Dietmar Bittrich

Zum Niedermähen schön

Ein Gartenkrimi

Für meine Frau hat Gärtnern etwas Meditatives. Sie arrangiert Blütenpflanzen, während ich den Matsch aus der Regenrinne räumen soll. Sie meditiert und setzt Kräuter an „wie Hildegard von Bingen“. Doch auch etwas Erotisches ist dabei. Dahinter komme ich allerdings mit reichlich Verspätung. 

Ich bin mehr der Indoor-Typ und schaue durchs Fenster auf die Haselsträucher, die ich beschneiden soll, und auf den Rasen, den ich zu kürzen habe. Einen Mähroboter lehnt meine Frau ab. Ich sitze drinnen, weil ich an einem lustigen Buch über Schäfergedichte und arkadische Paradiese arbeite, von der Antike bis heute. Hingebungsvoll erforsche ich diese frivolen Idyllen. 

Derweil entgeht mir völlig, dass die Wirklichkeit der Kunst in nichts nachsteht. Im Gegenteil, sie überholt die Kunst. Der Leser ahnt es viel früher als der Ich-Erzähler: die gärtnernde Frau liebt dort draußen nicht nur Blumen und Bäume. 

Das wird nicht gut gehen. 

dtv, 144 Seiten, ISBN 978-3423217880

Erscheinungstermin: 15.05.2020

Taschenbuch 11,00 Euro

E-Book 9,99 Euro

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Leseprobe

Landkreis des Lächelns

Später fragt man sich immer, wann es angefangen hat. Meist früher als gedacht, lange vor den ersten auffälligen Indizien. Vielleicht war es an dem Tag im April, als meine Frau mir mitteilte, dass der Biber-Job sicher war. Sie hatte sich, als eine Art Managerin meiner Einkünfte, leidenschaftlich dafür eingesetzt. Doch das erste Erlebnis, das mich nachdenklich stimmte oder das ich im Nachhinein als Hinweis deute, stand im Zusammenhang mit der abendlichen Müllentsorgung. 

Als ich den schwächelnden Hinterreifen des Fahrrades aufpumpte, kletterte gerade der Mond in die Bäume am Kanal. Dunkel war es noch nicht, nicht dunkel genug für mein illegales Vorhaben, aber es war Zeit loszufahren. Ich stopfte die mit rotem Zugband verschlossene Mülltüte in den Rucksack. Es sah so aus, als wollte ich einkaufen fahren. Der Discounter in Berkenthin hatte abends bis neun geöffnet. 

Vom Heebarg bog ich in den Umlöper, überquerte die Dörpstraat und holperte hinter den letzten funzelig beleuchteten Einfamilienhäusern auf dem buckeligen Fußpfad hinunter zum Kanal. Der Elbe-Lübeck-Kanal führt von Lauenburg ziemlich gerade nach Norden und mündet in die Trave, beinahe in die Ostsee. Sportboote und kleine Binnenschiffe sind darauf unterwegs. Die gesamte Wasserstraße begleitet ein aus Sand gewalzter, von Eschen überschatteter Radweg. An Sommerwochenenden sind darauf Familien und sportliche Rentner unterwegs. An Wochentagen herrscht Stille. 

Alle paar Kilometer ist ein kleiner Rastplatz eingerichtet, eine Bank, flankiert von einem Fahrradständer und einem Papierkorb. Jeden dieser Papierkörbe kannte ich; in Richtung Süden die acht Körbe bis Mölln, in Richtung Norden die sechs bis Krummesse. In jeden hatte ich bereits eine pralle schwarze Mülltüte entsorgt. Mehr als das durfte ich nicht wagen. Sonst würden die Mülldetektive der Abfallwirtschaft Schleswig-Holstein auf die Strecke geschickt. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich selbst als Mülldetektiv gearbeitet; das ist eine andere erfreuliche Geschichte. 

Als ich an diesem vorfrühlingshaften Abend zum Kanalweg rollte, fiel mir ein Fahrrad auf, das am Pfosten der Wandertafel lehnte. Die quadratmetergroße Landkarte diente der Orientierung navigationsloser Radler. Die gesamte Stecknitzregion war darauf abgebildet, mit allen Dörfern und Höfen, allen Forellenteichen und ehemaligen Bahndämmen, mit Hügelgräbern und Meilensteinen, mürben Wallanlangen und sehenswerten Einzelbäumen. Sogar unser bescheidenes Landhaus aus xylamongetränktem Holz war als rotes Puzzlesteinchen erkennbar.

Hier lehnte Finns Fahrrad, zu erkennen am wetterfesten Wimpel des TSV Berkenthin. Angeschlossen war es nicht. Die Dörfler ließen tagsüber auch die Haustüren offen. Sie erfreuten sich des ungetrübten Vertrauens, das uns Zugewanderten in unserer Stadtzeit abhanden gekommen war. Dann sah ich Finn selbst. Storchenhaft mit seinen langen Beinen stakste er über die Gebisswiese. Um diese Zeit? Ich pfiff. Er blickte auf. Er bückte sich und hielt etwas in die Höhe. Er winkte. Ich sollte kommen. Also hatte er wieder eines gefunden. Als Einheimischer verfügte er über Verbindungen, die uns verborgen blieben.

„Bitte sehr“, sagte er, als ich durchs taufeuchte Gras gestapft war. „Birkholm hat dich angerufen“, stellte ich fest. Birkholm gehörte zu den Betreibern des Flughafens Blankensee, von dessen Rollbahn nicht nur Segelflieger und Ballonfahrer aufstiegen, sondern gemütlich brummende Flugzeuge – und ab Frühlingsbeginn einige davon mit Tandem-Skydivern. In dreitausend Metern Höhe sprangen sie ab, ungefähr über Lankau. An windstillen Tagen sah man sie als größer werdende Meteoriten über den Himmel segeln. Sie landeten nicht weit von unserem Dorf auf einem brachliegenden Feld. Und wenn sie auf dem Hintern die Landung ausrutschten, hatten einige ältere Teilnehmer nicht mehr alles bei sich. Besonders falls sie beim Absprung geschrieen und gelacht hatten. Dann hatten sie das verloren, was Finn jetzt auf der Handfläche zeigte.

„Im Mondlicht schimmern die wie von innen beleuchtet“, murmelte er beglückt. „Wie vollgesogen mit Solarenergie!“ Das traf zu. Die Prothese, ein nahezu vollständiger Unterkiefer, schien uns anzulächeln. „Hat einige Gebrauchsspuren“, räumte er ein. „Aber ist fast komplett!“, staunte ich. In der Regel fielen nur Teilprothesen und Klammern ab. „Damit hast du das zweite Dutzend voll!“, gratulierte ich. Finn war nicht der einzige Sammler in der Gegend, doch der erfolgreichste. Das hing damit zusammen, dass Birkholm ihn jedesmal anrief, wenn eine Seniorin im freien Fall den Mund aufgerissen und den Zahnersatz an die Lüfte verloren hatte, durch die sie jauchzend schlitterte. 

Die Strecke der Skydiver war immer die gleiche. Nicht alle Prothesen fielen auf diese Feuchtwiese, aber doch so viele, dass die Dörfler sie danach benannt hatten und einer sogar den Namen auf die Wandertafel geschrieben hatte: Gebisswiese. Das Sammeln war zum dörflichen Wettbewerb geworden, nachdem vor Jahren auf eine Annonce mit dem Foto des ersten Fundes niemand geantwortet hatte. „Wenn wir genug schöne Stücke haben, machen wir eine Ausstellung“, hatte der Bürgermeister damals beschlossen. „Dann nennen wir uns ‚Landkreis des Lächelns’!“

Ab Mitte April bekamen die einheimischen Sucher Konkurrenz durch Störche, die ihre Nester auf Dachfirste und hohe Plattformen bauten und auf der Wiese eigentlich nur Frösche suchen sollten und Kröten und Eidechsen, manchmal aber eine Prothese davontrugen. Monate später wurde so ein Fund dann vom ehrenamtlichen Vogelberinger im Nest entdeckt, nebst Socken, Ketten und Büstenhaltern. Ja, auch der Büstenhalter von Liv ist mal dabei gewesen, von der jungen Bürgermeistersfrau; er war nicht von der Wäscheleine geweht, sondern am Waldrand auf einem Hochsitz verloren gegangen; das ist eine andere Geschichte. Und dass ich selbst mal einem Ornithologen geholfen habe, als Vertreiber von Vögeln am Flughafen und dabei auch einen Fund gemacht habe, das ist wieder etwas anderes; ähnlich wie meine kurze Karriere als Verfolger von Heißluftballons. Jetzt sollte ich es ja erstmal als Biber versuchen. 

„Du fährst noch einkaufen?“, fragte Finn mit Blick auf meinen Rucksack. „Muss ich“, behauptete ich. „Claudia braucht noch Backzutaten. Und ich selbst will mal wieder das Weinangebot checken. Aber eine Tube Kukident kann ich dir natürlich mitbringen.“ 

Er lachte mit seinen nahezu perfekten eigenen Zähnen. Kein Wunder, dass die Landfrauen ihn anhimmelten. Er leitete ihren wöchentlichen Fitnesskurs. Als Zehnkämpfer hatte er es beinahe in die Olympiaauswahl geschafft. Jetzt betrieb er einen Antikschuppen und war Chef der Freiwilligen Feuerwehr. Finn vertrug mehr Stecknitzköm als alle anderen und blieb doch schlank, muskulös und einsatzbereit. 

„Na, ich suche hier noch ein bisschen“, lächelte er. „Hat jetzt mehrere Seniorensprünge gegeben, und das Mondlicht hebt die Teile so wundervoll hervor, so bleich glühend, wie die Skelette auf der Geisterbahn.“

Er wandte sich der Wiese zu, die er noch bis zum schwarzen Waldrand abschreiten würde, ein urzeitlicher Jäger und Sammler, ein saftiger prangender Mann. 

Um diese Zeit hätten weder Finn noch ich oder sonst irgendjemand sich im entferntesten vorstellen können, dass er wenige Monate später für immer aus diesem und allen anderen Wettbewerben ausscheiden würde, keineswegs freiwillig, und unter so aufregenden Umständen, dass sogar die New York Times davon berichtete.