrscheinlich würde das auffallen. Bei Lesungen wird ja niemals das Licht gedimmt, aus durchschaubaren Gründen.

Das hat einen unglücklichen Nebeneffekt. Wir sind schutzlos den Blicken derjenigen ausgeliefert, die draußen am Schaufenster vorbeischlendern – schadenfroh. Für sie sitzen wir auf einer beleuchteten Bühne. Einige bleiben feixend an der Scheibe stehen. Ja, grinst ihr nur in eurer geistlosen Freiheit!

Um es denen draußen zu zeigen, raffen wir die letzte Konzentration zusammen und hören zu. Nur ganz kurz. Aber gerade noch rechtzeitig. Denn der Autor kommt zum Schluss. Erleichterter Beifall. Auch wir klatschen freigiebig mit, denn die Gefahr einer Zugabe besteht bei einer Lesung nicht. Auch die Aufforderung, Fragen zu stellen, ist auf allgemeinen Wunsch weitgehend abgeschafft worden. Denn in der Vergangenheit führten Fragen häufig dazu, dass der Autor antwortete. Und das möchte nun wirklich niemand.

Jetzt noch zum Signieren anstellen? Wir haben eine Anthologie mitgebracht, in welcher der Autor mit zweieinhalb Seiten vertreten ist. Nun extra ein Buch von ihm zu kaufen, kommt uns übertrieben vor. Obwohl man signierte Bücher ganz gut bei ebay los wird. Aber vielleicht signiert er uns das Lesezeichen, das wir als Geschenk der Buchhandlung ergattert haben?

So ist es immer. Oder so ähnlich. Und weil es so ist, ersinnen die Autoren mittlerweile neue Attraktionen, um die Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sie klettern auf Hochsitze oder rezitieren aus Bäumen, sie lesen aus einer extra aufgestellten Badewanne oder im Bus. Als qualvollstes Ereignis habe ich die Lesung auf einem Ausflugsschiff empfunden. Erst in dem Augenblick, als die Autorin vorzulesen begann, erkannten wir, dass das rettende Ufer nicht mehr zu erreichen war.

Es gibt eigentlich nur eine einzige Art Lesung, die rundherum schön ist. Das ist diejenige, bei der wir selbst vorlesen. Wenn wir, Sie oder ich, einige Zeilen geschrieben haben oder gar etliche Seiten, abgerungen dem Tod und der Verzweiflung, dann können wir sicher sein, dass die Welt genau darauf gewartet hat. Danach dürstet sie!

Und wenn wir daraus etwas vortragen, dann sehen wir ausschließlich in leuchtende Gesichter. Dann begegnen wir Blicken, die immer nur eines von uns zu verlangen scheinen: Mehr, mehr! Und wir geben ihnen mehr…

Sie kommen doch zu meiner nächsten Lesung?!

Aus: Glücklich trotz Kunst/ Svato Verlag

 
Vor der Erleuchtung Holz hacken und Wasser holen, nach der Erleuchtung Heizung einschalten und Wasserhahn aufdrehen. – Zen-Weisheit

Wer wird eigentlich eher erleuchtet? Meine Frau oder ich? Das ist eine bange Frage. Sie bringt mich um den Schlaf. Zunächst mal: Es gibt keine Erleuchtung, niemand ist erwacht, es gibt sowieso überhaupt niemanden – okay, alles klar.
Aber diesen kleinen Klick, der alles verändert, der unmissverständlich offenbart, dass es niemals einen Unerleuchteten gegeben hat und dass alles, was jemals gesucht wurde, schon immer da war und hier ist, diesen kleinen Klick, der einen fortan berechtigt, als Satsanglehrer aufzutreten – den wird meine Frau doch nicht etwa eher erleben? Muss ich fortan Zeuge sein, wie sie in wallender Kleidung vorne sitzt und bewundert wird, während ich unbeachtet und mit dünnem Lächeln Eintrittsgeld kassiere?
Oh Ramana, Nisargadatta, alle Ammas, Babas, feinstoffliche Wesenheiten – könnt ihr es noch verhindern?
Nichts gegen meine Frau, sie ist liebenswürdig und hilfsbereit. Doch seit einiger Zeit scheint sie mich auf dem spirituellen Weg – der natürlich gar kein Weg ist, weil es ja kein Ziel gibt und auch keinen Raum für einen Weg und keine Zeit, in der man ihn zurücklegen könnte – dennoch, auf diesem nicht-existenten Weg scheint sie mich zu überholen! Einige Indizien bei ihr ähneln entsetzlich den Symptomen unmittelbar vor dem Durchbruchserlebnis bei anderen Meistern.
„Bei anderen Meistern“? So drücke ich mich bereits aus! Schreck! Werde ich bald einen Thron für sie bauen müssen, zumindest aus Decken und Kissen? Noch mit einem goldenen Buddha und einem Foto aus der Linie großer Meister? Muss ich Blumen kaufen? Gitarre spielen und singen? Wird sie mich mit dem berühmten Wort von Robert Adams – „der schnellste Weg ist Dienst am Meister“ – zu untertänigen Arbeiten ermahnen?
Wahrscheinlich! Ich werde Zettel auslegen, auf dem ihre Zuhörer Namen und E-Mail-Adressen eintragen müssen. Ich werde am Eingang einen Tisch aufbauen mit einem selbst gebastelten Pappschild „Spende 12 Euro“; zwei davon sind für mich.
Ich sehe mich das Mikrofon justieren, in das sie einfühlsam ihre unwiderlegbaren Weisheiten hauchen wird. Ich arrangiere Sitzkissen und Stühle für die dummen Schüler und erkläre, dass sie am besten noch vorher auf Toilette gehen sollen.

Und dann sitze ich ganz hinten, wo es zieht, regele die Lautstärke und nehme alles auf. Vielleicht kann ich noch, wenn es zu heiß wird, ihr die Stola abnehmen und sorgsam zusammenfalten. Und wenn sie winkt, darf ich ein Fenster öffnen oder schließen. Und am Ende, wenn meine Frau geruht, sich mit einem Namaskar zu verabschieden, sage ich: „Wer eine Kassette oder CD von der heutigen Sitzung haben will, kann sich bei mir melden.“
Und dann stehe ich hinter dem Tisch mit den geschönten Fotos und vervielfältigten Mitschriften und warte, dass jemand etwas kauft. Natürlich wird sie mich bitten, die Dialoge zu transkribieren und ein Buch daraus zu machen, damit ihre Präsenz in ganz Mitteleuropa heilsam wirken kann.
Und ganz nebenbei trage ich das Gepäck und fahre sie.
Was habe ich eigentlich davon? Sie hat durch ihre so genannte Nicht-Erfahrung geschnallt, dass es keinen Vorteil gibt. Für niemanden. Deswegen kann sie ab sofort jeden Vorteil schamlos nutzen.
Wenn ich mich beklage, wird sie sagen: „Es gibt nur spontane Handlungen, aber niemanden, der sie ausführt. Wirklich, Dietmar, hier ist niemand.“
Ich frage mich, wie das im Bett wird.
Warum, bitte, werden die Partner von Satsang-Lehrerinnen und Lehrern so selten oder nie erleuchtet? Warum verkümmern sie statt dessen rasch alternd an der Seite ihrer Strahlepartner? Falls sie nicht rechtzeitig die Segel streichen!
Und was soll ich jetzt tun? Noch ist es nicht soweit.
Meine Frau ist noch nicht erleuchtet und behauptet auch, sie könne es nie werden, wolle es nie werden, es interessiere sie auch gar nicht.
Aber gerade das ist ein äußerst alarmierendes Zeichen! Ich höre da was klicken!
Sorry, Leute, ich muss mich sofort auf ein Retreat begeben, „enlightenment double intensive“. Vielleicht kann ich’s noch schaffen!
mehr in Dietmar Bittrich: „Die Erleuchteten kommen“, Verlag Hoffmann und Campe
Ist Erleuchtung erblich? Ich hoffe es! Oder gibt es wenigstens Gene, die eine Entwicklung dorthin begünstigen? Das muss so sein! Meine Eltern haben beide – wenn auch erst im hohen Alter – den ersehnten Zustand des No-Mind erlangt, jene von uns allen ersehnte Gedankenstille, in denen eine höhere Intelligenz die Führung übernimmt. Im Falle meiner Eltern war das der Leiter eines Pflegeheims.

Es gibt blitzartige Erleuchtungen, bei der die illusionäre Welt auf einen Schlag versinkt. Und es gibt, weit häufiger, die allmähliche Entwicklung. Die Anzeichen können früh sichtbar werden. Bereits bei einem Fünfzigjährigen. Dass mir im Gespräch nicht das richtige Wort einfällt und ich stattdessen ein anderes sage, das ähnlich klingt – ist das nicht schon ein Hinweis darauf? Dass ich im Urlaub nur schwer zum Hotel zurückfinde, das kennt meine Frau schon. Dass ich Termine verpasse, meinen Schlüssel nicht finde, dass ich vergesse, wie lange meine Eltern schon tot sind und welchen Wochentag wir haben – na ja, das kann schon mal vorkommen. Und es wird häufiger vorkommen, da bin ich zuversichtlich.

Wenn Sie mögen, dürfen Sie es auch Demenz nennen. Sie selbst sind ja dagegen gefeit. Sie sind, wie Ihre Freunde oder Kinder gerne bestätigen werden, noch völlig klar im Kopf. Haben Sie eben aufgeatmet, als ich schrieb: Bereits bei Fünfzigjährigen können die Symptome auftreten? Haben Sie sich entspannt, weil Sie so viel jünger sind und also noch reichlich Zeit haben? Oder sehen Sie nur so jung aus? Weil Sie sich körperlich fit halten und, wie es so schön heißt, geistig aktiv bleiben?

Das hilft nichts. Es gibt dreißigjährige Mathematiker und Schachmeister mit sonderbaren Ausfällen in der Gedächtnisleistung und wachsenden Orientierungsproblemen. Kant war im Alter dement, ebenso Hegel, Karl Marx und Edmund Husserl, der ruhmreichen Zen-Meister Shunryu Suzuki war es ebenso wie sein Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker, dessen Bewunderer Walter Jens ist es.

Geistige Aktivität sorgt nicht für bleibende Frische des Verstandes. Einstein konnte zuletzt selbst schlichteste Rechenaufgaben nicht mehr lösen, auch nicht die berühmte Aufgabe aus dem Demenztest: hundert minus sieben. Stattdessen lachte er häufig grundlos, klopfte auf das Holz eines sonderbaren Gegenstandes, den seine Pflegerin als Geige bezeichnete, und unterhielt sich mit seiner Tabakspfeife. Kreuzworträtsel oder die Rätsel des Universums – es nützt nichts, sie zu lösen. Sie helfen nicht gegen Demenz. Der Sog des No-Mind ist stärker. Kein Mittel verhindert Erleuchtung. Also bereite ich mich vor.

Falls Sie und ich uns demnächst treffen, kann es sein, dass Sie mich dabei ertappen, wie ich leichte Gedächtnisstörungen überspiele. Wenn meine Frau mich begleitet, wird sie mir dabei helfen. Falls Sie mich zu Hause besuchen, wird Ihnen auffallen, dass ich Merkzettel habe, am Kühlschrank, an der Wohnungstür, am Spiegel, am Bücherregal. Und auf meinem Schreibtisch wird ein Durcheinander von Zetteln herrschen mit Namen, die ich nicht zuordnen kann, und mit Telefonnummern, bei denen ein paar Ziffern fehlen. Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich nicht gleich zurückrufe.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich abends länger wach bleibe als bisher. Vermutlich kehrt sich sogar mein Tag-Nacht-Rhythmus um. Ich werde nachts zu wandern beginnen, und ich werde es zu erklären wissen. Das alles ist noch Vorspiel. Es gehört noch zum anstrengenden Teil: Ich gebe noch vor, alles geschehe in meiner Absicht und ich hätte mein Leben unter Kontrolle. Eine Zeit lang werde ich noch als normal gelten wollen.

Auch meine Frau und meine Verwandten werden einiges tun, um den Eindruck der Normalität zu erwecken. An ihrem Erschrecken und an ihren entgeisterten Blicken werde ich erkennen, dass ich etwas Unpassendes gesagt oder getan habe. Zu diesem Zeitpunkt werde ich noch versuchen, meinen Ausrutscher, an den ich mich schon nicht mehr erinnere, durch Gelächter zu verharmlosen.

Wenn Sie mich allerdings besuchen, und Sie finden die Fernsehzeitung in meiner Tiefkühltruhe und den Kuchen im Blumentopf, wenn Sie bemerken, dass ich auf der Straße glücklich Fremde umarme, wenn ich in der Bahn unvermittelt in Lachen ausbreche und im Supermarkt ein Gespräch mit den Brathähnchen führe, dann können Sie sicher sein, dass es mich nicht mehr stören wird.

Auch wenn meine Begleitung sich zu einer Erläuterung genötigt fühlt und Worte gebraucht wie „verwirrt“ oder „desorientiert“ oder „nicht mehr ganz richtig im Kopf“ oder „Alzheimer“: Dann bin ich nicht im Geringsten beunruhigt. Dann bin ich im No-Mind. Dann bin ich erleuchtet. Sie werden es an meinem Lächeln erkennen. Seien Sie doch so nett und lächeln zurück.

mehr: Altersglück- Hoffmann & Campe

Reisen, meinte Mark Twain, führt zur Selbsterkenntnis. Zum Glück stimmt das nur selten. Doch es gibt Reisen, die tatsächlich in die Tiefe führen sollen. Unser Yoga-Lehrer empfiehlt sie oder veranstaltet sie gleich selbst. Unser fortschrittlicher Pfarrer lädt zur Kontemplationswoche in felsiger Kargheit. Oder der Meditationslehrer verspricht Versenkung und geistiges Erwachen.

Damit klar ist, dass es sich nicht um Urlaub handelt, wird so eine Reise „Retreat“ genannt. Das hört sich nach Rückzug an, vor allem von den erfreulichen Seiten des Lebens. Doch wer inneren Frieden erlangen will, kommt um ein Retreat nicht herum. An vielen Abenden beim Qi-Gong-Meister oder Zen-Lehrer hat es nicht geklappt mit der Erleuchtung, auch nicht an Intensiv-Sonntagen mit Selbsterfahrung und gemeinsamem Mittagessen.

Vielleicht also jetzt, auf dem Land, in mehrtägigen Schweigen. Egal, in welche Region es geht, unser Domizil nennt sich „Haus der Stille“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es geleitet von einer frustrierten Mittfünfzigerin, die vor dreissig Jahren mit Buddhismus begonnen hat. Hat nix geholfen. Sie ist einfach nur gealtert, und ihr Mann ist irgendwann abgehauen. Uns kann das nicht entmutigen. Wir machen es besser.

Wir sind erwartungsfroh und zugleich ein bisschen furchtsam, besonders nach Inspektion der Zimmer. Das sind karge Mönchszellen mit schmalen Betten und einer extratrüben Lampe, damit wir nicht auf die Idee kommen, in Lektüre zu fliehen. Die Waschräume wurden lange nicht renoviert. Wir werden sie seltener aufsuchen als unsere heimische Dusche, zumal die hauseigenen Handtücher vor Altersschwäche zerbröseln.

Wir sprechen uns gegenseitig Mut zu: In der Kargheit liegt die Wahrheit. Zum Beispiel, wenn abends um acht die Heizung abgeschaltet wird und das Licht im Flur erlischt. Der Kursleiter im Haupthaus wohnt komfortabler. Klar, er ist Meister. Er hat das Leiden hinter sich gelassen. Wir üben uns in Akzeptanz. Wir haben gelernt: Alles ist richtig so wie es ist.

Beim Sitzen im Meditationsraum ersehnen wir, dass es hier draussen mal endlich klappt mit der Stille. Doch wenn der Essens-Gong ertönt, schleichen sich fremde Gedanke ein. An den ersten Tagen sind sie noch hoffnungsvoll. Aber dann gibt es jeden Morgen gequollene Flocken mit Trockenobst, dazu Milch mit Haut. Jeden Mittag Getreide mit rätselhafter Gemüsepampe. Jeden Abend Brot und Scheibletten vom Grossmarkt.

Wir kauen schweigend. Innerlich widerstrebend, äußerlich demütig, fügen wir uns in den Küchendienst. Es ist wie damals in der Jugendherberge. Nur dass wir jetzt wissen: Alles ist göttlich. Auf Spaziergängen begegnen wir Teilnehmern, denen wir wohlwollend zulächeln mit der Botschaft: Alles ist Frieden, alles ist Liebe. Normalerweise würden wir mit solchen Leuten allerdings nicht verreisen. Wir treffen auch einsam Wandelnde mit verweinten Gesichtern. Vermutlich laufen wichtige Prozesse in ihnen ab.

Und dann gibt es auf jedem Retreat einen Witzbold, der unbekümmert das Schweigegebot bricht. Wir sind ihm dankbar. Erstens, weil wir uns überlegen fühlen können. Zweitens, weil wir auch schon heimlich eine SMS abgesetzt haben. Beim Erfahrungsaustausch blickt uns der Meister lange in die Augen. Sieht er unser Vergehen? Etwa auch, dass wir im Auto sitzend Radio gehört haben, wegen der Fussballübertragung?

Er wendet sich ab. Wie geht es dir jetzt mit deiner Wut?, fragt er einen anderen. Der berichtet von ermutigenden Fortschritten. Die verweinte Frau ist inzwischen in Kontakt mit verschütteten Gefühlen gekommen. Wir sehen heimlich auf die Uhr.

Uns fällt ein, dass wir den Atem beobachten sollen. Aber irgendjemand riecht nicht gut. Sind wir es selbst? An den ersten Tagen hat man sich noch die Mühe gemacht, die Kleidung zu wechseln. Seither laufen alle in denselben Klamotten herum. Form ist ja Leere.

Niemand schnürt noch die Schuhe zu, man muss sie doch dauernd ausziehen. Es ist eben alles völlig bedeutungslos. Hatte der Buddha das nicht auch schon erkannt? Und wie sagte er noch? Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Sogar ein Retreat!

Am letzten Tag gibt es Eis mit Schlagsahne, damit wir eine positive Erinnerung mitnehmen. Wir versichern uns gegenseitig, dass wir enorm viel Ballast los geworden und total in die Stille gelangt sind. Sogar die Verdauung ist vollkommen zum Erliegen gekommen. Wir fühlen tiefe Dankbarkeit. Unter anderem dafür, dass wir jetzt wieder ganz oberflächlich und nur zum Vergnügen verreisen dürfen. Zu so viel Selbsterkenntnis hat es gereicht.

aus: Altersglück- Hoffmann & Campe 

Der männliche Körper ist extrem belastbar. Er ist geeignet, die abenteuerlichsten Expeditionen zu überstehen, Arktisreisen, Wüstenmärsche, Weltraumflüge. Doch in jedem Frühling und in jedem Herbst, in jedem Winter und leider sogar im Sommer droht eine tückische Gefahr: der Schnupfen. Leider unterschätzt fast jede Frau diese dramatische Bedrohung. Vielleicht, weil sie ihren Gefährten ohne Schnupfen kennen gelernt hat. Als er gesund und mutig war.

Ein Mann klettert im Gebirge über schmale Grate, und während sie verzagt nach Halt sucht, ruft er: „Komm, stell dich nicht so an!“ Er segelt gegen den Wind, dass der Mast knirscht, und während sie sich nach Land sehnt, brüllt er: „Nun reiß’ dich mal zusammen!“

Aber wenn ein Schnupfen heraufzieht, rinnt aller Lebensmut aus seinen Adern. Bereits die Ahnung von erhöhter Temperatur schmettert ihn aufs Krankenlager. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Sein Körper fühlt sich fremd und elend an. Er siecht dahin, vom Leben abgeschnitten. Ade, du schöne Welt.

Nichts wäre verkehrter, wenn seine Partnerin jetzt etwas so Hartherziges sagen würde wie: „Nun stell dich nicht so an“. Falls sie so etwas äußern würde, würde er sofort seine Mutter anrufen.

Heimlich tut er das sowieso. Denn auch wenn die Frau an seiner Seite Mitgefühl vortäuscht – sie hält seine Krankheit für eingebildet oder übertrieben. Also sucht er Trost bei der einzigen Person, die in dieser Krise vertrauenswürdig ist. Hat seine Mutter ihm nicht damals Milch mit Honig gebracht? Durfte er nicht still unter vielen Decken liegen, Süßigkeiten essen und Märchenplatten hören? Warum ist das jetzt nicht möglich?

Er ahnt weshalb: Weil er zu lange den Eindruck eines toughen Mannes erweckt hat. Er ist tough, doch, ja, kein Zweifel. Zum Beispiel, wenn es darum geht, einen Ast abzusägen, eine Flasche zu entkorken oder fachmännisch gegen einen Autoreifen zu treten.

Aber eine Erkältung ist etwas anderes. Da wird ihm, wie von einer außerirdischen Macht, auf einmal alle Kraft entzogen. Er ist es gewohnt, sich auf seinen Körper zu verlassen. Jetzt gehorcht der Körper nicht mehr.

Erschrocken registriert er, dass der Appetit abhanden kommt. Der Alkohol schmeckt nicht. Etwas in ihm geht schief. Aber was? Mit einem Satz wie „Das ist doch nur ein Schnupfen“ beweist seine Partnerin nur ihre tragische Fehleinschätzung.

Wenn sie merkt, wie ernst es wirklich um ihn steht, rafft sie sich vielleicht auf und bringt eine heilbringende Medizin.

Leider ist es oft nur ein winziges Fläschchen. Wird das reichen bei der dramatischen Zuspitzung der Lage? Fünf bis zehn Tropfen soll er nehmen. Als ob er ein Kind wäre!

Ächzend stemmt er sich von der Matratze hoch und trinkt die halbe Flasche leer. Wenn es darauf ankommt, ist er nämlich immer noch todesmutig, genau wie damals im Wilden Westen.

Doch woher kommt jetzt dieses seltsame Schwindelgefühl? So muss es gehen, wenn man mit dem Tod ringt. Kaum ist er einen Augenblick bei klarem Bewusstsein, fragt seine Partnerin, ob es ihm Recht sei, wenn in der nächsten Woche die Party steigt.

Was, wie, Party? Nächste Woche? Wie kann sie jetzt an solche Oberflächlichkeiten denken? Wie kann sie überhaupt Pläne machen? Wie vermag sie sich vorzustellen, dass es noch ein Danach geben wird? Während er mit dem Tod ringt! Oder macht sie bereits Pläne für ein Leben ohne ihn?

Er hebt den Kopf von seinem Siechenlager und lauscht. Was geht da draußen eigentlich vor, in der Wohnung, jenseits der Zimmertür? Verschwommene Laute wehen herein.

Mit wem telefoniert sie? Und hat es nicht eben geklingelt? Womöglich werden Blumen geschickt. Vielleicht sind es die ersten Kondolenzbesucher!

Es klopft. Sie bringt den Laptop. Unglaubliche Zumutung! Wie soll er die Tasten bedienen?

Aber dann ist es doch keine schlechte Idee. Der Laptop gehorcht ihm. So gewinnt er die Kontrolle zurück über die Welt. Das Web akzeptiert sein Passwort. Das ist ein erstes Zeichen der Genesung.

Er steht auf mit wackligem Schritt. Wenn er sich jetzt am Fenster zeigen würde, müsste unten die wartenden Menge in dankbaren Jubel ausbrechen. „Er lebt!“

Ja, es geht spürbar aufwärts jetzt, von Stunde zu Stunde. Am nächsten Morgen ist er erstmals wieder in der Lage, einen Kaffee zuzubereiten. Er ist gesund! Ein Survival-Künstler! Ist stark! War nie etwas anderes! Aber was ist mit ihr? Was simuliert sie da? Blass bleibt sie im Bett. Was denn? Hohes Fieber? Er soll sie angesteckt haben! Das gibt es doch gar nicht! „Blödsinn“, tönt er mit männlichem Kampfesmut, „raus aus den Kissen! Stell dich bloß nicht so an!“

aus Der große Kotz- Rowohlt Verlag

Vom verblichenen Henri Nannen ist ein skandalöses Wort überliefert: „Bei Vernissagen halten sich die Hamburger am Sektglas fest, scheuern mit dem Arsch an den Bildern und bequatschen, was sie gestern erlebt haben.“

Der Ostfriese hat unserer Weltstadt bitter Unrecht getan. Vielleicht bin ich nicht groß genug, aber ich scheuere garantiert nur mit dem Hinterkopf über die Bilder. Und ich halte mich bestimmt nicht am Sektglas fest, sondern greife auch aktiv nach den Häppchen, die auf appetitlichen Platten vorbeigetragen werden.

Natürlich ist mir klar, was Nannen meinte. Vernissagen, wollte er sagen, sind nicht allein zum Essen und zum Trinken da. Nein, sie dienen auch zum Aufwärmen in kalter Jahreszeit. Sie sind ein idealer Ort, an dem wir uns mit Freunden verabreden, um von dort die eigentlichen Unternehmungen des Abends anzusteuern.

Was er allerdings am schärfsten kritisiert hat, trifft leider zu: Allzu häufig hängen Bilder an den Wänden, und oft so dicht, dass wir uns nicht locker anlehnen können. Doch eben diesen Umstand nehmen mit hanseatischer Toleranz in Kauf, zumal der Rest des Gebotenen kostenlos und oft von angenehmer Qualität ist.

Benötigen Sie Hinweise, in welchen Galerien die Häppchen fein abgeschmeckt sind und wo der Wein in Gläsern kommt? In einigen gibt es ja leider Plastikbecher und trockenes Brot. Das hat mit Kunst nichts mehr zu tun.

Aber Sie kennen sich ja bereits aus. Sie kommen auch immer erst eine Stunde nach Beginn. Dann sind die Eröffnungsreden vorüber. Wir dürfen uns ungestört unterhalten und einander zuprosten.

Für den Fall, dass jemand – womöglich der Künstler oder Galerist – nach unserer Ansicht forscht, loben wir die Werke, besonders die, an denen bereits ein roter Verkaufspunkt klebt. Wir äußern Höflichkeiten wie: Das ist spannungsreich und virtuos, aber auch ambivalent und auf jeden Fall innovativ, dieses verblüffende Kolorit, diese ungewöhnliche Ästhetik, das ist Horizont erweiternd, verstörend, das hält der Gesellschaft den Spiegel vor!

Dass wir den Kram mit ein bisschen zeitlichem Aufwand auch selbst hinkriegen würden, verschweigen wir diskret. Wir wollen keinen überflüssigen Smalltalk provozieren. Wir wollen uns rasch den wesentlichen Themen zuwenden: Wohin mit der benutzten Serviette, wohin mit den Spießchen der Häppchen? Wer ist das da drüben eigentlich? Und wohin gehen wir als nächstes?

Denn als Hanseaten sind wir kommunikativ und zukunftsorientiert. In welcher Stadt könnte Kunst besser gedeihen?

aus Glücklich trotz Kunst- Svavo Verlag 

Na, Ticket bereitgelegt? Koffer gepackt? Sie verreisen? Schön. Schön für Sie. Und für mich. Jetzt werden Sie mir keinen Parkplatz mehr wegschnappen. Sie stehen im Supermarkt nicht mehr mit überfülltem Korb vor mir in der Schlange. Es wird überhaupt keine Schlange mehr geben. Ich komme spät ins Kino und finde trotzdem einen Platz ohne Sichtbehinderung. Danke, dass Sie verreisen! Sie werden es mir nicht verübeln, dass ich die Post lese, die aus Ihrem Briefkasten ragt. Ach, und falls Sie mir den Schlüssel anvertrauen, zum Blumengießen, dann darf ich doch ein bisschen bei Ihnen stöbern? Nur so aus mitmenschlichem Interesse? Falls Sie den Schlüssel der Frau gegenüber geben, wird sie es tun. Einbruchsversicherung haben Sie?

Gut, dann fahren Sie vertrauensvoll. Ich entspanne mich zu Hause. Dank Ihnen. Die Stadt wird leer. Wird still. Wird der perfekte Urlaubsort. Denn hier brauche ich keine Auslandskrankenversicherung. Keinen Schutzbrief, um notfalls mit dem Hubschrauber ausgeflogen zu werden. Ich brauche nicht einmal einen Pass.

Ihre Impfungen gegen Typhus, Hepatitis, Gelbfieber haben Sie absolviert? Die Nebenwirkungen des Malaria-Mittels sollen ja auch recht sonderbar sein. Nur Mut! Ich werde mich weder an verseuchtem Wasser noch an Kolibakterien im Salat infizieren. Kein tropischer Virus nistet sich bei mir ein. Ich mache mir keine Gedanken über das Alter von Chartermaschinen, die Herkunft merkwürdiger Risse in den Tragflächen oder die Weltanschauung des Piloten. Mein Koffer fliegt nicht versehentlich nach Kasachstan. Er wird nicht eingedrückt oder von räuberischen Packern geleert. Er ruht total relaxed auf dem Schrank.

Und während Sie sich wundern, wieso der Euro im Ferienland so viel weniger wert ist, oder während sie sich mit fremden Münzen und schweißigen Scheinen herumschlagen und bis zum Urlaubsende die Umrechnungstabelle nicht kapieren, bezahle ich ganz gemütlich in heimischer Währung. Ich muss auch nicht so tun, als sei ich kein Tourist. Ich bin es tatsächlich nicht.

Sie wollen sich sonnen? Mache ich auch. Meine Haut jedoch kann durchatmen. Ich muss sie nicht mit überdosierten Lichtschutzfaktoren verschmieren. Aber gute Reise! Ich erhole mich unterdessen. Mich zwingt niemand, Kirchen, Klöster und Tempel zu bestaunen. Ich muss mir nicht anhören, welcher verblichene Fürst oder Bischof unter welcher Grabplatte liegt. Wenn ich aus dem Bus steige, werde ich nicht von dreisten Händlern mit Tüchern, Ketten und Nippesfiguren bedrängt.

Aber fahren Sie, bitte! Ich brauche mich nicht darüber zu ärgern, dass die Restaurants miese Touri-Menüs auf den Tisch knallen und der Kellner die Rechnung fälscht. Ich muss keine Postkarten mit belanglosen Texten an Leute schreiben, die mir ohnehin nichts bedeuten. Stattdessen freue ich mich auf die Zeilen, die Sie sich abkneifen.

Nur zu! Ich kriege keinen Jet Lag. Ich brauche nicht mal meine Uhr umzustellen. Meinetwegen wird kein ozonschädigendes Kerosin in die Luft gepustet und kein Fäkalientank ins Meer geleert. Ohne den Finger zu krümmen, mache ich mich um die Umwelt verdient. Ich werde mich nicht in Bus, Flugzeug, Hotel, Restaurant oder am Kapitänstisch mit Leuten unter meinem Niveau abgeben. Aber, bitte, machen Sie das.

Versuchen Sie, es trotzdem zu genießen! Denken Sie nur daran, Ihre Liege am Pool mit dem Handtuch zu markieren. Ich brauche das nicht. Aber Sie müssen in aller Frühe zum Strand hetzen, um noch einen Sitzplatz zu ergattern. Ich bleibe entspannt. Und während Sie vom Geplärre fremder Kofferradios genervt werden, drehe ich meine heimische Anlage auf. Sie sind ja nicht da. Sie übernachten auf iirgendeinem Flughafen, weil die Lotsen streiken. Macht ja nichts! Ich bin zu Hause, wenn das Paket kommt, auf das ich so lange gewartet habe. Ihres geht an den Absender zurück. Und wenn Ihre Firma einen hochdotierten Spezialauftrag zu vergeben hat, sind Sie nicht erreichbar.

Na, Sie haben ohnehin andere Probleme. Ich freue mich schon auf Ihre Katastrophenberichte. Auf Ihren Sonnenbrand, auf den Gipsfuß. Auf den Beschwerdebrief, den Sie an den Reiseveranstalter entwerfen. Auf Ihren Ärger, wenn die Gepäckversicherung die Zahlung verweigert.

Wissen Sie, ich bin einfach mehr für Erholung. Ich will mir auch nicht monatelang die Pfunde abhungern, die frustrierte Reisende wie Sie sich in der Ferne aufspecken. Wie bitte? Jetzt überlegen Sie? Was? Sie wollen vielleicht doch lieber zu Hause bleiben? Um sich auszuruhen? Sich wohl zu fühlen? Aufzublühen?

Eine kluge Entscheidung! Ja, tun Sie das. Relaxen Sie. Und damit Sie in letzter Minute nicht doch noch schwankend werden, gehen Sie ganz sicher: Weg mit dem Stress. Schicken Sie Ihr Ticket. Jetzt. An mich.

aus Dann fahr doch gleich nach Hause! Hoffmann & Kampe

Wir leben in einem Land, in dem es neun Monate im Jahr regnet. In den restlichen herrscht Bodenfrost. Deshalb kommen wir zuweilen auf eine verhängnisvolle Idee. In einem Anfall von Wut und Verzweiflung buchen wir eine Sommerreise in den Süden.

Jeder von uns hat diese Idee, wenn auch nur einmal im Leben.

Rom im Juli, ich erinnere mich. Alle Jalousien heruntergelassen, die Restaurants geschlossen, die Einheimischen komplett nach Norden ins Exil gegangen. Der Urlaub bestand aus Verdampfen bei lebendigem Leib und aus Warten, dass er vorübergeht. Sie kennen das? Vermutlich waren Sie nicht im August in Madrid oder Athen, sonst wären Sie nicht mehr in der Lage, diese Zeilen zu entziffern.

Aber Sie haben mal eine südliche Insel aufgesucht. Die Landschaft war staubig, die Vegetation verdorrt, der Asphalt warf Blasen. Sie dachten, am Meer müsse es auszuhalten sein. War es Korfu, Sardinien? Das Land lag gelähmt, die Vögel schwiegen, nur Zikaden waren zu hören.

Ich erinnere mich, wie Sie mit krebsrotem Gesicht vorüberwankten, Richtung Meer. Wie Sie dann schreiend über glühende Steine staksten und in die lauwarme Brühe plumpsten. Ich war derjenigen, der mit nassem Tuch auf dem Haupt im Schatten saß. Sie verzeihen, dass ich mich nicht aufraffen konnte, Ihnen das Leben zu retten. Ich war in meiner Mattigkeit gerade noch in der Lage, nach Schlangen und Skorpionen Ausschau zu halten, den einzigen Tieren, die sich bei solchen Temperaturen bewegen.

Immerhin habe ich Sie am folgenden Tag noch halbwegs lebendig in der Kathedrale sitzen sehen. Sie blätterten in einem frommen Heftchen. Ja, auch ich habe den kühlen Segen der Kirche gesucht. Allerdings bin ich nicht so weit gegangen, die Arme bis zum Ellbogen ins Weihwasserbecken zu tauchen. Schweigen wir davon.

Wohin sollen wir, wenn im Hotelzimmer die Hitze steht und die schattigen Museen geschlossen haben? Zur eigentlichen Urlaubsattraktion werden im Süden unversehens die klimatisierten Bankgebäude. Wenn sie dicht machen, bleiben noch die Supermärkte, in denen das Obst auf Eis liegt. Ich habe in meiner Not schon manche Truhe voll tiefgefrorener Fische umgegraben.

Richtig herrlich, aber in dörflichen Gegenden rar, sind klimaversiegelte Einkaufszentren. Dort bekommen wir eine Gänsehaut. Die Angestellten tragen leichte Wolljacken. Künstliche Polarwinden durchfegen die Hallen, damit wir es schaffen, unseren Hitzekoller mit eine langwierigen Erkältung zu kombinieren.

So einen Eispalast zu verlassen, ist dann die grausamste Mutprobe. Jenseits der Glastüren prallen wir gegen einen Wand aus Glut. Auf dem Parkplatz spiegeln die Autos. Wir hatten unseren Wagen im Schatten geparkt, mittlerweile steht er im Fokus der Sonne. Es riecht nach flüssigen Reifen. Die Autotür ist nur mit spitzen Fingern zu öffnen. Wer sich hinsetzt, riskiert Verbrennungen an den Unterseiten der Oberschenkel. Das Lenkrad befindet sich unmittelbar vor dem Schmelzpunkt. Wer hat den Schokoriegel auf dem Rücksitz liegen lassen?

Lassen wir das. Die Kinder quengeln ohnehin nur noch. Sie wollen Eis, können aber nicht so schnell schlecken, wie es schmilzt. Durst? In der Flasche siedet das Wasser.

Wer hat behauptet, Hitze sei erotisierend? Na gut, wir erinnern uns an den ersten Abend, als bei offenem Fenster warme Luft die Haut streichelte. Eine verwehte Fata Morgana. Mittlerweile ist die körpereigene Hormonproduktion verdorrt. Seit einer Woche sind wir nicht aufs Klo gegangen. Unnötig. Alles verdunstet durch die Poren und hinterlässt lediglich salzige Kristalle auf der Haut. Auch am Haaransatz. Von der Gehirnmasse muss jetzt eine Art Pulver übrig sein, wie die körnige Basis einer Gemüsebrühe. Auch nach langem Duschen wird es nie mehr seine frühere Größe erreichen.

Die verbliebenen Einheimischen, ausschließlich zahnlose Alte, beobachten durch halb geschlossenen Fensterläden, wie wir uns durch die Gassen schleppen. Ja, ja, wir sind die Doofen. Und warum sind wir hergekommen? Wo es doch in unserem Land so schön kühl ist! Da regnet es neun Monate im Jahr. Ach, wie herrlich!

aus Urlaubsreif

Die Heimkehr von einer Reise ist immer zwiespältig. Natürlich sind wir froh, nach Hause zu kommen. Endlich wieder einen Schrank voller Wäsche zu haben. Ein Telefon, bei dem kein Hotel abkassiert. Einen geräumigen Kühlschrank. Eine leibhaftige Waschmaschine. Einen Fernseher mit unverschmierter Fernbedienung. Wir freuen uns, nun ja, auf unsere Nachbarn, jedenfalls auf einige.

Dennoch beschleicht uns ein banges Gefühl, wenn das Taxi in unsere Straße biegt. Der Fahrer hat uns über das Wetter und die Politik der vergangenen Wochen eingehend informiert. Wir haben wenig verpasst. Es ändert sich eben nicht viel. Und auch das Haus steht sogar noch. Das ist beruhigend. Aber wie mag es drinnen aussehen?

Dunkel erinnern wir uns, dass wir einiges unvollendet zurücklassen mussten, ganz zu schweigen von der Steuererklärung. Welche unbehaglichen Briefe sind mittlerweile eingetroffen? Hat überhaupt jemand die Post reingenommen? Oder hat Frau Haack wieder den Schlüssel an Herrn Bölker weitergegeben, weil sie plötzlich verreisen musste, und der ist dann übers Wochenende zu seinen Verwandten gefahren und doch etwas länger geblieben, weshalb er den Schlüssel an Frau Affeld geschickt hat, die aber gar nicht da war?

Wenn wir die Wohnung aufschließen, schleifen einige Zeitungen und dicke Briefe über den Boden, die roten Benachrichtigungskarten für sehnlichst erwartete Päckchen sind abgelaufen. Leicht muffiger Geruch. Wir kommen aus einem aufgeräumten Hotelzimmer. Jetzt fällt auf, dass sich bei uns die Teppichkanten hochbiegen. Der Spiegel hängt schief. Überhaupt, Renovieren wäre nicht schlecht. Aber gemach, in ein paar Tagen werden wir das nicht mehr sehen.

Im Schlafzimmer steht das Fenster offen. Der Verfärbung des Fußbodens nach augenscheinlich schon seit geraumer Zeit. Etwa seit unserer Abreise? Wenn wir eine nahezu erwachsene Tochter haben, die in ihrer WG nicht ganz glücklich ist, werden wir auf weitere Indizien stoßen. Sie sollte eigentlich die Blumen gießen, das hat sie auch getan, aber leider erst vor einer Stunde. Alle Pflanzen sind vertrocknet, stehen aber knietief im Wasser. Der verweigerte Kashmirpullover der Mutter ist ausgebeult und hat einen Fleck. Falls wir einen Sohn zurückgelassen haben, müssen wir jetzt die vereidigte Raumpflegerin zu Erste-Hilfe-Maßnahmen rufen.

Wie bitte, Katzenhaare auf dem Sofa? Woher kommen die denn? Dann muss der Schlüssel jetzt bei Frau Tietje sein. Niemand sonst hat einen haarenden Liebling. Dann hat diese reizende Nachbarin hier ferngesehen, als ihr Mann daheim auf Sport bestand. Und hat sie dabei Ketchup gelöffelt? Oder weisen diese sonderbaren Spuren auf ein geheimes Verbrechen?

Kein Papier mehr im Fax. Alles verbraucht von Werbern für Erfolgsseminare, City Roller und Radarfallenwarner. Zweiundsiebzig Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, davon dreiundsechzig von Tante Hanna, der wir große lesbare Zettel in ihr Seniorenappartment geklebt haben; sie hat trotzdem nicht begriffen, dass wir verreist sind. Ihre Nachrichten klingen von Mal zu Mal griesgrämiger, in der letzten kündigt sie an, sie werde uns enterben. Also sofort anrufen oder am besten gleich besuchen.

Das Auto ist nicht aufgebrochen worden, aber jemand hat daneben einzuparken versucht. Friede sei mit ihm; wir werden uns anderswo rächen. Der Motor hustet. Aber das liegt wohl daran, dass wir das Kuppeln vergessen; der Urlaubs-Leihwagen hatte Automatik. Ein befremdeter Blick zum Mülleimer: Der ist mit weißer Farbe bekleckert. Irgendwer in der Gegend hat renoviert und unsere verwaiste Tonne genutzt. Noch hat der Alltag nicht begonnen, schon spüren wir, wie uns die Erholung milligrammweise abhanden kommt.

Jetzt besteht Grund, sich dankbar an den Urlaub zu erinnern. Nun ist es Zeit, die Bilder zu entwickeln, die sich in unser Gedächtnis geprägt haben, und noch die bittersten Erlebnisse in Abenteuern zu verzaubern. Solange wir unterwegs waren, schien uns manches beklemmend. Nun, von den engen Armen der Heimat umschlungen, wissen wir, wie frei, wir glücklich wie waren.

aus Dann fahr doch gleich nach Hause! Hoffmann und Campe

Wer auf Reisen einmal bei Freunden übernachtet hat, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Nämlich mit dem Gegenbesuch. Jedem von uns droht irgendwann dieses Unheil. Und es ist immer selbstverschuldet. Denn was haben wir den Freunden beim Abschied gesagt? „Wenn ihr mal in unsere Gegend kommt, dann könnt ihr jederzeit bei uns übernachten, überhaupt kein Problem!“ Später haben wir dieses Angebot bei gelegentlichen Telefonaten sogar wiederholt.

Und nun kommen sie tatsächlich. Sie haben das Angebot missverstanden. „Aber bitte sagt ehrlich, wenn es euch nicht passt!“, sagen sie am Telefon. „Passt wunderbar“, behaupten wir aus Nächstenliebe. „Endlich kommt ihr mal!“

Die Freunde glauben das. Wir zählen zur Abschreckung auf, was sie in Kauf nehmen müssen: unsere Dusche ist im Umbau, in der Wohnung über uns, exakt überm Gästezimmer, sind drei Enkelkinder zu Besuch, und auf dem Nachbargrundstück haben Bauarbeiten begonnen.

All das schreckt sie nicht. Sie packen bereits. Drei Tage wollen sie bleiben. Also auch drei Nächte. Wir räumen das so genannte Gästezimmer frei, das uns als als Arbeitszimmer, Bügelraum und Abstellkammer unentbehrlich geworden ist. Das Schlafsofa hat sich als ideale Ablage entpuppt. Nun müssen wir Decken und Klemmlampen zusammensuchen. „Mache es Ihnen nur nicht zu gemütlich!“

Da klingeln sie schon. Sie haben also unterwegs keine Panne gehabt, sie sind von keinem Notruf zur Umkehr gezwungen worden. Sie sind da.

„Wie schön, dass ihr es endlich mal geschafft habt!“

Sie behalten die Schuhe an. Mit Ausrufen der Begeisterung schreiten sie die Wohnung ab. Offenbar können sie sich vorstellen, hier länger zu bleiben. Eigentlich wollten wir schnell noch die Steuererklärung machen; jetzt müssen wir mit ihnen zusammensitzen. Und das wird so weiter gehen. Privatleben ade.

Natürlich werden sie ausschlafen. „Kümmert euch nicht um uns“, behaupten sie, aber pflichtbewusst stellen wir ihnen ein Frühstück hin, bevor wir auf Zehenspitzen aus der Tür schleichen. Es sei denn, sie stehen vor uns auf. Dann besetzen sie stundenlang das Badezimmer. Was machen sie da nur die ganze Zeit? Sie lassen das Wasser laufen. Sie verbrauchen Strom.
Weil wir ihnen einen Schlüssel abgetreten haben, können wir nie vor ihnen sicher sein. Am idyllischen Spätnachmittag stürmen sie plötzlich zur Tür herein, begeistert vom Stadtbummel und wollen erzählen. Am nächsten Tag kommen sie so spät, dass wir ihretwegen unseren Heilschlaf versäumen. Wenn wir für sie gekocht haben, haben sie garantiert unterwegs gegessen und bringen keinen Bissen mehr herunter. Nur den Wein schaffen sie noch.

Sie erwarten, dass wir alles über unsere Stadt wissen. „Wann ist eigentlich das Rathaus gebaut worden? Wie viele Leute arbeiten im Hafen? Und wie hoch ist der Fernsehturm?“ Wir haben uns die Mühe gemacht und Empfehlungen für sie ausgearbeitet: Die Kirche müsst ihr euch unbedingt ansehen, zeigen wir ihnen auf dem Stadtplan, und auf jeden Fall das Museum. Sie halten sich nicht daran.

Stattdessen schließen sie Freundschaft mit dem Feind im Haus gegenüber, dessen Hund auf unserer Abschussliste steht. Den würden sie nun am liebsten mitbringen zu uns. An dem Tag, an dem sie versprochen hatten, einen schönen langen Ausflug zu machen, bleiben sie zu Hause, wegen einer lächerlichen Blase am kleinen Zeh. Wir sitzen mit ihnen herum und haben das Gefühl, wir müssten ihnen etwas anbieten.

In unserem eigenen Programm fühlen wir uns mittlerweile um Jahre zurückgeworfen. Jetzt geht es auch an unsere Finanzen. Die Trüffelleberpastete aus dem Kühlschrank ist verschwunden, „die schmeckte ja phantastisch“, und ist durch eine billige Imitation ersetzt worden. „Ihr müsst sagen, wenn Eure mehr gekostet hat.“ Bereits das unbrauchbare kleine Dankeschön, das sie uns mitgebracht haben, kam aus dem Ein-Euro-Shop und verschwindet in unserer Geschenkekiste.

Sie sehen fern. Falls ein Mann dabei ist, will er nur mal kurz seine Mails checken und bleibt dann stundenlang im Internet, zweifellos auf vireninfizierten Seiten. Der Frau kann man das Bügeleisen nicht verweigern. Später werden wir feststellen, dass der Videorecorder umprogrammiert worden ist, der Computer ständig abstürzt und das Bügeleisen, dessen Wackelkontakt zehn Jahre lange beste Dienste leistete, endgültig aufgegeben hat.

Und hatte die alte Vase immer schon einen Sprung? „Das macht nichts“, sagen wir, aber es wäre eben nicht passiert, wenn sie nicht gekommen wären. Und warum sind sie überhaupt gekommen? Ach, ja. Weil wir sie eingeladen haben.

Und dann, endlich, endlich fahren sie wieder weg. Aufatmen. Erleichterung. Langsame Rückgewinnung des verlorenen Glaubens. Hoffentlich springt jetzt ihr Auto an! Ja!

„Müsst ihr denn wirklich schon abreisen?“, fragen wir ehrlich betrübt. „Das ist aber schade! Also, dann kommt möglichst bald wieder, und bitte, aber wirklich, dann bringt mehr Zeit mit!“

aus Dann fahr doch gleich nach Hause! Hoffmann und Campe

Ich auch. Husten gehört zur Kultur. Ja, es setzt ihr erst die Glanzlichter auf.

Manch langwierige Lesung oder tiefgründiges Schauspiel werden allein durch pointiertes Husten belebt. Schleppende Sinfonien und langwierige Arien bekommen erst durch Räuspern und Bellen bewegende Akzente.

Aber, das darf ich Ihnen sagen, Husten muss gekonnt sein. Das war ja nichts, was Sie da gestern aufgeführt haben. Sie sind mir gleich zu Beginn aufgefallen, im Parkett. Da räusperten Sie sich hektisch, um irritierende Reizpartikel rasch aus der Kehle zu befördern. Die Dame vor Ihnen zuckte getroffen.

Okay, das war nicht schlecht. Aber dann haben Sie Hustenbonbons ausgewickelt! Zwar aus knisterverstärktem Papier, doch dieses Lutschen fand ich feige. Und dann ballte sich ja trotzdem etwas zusammen. Zuerst konnte ich es an der anschwellenden Röte in Ihrem Gesicht ablesen. Dann bildeten sich Schweißperlen auf Ihrer Stirn.

Was vorn auf der Bühne geredet, gesungen oder gegeigt wurde, haben Sie längst nicht mehr mitbekommen. Es ging Ihnen nur noch ums Durchhalten. Und leider hatten Sie Glück.

Der erste Akt war zu Ende, das Allegro durchlitten, der Dichter trank Wasser.

Jedenfalls entstand eine Pause.

Und da prusteten Sie los. Der gestaute Hustenreiz von Jahrtausenden entlud sich in einer hörenswerten Eruption. Mehrere Sitzreihen erbebten.

Doch, ja, das war schön gemacht! Viele andere stimmten ein. Und doch wirkte es kunstlos. Da fehlte das Timing, da fehlte der kreative Impuls.

Darf ich Anregungen geben?

Warten Sie nicht bis zum Applaus oder bis zum Fortissmo der Blechbläser. Da hört man Sie ja gar nicht! Nutzen Sie die leisen Passagen und die bedeutsamen Intervalle.

Wenn auf der Bühne dramatisch geschwiegen wird, dann ist es Zeit für Kratzen, Räuspern, Röcheln. Wenn der Redner zu seiner aufrüttelndsten These ansetzt, dann ist unser berstendes Bellen gefragt.

Wenn die Sopranistin den Gipfel der Koloratur ansteuert und ihre Stimme nur noch ein feiner Faden ist, dann kann unser Husten ihn befreiend zerreißen.

Ja, wenn Sie und ich uns verabreden, können wir manch abgedroschener Nachtmusik oder Unvollendeten zu entscheidenden neuen Wendungen verhelfen. Lassen Sie uns einfach beim nächsten Adagio üben, Sie aus der Loge, ich vom Parkett.

Viele machen schon mit. Sie auch? Danke!

aus  Glücklich trotz Kunst- Svavo Verlag

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