Ungleiche PaareLeseprobe
ungleiche_paare_hoverDietmar Bittrich
Ungleiche Paare
Die Leidenschaft der Gegensätze
Hoffmann & Campe, gebunden, 17,00 €
dtv, Taschenbuch, 8,95 €

 

 

Taschenbuch

 

Gebunden
„Je größer die Unterschiede, desto stärker die Sehnsucht, desto wilder die Leidenschaft.“ Catherine Deneuve

Gleich und Gleich gesellt sich gern und hat langfristig die besten Aussichten. Doch zwischen Gleich und Ungleich herrscht die größere erotische Spannung. Reife Frau und junger Mann, Prinzessin und Bad Boy, Aschenputtel und Prinz: Dietmar Bittrich erzählt die anekdotenreiche Kulturgeschichte der ungleichen Paare. Es ist eine alte Geschichte, doch passiert sie immer neu. Die reife Lady verfällt dem Reitburschen, der tibetische Lama seiner Schülerin, die Prinzessin brennt mit dem Leibwächter durch, und der Tattergreis heiratet das Busenwunder. Einige Fälle sind spektakulär. Doch aufregende Mesalliancen gibt es auch in der eigenen Familie oder gleich nebenan. Aschenputtel und Prinz, die Schöne und das Ungeheuer, reifes Alter und zarte Jugend: Ungleiche Paare üben seit jeher eine besondere Faszination aus. Und die klassischen Konstellationen kehren immer wieder, komisch und tragisch, hoffnungslos und leidenschaftlich. In autobiographischem Rahmen erzählt Dietmar Bittrich von den skandalträchtigen Abenteuern ungleicher Paare.

Niemand weiß, wie oft Joschka Fischer mittlerweile geheiratet hat. Nur dass seine Frau vierzig Jahre jünger ist, zwei Köpfe größer und nur halb so schwer, das steht fest. Die beiden sind ein ungleiches Paar. Madonna präsentiert regelmäßig Gefährten, die dreißig bis vierzig Jahre jünger sind, allerdings wechselnde. Agatha Christie heiratete einen vierzehn Jahre jüngeren Mann. Das ging gut.
Es kann sein, dass einem europäischen Prinzen viele ebenbürtige Mädchen auf Bällen vorgeführt werden; und dann verliebt er sich in eines aus der Vorstadt, dessen Nasenscheidewand löcherig ist vom Kokain. Die Verbindung hält. Oder dass eine wohlerzogene Prinzessin einem rülpsenden Türsteher verfällt, und die Sache geht, naja, eine Weile. Goethe verbrachte viel Zeit mit adeligen Damen und heiratete eine arme Hutmacherin. Wenn die Mutter von Queen Victoria sich keinen Seitensprung mit einem Abenteurer geleistet hätte, gäbe es, wie wir heute wissen, das englische Königshaus nicht, zumindest nicht so, wie wir es lieben.
All das sind Celebrities. Sie haben ihren Bonus. Sie haben Sonderrechte. Sie sind weit weg.
Als meine Tochter mir ihren Mann aus Burkina Faso vorstellte, bekämpfte ich die unkorrekte Empfindung, die beiden passten nicht zueinander. Als mein Onkel mit einer Frau aus Kuba anrückte, war das schon anders. Meine Schwester wurde evangelisch erzogen, entwickelte sich zur kämpferischen Atheistin und verliebte sich schließlich in einen katholischen Pfarrer. Sie ist immer noch mit ihm zusammen, immer noch inoffiziell. Mein Bruder entdeckte früh eine Neigung zu jungen Frauen, die er retten wollte, und zwar aus einem Bereich, der früher Gosse hieß und mittlerweile in Prekariat umgetauft wurde.
Ungleiche Paare. Man beobachtet sie, bemitleidet sie, beneidet sie und sagt ihnen ein rasches Scheitern voraus. Bisweilen wünscht man es sogar. Wer sich für weitherzig und tolerant gehalten hat, erlebt Überraschungen. Zum Beispiel, wenn der eigene Vater den Tod der Ehefrau nicht verwindet, schließlich aber doch. Auf einmal ist alle Trauer abgefallen. Aha, eine robuste Polin hat den Haushalt übernommen. Nun möchte er sie heiraten. Die Nachbarn reiben sich schon die Hände. Die Kinder können nicht leugnen, dass die neue Liebe ihm gut tut. Die Familienkonferenz wird allerdings ohne ihn einberufen.
Dergleichen Konstellationen kehren immer wieder. Sie sind aufregend, komisch, bisweilen tragisch. Es hat sie von jeher gegeben. Aus ihnen besteht die Kulturgeschichte der ungleichen Paare. Wer Glück hat, erlebt etwas davon am eigenen Leib. Wer Pech hat, erst recht.

Verliebte rechnen sich alles schön. Sie brauchen nicht einmal zu rechnen. Die Rechnungen gehen von selbst auf. Sie sind gleich. Beinahe eins. Alles passt in den ersten Monaten. Und die paar Unterschiede, die sich bemerkbar machen, sind spannend.
Fand ich auch. Das Thema der Ungleichheit traf mich unvorbereitet, als ich im vergangenen Jahr Gotha besuchte, ein Städtchen in Thüringen zwischen Erfurt und Eisenach. In die Suche nach klassischen Kulturstätten und verwunschenen Wäldern hatte ich einen Abstecher zu meiner ältesten Tante väterlicherseits eingeflochten. Sie war niemals in den Westen gereist und residierte unangefochten in der bröckelnden Villa ihrer Kindheit.
Sie brauche keinerlei Aufwand zu treiben, hatte ich versprochen. Wir würden Kekse mitbringen und Tee, wir, ach so, ja, richtig, ich brächte jemanden mit. Als sie die schwere, über dunkle Fliesen schrammende Tür aufzog, musste sie einen Moment maulwurfsäugig blinzeln, um sich an die Tageshelligkeit zu gewöhnen. Dann begriff sie, was sie sah, und freute sich mit schonungsloser Aufrichtigkeit: „Dietmar! Dass ich endlich deine Tochter kennen lerne!“
Sie hatte falsch begriffen. Sie war eine Greisin, tröstete ich mich, eingekerkert in weltferne Düsternis. Deshalb vermochte sie das Alter jüngerer Generationen nicht einzuschätzen. Gewiss, ich hatte eine Tochter, das traf zu. Die hatte sich zum dritten Mal in einen Afrikaner verliebt, in den schwärzesten von allen. Diesmal sei es der richtige, hatte sie mitgeteilt, ihn wolle sie heiraten. Ich hatte keinen Einfluss darauf. Ich konnte lediglich ihrer Mutter die Schuld geben.
Nein, die junge Frau an meiner Seite, Josephine, war mein biologisches Mittel zur Verjüngung. Machte sie mich etwa älter? Sie war vierundzwanzig, ich zweiundfünfzig. Ich wähnte mich auf Augenhöhe mit Heiner Lauterbach und Sky du Mont und natürlich mit Joschka. Der Altersunterschied fiel doch nicht auf? Bislang hatte ich ihn nie verspürt. Beinahe nicht. Selten. Nur dass ich erfahrener war und Josephine mit den Grundzügen des Lebens vertraut machen konnte, das war mir aufgefallen, und zwar angenehm.
Josephine war blond wie ein Mädchen aus Bullerbü, schlank, geschmeidig, hell, ihre Augen leuchteten, die Haut schimmerte, sie war neugierig, kiebig, frech. Jenseits der vierzig würde sie möglicherweise ein bisschen zickig werden. Aber jetzt war alles frisch an ihr, schier, knospend, sommersprossig. Sie funkelte. Und ja, zugegeben, etwas Töchterliches hatte sie auch. Aber sie betrachtete mich als Liebhaber. Oder spielte noch anderes eine Rolle?
Wir ließen die Tante vorerst in ihrem Glauben. Josephine war sonderbar stolz auf die Fehleinschätzung. Mir selbst schien es zu kompliziert, die Verhältnisse in Zahlen darzustellen und anschließend auch noch zu rechtfertigen.
„Kinder, ihr könnt gern heute Nacht hier bleiben – aber ihr müsst euch das Schloss ansehen!“
Mussten wir? Wir hatten es liegen sehen, monumental und mit eingeschlafenen Füßen auf einem Hügel vor der Altstadt. Meine töchterliche Geliebte wollte. Sie war jetzt Prinzessin.
„Ich mache euch inzwischen die Zimmer zurecht“, frohlockte die Tante. „Oder“, fiel ihr ein, „schlaft ihr auf Reisen in einem Zimmer?“
„O nein, niemals“, beteuerte Josephine.
„Sie spielt vor dem Einschlafen mit ihren Puppen“, erklärte ich. „Das stört mich beim Lesen.“
„Nein, wie hübsch!“ Die Tante fand Gefallen an der jungen Verwandtschaft. Es schien vorteilhaft, die Komödie weiterzuspielen. Die betagte Villa war demnächst zu vererben. Bei guter Führung gehörte ich zu den Anwärtern.

[…]

Irgendwann war der Startschuss gefallen. Es hatte geklappt: bei Jakob, wenig später bei Alexander. Die beiden verdienten sich Geld mit Nachhilfeunterricht. Dabei stiegen sie ein in die Kulturgeschichte der ungleichen Paare, tölpelhaft und ungelenk, und ich fühlte mich gedrängt, hinterher zu eilen.
Alexander unterrichtete einen Neunjährigen am Klavier. Jakob half einem Elfjährigen in Latein. Die Mütter mussten Mitte bis Ende dreißig sein, für uns damals in sagenhaftem Alter. Bereits Frauen Ende zwanzig waren entrückt ins unvorstellbare Land der Arrivierten; begehrenswerte Frauen allerdings waren sie noch.

Jakob, vagabundierender Geschichtsstudent und sehniger Karatekämpfer, war von der Mutter seines Nachhilfeschülers eines Nachmittags beiseite genommen worden. Sie wolle in Ruhe über dessen Lateinschwäche reden.
„Er geht jetzt zum Hockey“, lächelte sie. Der Junge packte bereits seine Sachen.
„Also, was meinen Sie?“, forschte sie, als ihr Sohn die Tür noch nicht zugezogen hatte. Er sollte hören, dass es um ihn ging und garantiert um nichts anderes. „Sind überhaupt Fortschritte zu erkennen?“
Fortschritte? Aber ja. Unbestreitbar. Natürlich! Jakob ließ sich ein paar ermutigende Worte einfallen zur Begabung des Kleinen, zu dessen verzeihbarer Ablenkbarkeit, dem guten Willen und der allmählichen Einsicht, dass man eben üben müsse.
„Na, ja“, sagte die Mutter leichtherzig. „Auf jeden Fall zahle ich Ihnen jetzt mal den Monat im Voraus.“ Die Floskeln hatten ihr als Gespräch schon genügt. „Ich hole das Geld.“
Sie öffnete eine Tür, hinter die Jakob bislang nie gesehen hatte, und ließ sie offen stehen. „Kommen Sie ruhig rein“, rief sie. Jakob lehnte sich in den Türrahmen. Es war das Schlafzimmer. Die Wände waren in sanftem Hellgrün gestrichen; davor machten sich düstere Möbel breit. Ein mit Blumen gemusterter Seidenüberwurf lief in Fransen aus.
Die gemütlich füllige Frau kramte in einer wuchtigen Kommode mit gedrechselten Säulen. Jakob fiel ein Wäscheständer auf, der lückenhaft behängt am Fenster stand. Hinter den Gardinen prickelte herbstlicher Regen gegen die Scheiben. Man hörte die S-Bahn. Die Schienen liefen auf einem baumgesäumtem Damm hinter der gegenüberliegenden Häuserreihe. Was in diesem Augenblick zu hören war, war der Zug, den er hätte kriegen sollen.
„Hier ist das Geld.“ Die Frau tauchte rosig aus der tiefen Kommodenschublade empor.
„Man hört die S-Bahn“, bemerkte Jakob.
„Ach, daran gewöhnt man sich“, winkte sie ab. „Und manchmal ist es ganz gut, wenn es draußen Geräusche gibt. Kann ja mal laut zugehen im Schlafzimmer.“ Sie zwinkerte ihm zu.
Jakob wusste nicht recht, ob er auf diese Andeutung eingehen sollte. Vielleicht besser nicht. Seine Eltern wurden gelegentlich laut, ja, wenn sie stritten, aber das taten sie nie im Schlafzimmer. Dort ging es leise zu. Niemals passierte dort etwas Lautes, grundsätzlich ereignete sich dort nichts außer Schlaf. Sein Zimmer lag direkt daneben. Er hätte es wissen müssen.
„Herrje, entschuldigen Sie, da steht ja noch der Wäscheständer!“ Vielleicht war es ihr tatsächlich erst in diesem Augenblick aufgefallen. „So etwas gehört sich ja nicht. Aber sehen Sie mal!“ Sie lachte mit pausbäckiger Heiterkeit. „Wissen Sie, was das ist?“ Sie winkte ihn näher, wie zu einer naturkundlichen Entdeckung, die man mit der Lupe würdigen musste.
„Na?“, wiederholte sie wie eine nachsichtige Lehrerin. „Erkennen Sie das?“
Jakob sah unsicher hin. Es handelte sich um Frauenunterwäsche. Vor allem um sogenannte Slips, in lockerer Reihe aufgehängt an roten Plastikklammern. Er wollte daran nichts Sehenswertes finden.
Sie lächelte geheimnisvoll. „Das ist meine Reizwäsche.“
„Ach so.“ Das Wort war ihm fremd.
„Und ich glaube, das müsste inzwischen alles … “ Sie befühlte den Stoff. „Ja, das ist alles trocken. Hier.“ Sie nahm einen Slip ab. „Sehen Sie mal, wie zart so etwas gearbeitet ist.“
Sie hielt ihm das Kunstwerk hin. Es war winzig. „Fühlen Sie mal. Ganz feine Spitze, hinten die süße Schleife, vorn transparent. Da ist kaum noch Stoff dran!“ Darauf war sie stolz.
Sie legte ihm den Slip in die Hände, weil sie noch etwas anderes vorführen wollte. Sie nahm die Klammern ab. „Das Neglige!“ Sie hielt es gegen das Fenster. „Fast durchsichtig!“
„Stimmt“, gab er folgsam zu. Er hielt den Slip in den Händen wie ein Tropenforscher eine neu entdeckte Kröte, deren Giftigkeit noch ungeklärt ist.
„Können Sie sich das vorstellen? Dass das aufreizend ist?“
„Ja, natürlich.“ Er konnte sich gar nichts vorstellen. Er war verwirrt und verlegen.
„Wissen Sie, wenn man eine Zeit lang verheiratet ist, tut der Mann nicht mehr viel“, erläuterte sie. „Das ahnen Sie vermutlich noch nicht.“
„Nein.“ Jakob ahnte nichts. Er hoffte nur, alles richtig oder wenigstens höflich zu beantworten. Seine Einsilbigkeit musste einen stümperhaften Eindruck machen. Doch die Mutter seines Nachhilfeschülers war guten Mutes.
„Dann muss eine Frau den eigenen Mann verführen“, erklärte sie ihm. „Oder aber … “ Etwas freundlich Vertrauliches funkelte in ihren Augen. „Oder aber sie muss einen anderen verführen.“
Es war beschämend. Jakob, Alexander und ich: Wir hatten doch alles geklärt! Nicht jedes Detail für jeden möglichen Fall. Aber im Großen und Ganzen hatten wir ausführlich und häufig genug besprochen, wie wir uns verhalten würden. Wir hatten uns alles ausgemalt, so genau es ging. Frauen konnten bei diesen Besprechungen lediglich imaginär anwesend sein. Und das war nun der Haken: Jetzt war eine ganz real da. Und in ihrer Anwesenheit vergaß Jakob unseren Lehrstoff.
„Eine Frau kann einen Mann mit Reizwäsche verführen“, fuhr sie fröhlich fort. „Aber Jakob, Sie kennen ja den Scherz von der Frau, die sich neue schwarze Dessous gekauft hat.“
„Ja“, behauptete Jakob.
„Sie zündet Kerzen an und tritt dann in dieser betörenden Unterwäsche vor ihren Mann, ganz in schwarzer Spitze. Er sieht auf. Und er erschrickt. O Gott, ruft er, ist was mit Oma?“
Sie lachte bauchig. Jakob stimmte ein. Aber selbst wenn sie nicht übertrieben sensibel war, musste sie an seinem Lachen merken, dass er den Witz nicht verstanden hatte. Jedenfalls nicht vollständig. Die Pointe blieb ihm ein Rätsel.
„Ich trage am liebsten so wenig Unterwäsche wie möglich“, fand sie noch wichtig. „Ohne BH fühle ich mich einfach freier. Oder finden Sie das schlimm?“
Sie schwang ihren Oberkörper leicht hin und her. Jakob fühlte sich aufgefordert hinzusehen.
„Nein“, sagte er höflich.
„Sieht man zuviel?“, wollte sie wissen.
„Nein“, sagte er. Obwohl man eine Menge sah, wie er später beteuerte.
„Gut, das hier ist also der Rest für Oktober und das Geld für November“, sagte sie und drückte ihm die Scheine in die Hand. „Und nun sehen Sie zu, dass Sie Ihren Zug kriegen.“
Sie legte dem Bedripsten freundlich die Hand auf den Rücken und schob ihn hinaus.
Immerhin, Jakob behielt den Job. Die Schlafzimmertür wurde nie mehr geöffnet. Das Geld für die Nachhilfestunden befand sich wieder dort, wo es vorher schon immer gewesen war, in der Küchenschublade. Obendrein schien es ihm, als trage die Mutter seines Lateinzöglings doch Büstenhalter. Aber genau hinsehen mochte er nicht.
Menu