UrlaubsreifLeseprobe
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Dietmar Bittrich
Urlaubsreif
43 tolle Reisen

Hoffmann & Campe, gebunden, 14,95 €

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dtv, Taschenbuch, 4,95 €
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Wir reisen, um das Glück zu finden. Bereits in der Schlange am Flughafen befallen uns Zweifel. Müssen all diese Leute mit? Das Urlaubsland selbst leuchtet nicht halb so farbenfroh wie im Katalog, zumal wir die Kontaktlinsen vergessen haben. Die Ferienwohnung scheint extrem preisbewusst eingerichtet, das Hotel liegt am Autobahnring. Mit rätselhaften Wegbeschreibungen verirren wir uns auf der Suche nach Kirchen, Schlössern und Museen, um kulturelles Interesse vorzutäuschen.
Auf Studienfahrten sitzen wir die Zeit in Restaurants ab, in denen der Reiseleiter Provision einstreicht. Stets haben wir das Gefühl, das Beste zu verpassen. Erst wenn wir erschöpft nach Hause zurückkehren, wissen wir, was wir wollten und nun brauchen: Urlaub.

Verdampfen im Süden

Wir leben in einem Land, in dem es neun Monate im Jahr regnet. In den restlichen herrscht Bodenfrost. Deshalb kommen wir zuweilen auf eine verhängnisvolle Idee. In einem Anfall von Wut und Verzweiflung buchen wir eine Sommerreise in den Süden.
Jeder von uns hat diese Idee, wenn auch nur einmal im Leben. Rom im Juli, ich erinnere mich. Alle Jalousien heruntergelassen, die Restaurants geschlossen, die Einheimischen komplett nach Norden ins Exil gegangen. Der Urlaub bestand aus Verdampfen bei lebendigem Leib und aus Warten, dass er vorübergeht. Sie kennen das? Vermutlich waren Sie nicht im August in Madrid oder Athen, sonst wären Sie nicht mehr in der Lage, diese Zeilen zu entziffern.
Aber Sie haben mal eine südliche Insel aufgesucht. Die Landschaft war staubig, die Vegetation verdorrt, der Asphalt warf Blasen. Sie dachten, am Meer müsse es auszuhalten sein. War es Korfu, Sardinien? Das Land lag gelähmt, die Vögel schwiegen, nur Zikaden waren zu hören. Ich erinnere mich, wie Sie mit krebsrotem Gesicht vorüberwankten, Richtung Meer. Wie Sie dann schreiend über glühende Steine staksten und in die lauwarme Brühe plumpsten. Ich war derjenigen, der mit nassem Tuch auf dem Haupt im Schatten saß. Sie verzeihen, dass ich mich nicht aufraffen konnte, Ihnen das Leben zu retten. Ich war in meiner Mattigkeit gerade noch in der Lage, nach Schlangen und Skorpionen Ausschau zu halten, den einzigen Tieren, die sich bei solchen Temperaturen bewegen.
Immerhin habe ich Sie am folgenden Tag noch halbwegs lebendig in der Kathedrale sitzen sehen. Sie blätterten in einem frommen Heftchen. Ja, auch ich habe den kühlen Segen der Kirche gesucht. Allerdings bin ich nicht so weit gegangen, die Arme bis zum Ellbogen ins Weihwasserbecken zu tauchen. Schweigen wir davon.
Wohin sollen wir, wenn im Hotelzimmer die Hitze steht und die schattigen Museen geschlossen haben? Zur eigentlichen Urlaubsattraktion werden im Süden unversehens die klimatisierten Banken. Wenn sie dicht machen, bleiben noch die Supermärkte, in denen das Obst auf Eis liegt. Ich habe in meiner Not schon manche Truhe voll tiefgefrorener Fische umgegraben. Richtig herrlich, aber in dörflichen Gegenden rar, sind klimaversiegelte Einkaufszentren. Dort bekommen wir eine Gänsehaut. Die Angestellten tragen leichte Wolljacken. Künstliche Polarwinden durchfegen die Hallen, damit wir es schaffen, unseren Hitzekoller mit eine langwierigen Erkältung zu kombinieren.
So einen Eispalast zu verlassen, ist dann die grausamste Mutprobe. Jenseits der Glastüren prallen wir gegen einen Wand aus Glut. Auf dem Parkplatz spiegeln die Autos. Wir hatten unseren Wagen im Schatten geparkt, mittlerweile steht er im Fokus der Sonne. Es riecht nach flüssigen Reifen. Die Autotür ist nur mit spitzen Fingern zu öffnen. Wer sich hinsetzt, riskiert Verbrennungen an den Unterseiten der Oberschenkel. Das Lenkrad befindet sich unmittelbar vor dem Schmelzpunkt. Wer hat den Schokoriegel auf dem Rücksitz liegen lassen? Lassen wir das. Die Kinder quengeln ohnehin nur noch. Sie wollen Eis, können aber nicht so schnell schlecken, wie es schmilzt. Durst? In der Flasche siedet das Wasser.
Wer hat behauptet, Hitze sei erotisierend? Na gut, wir erinnern uns an den ersten Abend, als bei offenem Fenster warme Luft die Haut streichelte. Eine verwehte Fata Morgana. Mittlerweile ist die körpereigene Hormonproduktion verdorrt. Seit einer Woche sind wir nicht aufs Klo gegangen. Unnötig. Alles verdunstet durch die Poren und hinterlässt lediglich salzige Kristalle auf der Haut. Auch am Haaransatz. Von der Gehirnmasse muss jetzt eine Art Pulver übrig sein, wie die körnige Basis einer Gemüsebrühe. Auch nach langem Duschen wird es nie mehr seine frühere Größe erreichen.
Die verbliebenen Einheimischen, ausschließlich zahnlose Alte, beobachten durch halb geschlossenen Fensterläden, wie wir uns durch die Gassen schleppen. Ja, ja, wir sind die Doofen. Und warum sind wir hergekommen? Wo es doch in unserem Land so schön kühl ist! Da regnet es neun Monate im Jahr. Ach, wie herrlich!

Fastenreisen

Gewöhnlich freuen wir uns auf eine Reise. Sie ist der Lohn. Doch manchmal ist es angezeigt, dass wir uns bestrafen – und zwar bevor das Schicksal es tut. So buchen wir eine Fastenreise.
Eine vieltägige Entschlackungs-, Entgiftungs- und spirituelle Reinigungskur. Egal, ob wir uns für Mayr, Schnitzer, Bruker, Buchinger oder für vedische Abkochungen entscheiden, ein Vergnügen wird es auf keinen Fall.

Gefasst und tapfer betreten wir das Fastenhotel. Das Personal lächelt schief; es hält uns für falsch ernährt. Helles Holz und handgewebte Naturstoffe sollen uns aufheitern. Doch an den schwermütig herumschlurfenden Gästen und ihren Wärmflaschen erkennen wir: Es wird ernst.
Tatsächlich bekommen wir ein niederschmetterndes Programm überreicht. Worte wie „Leberwickel“ und „Reisschleim“ verheißen nichts Gutes. Schweigen wir vom „Irrigator“, der „an der Rezeption auch als Reise-Set erhältlich“ ist.
Wir treten auf den Balkon und sehen in neblige Wipfel. Ein Eichhörnchen schaut aus der Freiheit herüber. Unbeschwertes Geschöpf! Du sammelst pro Woche genügend Nüsse für anderhalb Gläser Nutella! Das müssen wir jetzt vergessen.
Wir schauen uns im Haus um. Sind die Leute, denen wir hier begegnen, eigentlich alle älter als wir? Oder sehen sie nur so aus, weil sie schon ein paar Tage länger da sind? Während im so genannte Speisesaal Gemüsebrühe ausgeschenkt wird, kreist das Gespräch um Verdünnungen, Pulsdiagnosen und den vorbildlichen Lebensweg des Fastenarztes.
Abends hält er lebenspraktische Vorträge. Falls wir Ayurveda gebucht haben, finden wir dabei heraus, ob wir Vata, Kapha oder Pitta sind, und erfahren, dass die indische Bevölkerung traditionell auf Panchakarma-Kuren schwört. Komisch, dass diese Bevölkerung eine derartig niedrige Lebenserwartung hat.
Oder ist das ein gutes Zeichen? Wir lernen ja bald, unser herkömmliches Vorurteil zu revidieren. Die enervierende Schlaflosigkeit ist ein Beleg unserer innewohnende Energie! Ohrensausen, Schwindelanfälle, Magenkrämpfe, rasende Kopfschmerzen sind ermutigende Indizien!
Nur für den schlingernden Kreislauf sollen wir etwas tun. Bei Regen Sonnengruß, Kobra und Pflug. Bei Trockenheit geht es hinaus auf Kieswege und Waldpfade, zunächst in kleinen Leidensgemeinschaften. Vom dritten Tag an in philosophischer Einsamkeit, denn es riecht seltsam; entweder aus unseren oder aus den andern Poren.
Beliebte Ziele sind das Brunnenhäuschen, die Jahrhundert-Eiche und das denkmalgeschützte Wasserrad. Unserer schwindenden Hirnsubstanz reicht das als Anregung.
Im Übrigen merken wir, dass es keinen Sinn hat, Tabus aufrecht zu erhalten. Gewöhnlich verschwiegene körperliche Vorgänge sind vom vierten Tag an bevorzugtes Tischgespräch.
Jeder weiß jetzt, wie dünnflüssig der andere inzwischen ist. Man spricht sich Mut zu und wartet auf die berühmte Fasten-Euphorie. Irgendwann soll der Körper, im Glauben es gehe zu Ende, aufmunternde Halluzinogene ausschütten. Beim greisenhaften Nachbarn ist es schon so weit; nachts hören wir ihn durch die dünne Wand seufzen.
Wir telefonieren nach Hause und empfehlen den feige Daheimgebliebenen, morgens mit Sonnenblumenöl zu gurgeln. Dazu haben sie keine Lust. Sie bewundern uns lieber mit durchschaubarer Heuchelei.
Wir ziehen uns in den „Raum der Stille“ zurück und zweifeln meditativ am Sinn des Lebens. Aber irgendwann schließt sich der Zyklus der abendlichen Vorträge wieder bei „Ursachen von Gesundheit und Krankheit“. Und das bedeutet: Es ist Zeit abzufassen.
Wir bekommen einen Zettel überreicht mit dem Leitwort „Jeder Dumme kann fasten, aber nur ein Weiser kann das Fasten richtig brechen“. Und grüßen den erhaben auf dem Frühstücksteller ruhenden Apfel.
Während wir jeden mürben Bissen zwanzigmal kauen, rechnen wir durch, was wir hier pro Tag bezahlt haben und was wir eigentlich dafür bekommen haben. Und wir können nicht mal heimlich was mitgehen lassen, nur Knäckebrot.
So kaufen wir den Reise-Irrigator inklusive Vorratspackung Glaubersalz als Mitbringsel und versprechen dem Fastenarzt, unsere Ernährung fortan nach seinen Richtlinien umzustellen.
Als bemitleideter Held kehren wir heim. Der Doktor hat behauptet, wir seien jetzt zehn Jahre jünger. Niemand bemerkt es. Um unsere gewandelte Einstellung öffentlich zu bekennen, kaufen wir Gemüsebrühwürfel, Sprossensamen und Aloe Vera Gel.
Hoffentlich ist das alles lange haltbar. Denn eigentlich sind wir inzwischen genug gestraft. Haben wir nicht sogar im Voraus gebüßt?
Aber ja! Nach dieser Reise dürfen wir, müssen wir sündigen! Enthusiastisch rufen wir unser Lieblingsrestaurant an. Düstere Stille. Es hat inzwischen pleite gemacht.

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