WeihnachtshasserDie bucklige VerwandtschaftDriving Home

Genug gelitten!
Früher liebten Sie Weihnachten. Aber bestimmt nicht so, wie es in diesen Tagen verramscht wird. Sie mögen immer noch Printen und Spekulatius. Nur haben Sie schon im Oktober zuviel davon gegessen. Sie finden ein Lied wie „Stille Nacht“ im Grunde ergreifend schön. Aber jetzt können Sie es einfach nicht mehr hören.
Und dann ist da noch die Familie. Den einen oder anderen sehen Sie zuweilen ganz gern. Aber so geballt und gehäuft und gleich mehrere Tage hintereinander…
So geht es mir auch. Wir können offen sprechen. Weder Sie noch ich hängen übermäßig am Materiellen. Trotzdem beschleicht uns seit Jahren der Verdacht, dass das Fest sich für uns nicht mehr lohnt.
Als wir Kinder waren, beschränkte sich unsere Investition auf Untersetzer aus gebügelten Strohhalmen plus kurzem Flötenspiel. Dafür fuhren wir reiche Ernte ein. Inzwischen erleiden wir Defizite.
Unsere Eltern, die einst alles für uns taten, erwarten mittlerweile, dass wir alles für sie tun. Dicke Onkel freuen sich auf unsere Kochkunst. Und die Tante, die ehemals großzügig war, verlangt abgeholt zu werden und überreicht dafür Parfums, von denen wir dachten, sie seien längst verboten. Jüngere Familienmitglieder versuchen, uns mit Untersetzern aus gebügelten Strohhalmen abzuspeisen.
Rebellieren, verweigern, fliehen? Alles möglich. Aber es geht auch viel lustiger! Nur eben auf unsere Art. Es gibt so herrliche Möglichkeiten, Weihnachten zu feiern und trotzdem glücklich zu sein! Ich habe sie gesammelt und aufgeschrieben. Viele davon knistern so frisch und frech, dass die Lichter am Tannenbaum freiwillig angehen. Andere sind so abgründig schwarz, dass Knecht Ruprecht die Zähne ausfallen.
Und alle verschärfen und liften dieses Fest, das wir gleichzeitig hassen und lieben. Sie haben Lust? Es geht los!


Das Weihnachtshasser Buch

Woher kommt Ihr Weihnachtshass?
Ich liebe Weihnachten – weil ich mir die Freiheit nehme, an den Feiertagen zu tun, was ich will. Ich richte mich nicht nach den Erwartungen der Verwandtschaft. Wer das tut, und wer das gegen sein inneres Empfinden tut, der wird Weihnachten mit der Zeit zu hassen lernen. Oder wird zumindest erkennbar genervt sein. Weihnachten ist die hohe Zeit der Streits, der Zerwürfnisse, Trennungen, Depressionen. Das liegt an den Erwartungen und an dem unaufrichtigen Versuch, sie zu erfüllen. Ich gebe in dem Buch Tipps, wie man die Feier überlebt, falls man nicht die Kraft hat abzusagen.
Was machen Sie am 24.12.?
Jedes Jahr was anderes. Vor zwei Jahren war ich am Polarkreis, allein, im vergangenen Jahr in einem Benediktinerkloster, schweigend, davor in Brasilien, wo um diese Zeit Hochsommer ist und Heiligabend alle zur Beach Party an den Strand gehen. In diesem Jahr bleibe ich zu Hause und räume den Dachboden auf. Es ist ein herrliches Gefühl, wenn alle dasselbe tun, etwas ganz anderes zu machen! Meine Frau hat sich daran gewöhnt. Die Kinder auch. Sie finden es ein bisschen sonderbar und akzeptieren es.
Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Buch?
Auf die Idee zum Weihnachtshasserbuch bin ich in den vielen Jahren der Familienfeiern gekommen. Es geht ja nicht nur mir so: Wenn man die Kindheitsjahre verlassen hat, wenn man also nicht mehr selbstvergessen mit all den tollen neuen Sachen spielt, wenn stattdessen mit am Tisch sitzt – dann fällt einem immer mehr das Atmosphärische auf. Die subtilen Spannungen zwischen den Verwandeten, die mühsamen Gespräche, die aus Floskeln und Wiedergekäutem bestehen, das Bemühen der Frauen, so etwas wie Harmonie aufrechtzuerhalten, die Fluchtversuche der Männer, das langsame Distanzieren der älteren Kinder, die nur noch zu den Kernzeiten kommen.
Welchen der Tipps empfinden Sie selbst als den gemeinsten?
Ich empfinde keinen Tipp als gemein. Es sind Überlebenstipps! Die Geschenkideen sind zuweilen boshaft, klar. Aber ich finde, Geschenke sollen Spaß machen – vor allem demjenigen, der sie schenkt! Der Beschenkte ist eh immer unzufrieden. Etwas richtig Gemeines ist nur das Mitfeiern! Wenn jemand, der solch ein Friede-Freude-Familienfest nicht mag, trotzdem mitfeiert oder nur dabeisitzt, dann wird er durch seine unterdrückte schlechte Laune den anderen (meist den Frauen) das Fest verderben. Das finde ich gemein!
In Ihren Büchern geben Sie gern Tipps zum Böse sein…
Ich bin nicht boshafter als andere. Na ja, vielleicht ein bisschen. Und zuweilen ein bisschen witziger. Meine Bücher sind auf witzige Weise boshaft. In einer Gesellschaft, wo alle so tun, als seien sie tolerant und wohlmeinend und friedliebend, wo also permanent geheuchelt wird, sind witzige Bosheiten enorm befreiend. Jeder hat das, was ich schreibe, schon mal gedacht. „Endlich spricht es einer aus!“ Das macht doch Spaß. Und jeder hat mitgeschrieben. Ich bin lediglich der Empfänger für die herumschwirrenden Gedanken.

Weihnachten mit der buckligen Verwandtschaft


Dietmar Bittrich
Die Unsterblichkeit


Großonkel Joseph war nicht allein mein Erbonkel, sondern auch der Erbonkel zahlreicher anderer Familienmitglieder. Wir alle machten ihm regelmäßig unsere Aufwartung. „Drückt nur die Daumen, Kinder“, sagte meine Mutter, seine Nichte, „dass er nie und nimmer ins Heim muss.“
Nach einer längst überholten Tradition hanseatischer Kaufleute hatte Joseph bis zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag an der Gewohnheit festgehalten, Arztkosten aus eigener Tasche zu begleichen. Versicherungen hielt er für Betrugskartelle. Und nun würden sie ihn als Mitglied auch nicht mehr nehmen. Hätte er in ein Pflegeheim umziehen müssen, wären bei den unverschämten Tagessätzen und bei seiner ererbten Zählebigkeit die Millionen in wenigen Jahren dahingeschmolzen. Am Ende hätten wir einen Brief vom Sozialamt erhalten und wären am Unterhalt arm geworden. Das musste verhindert werden.
Joseph war ein großer Mann mit ausfahrenden Gesten und lauter, greinender Stimme, die er auch in Straßenbahnen und Restaurants nicht dämpfte. Während er sich über die Politik ereiferte, ruderte er wie ein Windrad mit den Armen und streute die Asche seiner unerschöpflichen Zigarre über die Zuhörer. Jeder hatte binnen kurzem heraus, dass seine Vorträge durch Einwürfe und Widerspruch nicht abzukürzen waren. Die meisten hörten also schweigend zu und lächelten das Lächeln der Nachgeborenen. Meine Mutter hatte die Losung ausgegeben, er sei eine Persönlichkeit.
Nach zwei missglückten Affären und einer kurz vor der Heirat gelösten Verlobung hatte Joseph mit vierzig beschlossen, sein Leben als Junggeselle zu verbringen. Auf dem schwarzpolierten Bechstein-Flügel, an dem er mit brüchigem Organ die Fragmente von Schubert-Liedern anstimmte, standen das goldgerahmte Foto eines Schäferhundes, den er als den besten Freund seines Lebens bezeichnete, und ein Porträt eines Reitpferdes, das ihn nach zwei treuen Jahrzehnten abgeworfen hatte, so dass ich ihn nur hinkend kennengelernt habe. Meine Mutter hatte ein Foto unserer Familie dazu gestellt.
Als Joseph an einem Oktobersonntag aus einem dumpfen Mittagsschlaf erwachte, glaubte er, die Aura der Gegenstände und Zimmerpflanzen zu sehen. Er berichtete von der vibrierenden Unschärfe ihrer Doppelkonturen, als meine Mutter sich am Abend telefonisch nach seinem Wohlergehen erkundigte. Seine Sprache war so verschleiert, dass sie kaum dahinter kam, was er meinte. In einer ängstlichen Eingebung flehte sie ihn an, seine Füße hochzulegen, und fuhr zu ihm, um seine Bettruhe zu überwachen. Am folgenden Tag hatte er die gewöhnliche Sicht der Dinge wiedererlangt.
Beim Weihnachtsessen beschuldigte er meine Mutter, die Gans mit verdorbenen Maronen gestopft zu haben, die ihm Lippen und Zunge betäubten. Wir, die ihm gegenüber saßen, wurden unterdessen Zeuge, wie die rechte Hälfte seines Gesichtes ins Rutschen kam. Es sah aus wie ein in Zeitlupe zusammenstürzendes Hochhaus; die Fassade scheint als Ganzes abwärts zu gleiten und wahrt im Absacken noch für einen würdigen Augenblick ihre Gestalt, bevor sie sich für immer in Staub und Trümmern auflöst. Wir nötigten ihn, sich auf die Couch zu legen. Auch diese Anwandlung ging vorüber. Doch wir wussten, dass es Zeit war zu handeln.
Als im Februar ein Regenschauer die gefrorenen Wege mit einer Eisschicht versiegelte, fiel uns ein, dass unser Onkel viel zu selten spazierenging.
„Es ist nicht gut, dass er immer drinnen hockt“, sagte meine Mutter. Dann riefen wir ihn reihum an, um ihn zum Ausgehen zu ermutigen. Schließlich raffte er sich tatsächlich auf. Mit pochenden Herzen saßen wir in den folgenden Stunden neben dem Telefon. Keiner von uns war an diesem Tag ohne blaue Flecken oder verstauchte Handgelenke davongekommen. Auf den spiegelnden Straßen waren scharenweise Menschen gestürzt und unter die Räder geraten. Nicht einmal die Unfallwagen konnten sich über die glasierten Flächen bewegen.
Nun warteten wir auf den erlösenden Anruf. Der kam gegen achtzehn Uhr. Onkel Joseph dankte uns für den guten Rat. Er sei nach einem wackeren Gang erquickt und froh heimgekehrt und fühle sich durch die frische Winterluft wohltuend gestärkt.
Zu Ostern spendierten wir Onkel Joseph ein Shampoo, damit er sein Geld nicht immer zur Friseurin trage, die sich auf vordergründige Weise bei ihm einschmeichelte.
„Alte Menschen müssen aktiv bleiben“, sagte meine Mutter. „Es ist besser für ihn, wenn er sein Haar selber wäscht“.
Und damit es danach schnell wieder trocken würde, schenkten wir ihm obendrein einen Fön.







Mein elektrisch versierter Vetter installierte eine neue Steckdose im Badezimmer und erklärte Onkel Joseph, dass man einen Fön am besten benutzt, während man in der Badewanne liegt, damit man es von allen Seiten warm hat. Unser Onkel fand das überzeugend und hielt sich fortan daran. Es bekam ihm gut.
An einem schwülen Nachmittag Ende August durchfuhr Onkel Joseph der Blitz eines unsichtbaren Gewitters. Er saß im Lehnstuhl und hatte das Gefühl, ans Polster genagelt zu werden. Der zweite Blitz ließ ihn über die Lehne kippen. So fand ihn meine Mutter am Ende eines Tages voll vergeblicher Anrufe.
In Bad Homburg, einer deprimierenden Ballung von Krankenhäusern, Rehabilitationsstätten, Thermalbädern, Fastenkliniken und Cafés erlebte unser Onkel von nun an die unerbittliche Routine eines Pflegeheims. Sein Zimmer teilte er mit einem stumm dahindämmernden Herrn Marotzke.
„Dort wird sein Leben nun in die Länge gezogen“, klagte meine Mutter. „Und auf wessen Kosten? Auf seine eigenen Kosten! Noch hat er Geld!“
Im Wahn, er könne nach ein paar Wochen das Heim verlassen, weigerte der Onkel sich zu allem Überfluss, seine teure Wohnung zu kündigen. Wenn wir ihn besuchten, lag er stets in wächserner Starre und stierte an die Zimmerdecke. Doch sobald er uns wahrnahm, belebten sich seine Züge. Er begann wieder zu reden.
Nach einigen Monaten ereiferte er sich sogar beinahe wie früher, noch unverständlicher zwar als damals, doch brachte er es sogar fertig, mit den Armen zu fuchteln und Telefon und Saftglas vom Nachttisch zu fegen. Es war ein Jammer mitanzusehen, dass er nun unserem Einfluss entzogen war und sich dabei noch erholte. Wir machten uns Vorwürfe, dass wir nicht eher etwas getan hatten.
„Man hat einfach nicht die Zeit“, sagte meine Mutter, „sich so um die alten Menschen zu kümmern, wie es nötig wäre.“
Im Herbst bekam der Onkel einen Rollstuhl, der teurer war als ein Kleinwagen und den er ebenfalls selbst bezahlte. An sonnigen Tagen mussten wir ihn nun über die ebenen Wege des Kurparks schieben. Es schien in dem ganzen Ort weder Hügel noch Treppen zu geben, und sogar die flachsten Teiche waren von unüberwindlichen Mauern umgeben.
Onkel Joseph genoss die Luft und die Sonne und gewann auf gespenstische Weise an Vitalität. Durch unentzifferbare Ausrufe und herrisches Gestikulieren wies er die Richtung, in die er gefahren werden wollte. Meine Mutter hatte beobachtet, dass er sogar im Schlaf mit den Armen fuchtelte.
Meine Kusine war es, die auf die wunderbare Idee kam, ihm zum ersten Advent eine Kerze mitzubringen, auf dass er ein Licht habe in dieser dunklen Zeit. Der Onkel hasste Weihnachten. Er hasste auch die Lieder, die wir ihm sangen, während seinem stummen Zimmergenossen Marotzke Tränen der Rührung in die Augen traten.
Ich bin sicher, Onkel Joseph hasste auch die Kerze, die wir ihm auf dem Nachttisch aufstellten. Bevor wir uns verabschiedeten, zündeten wir sie an. Um ganz ehrlich zu sein, war ich es, der sie anzündete. Meine Kusine aber war es, die sagte: „Du solltest jetzt ein wenig schlafen, Joseph.“ Und dabei betrachtete sie die langen Ärmel seines Nachthemdes.
Wir wanderten zurück durch den langen Gang mit den verschlossenen Türen, hinter denen sich nichts regte, vorbei am Zimmer der Nachtschwester, die uns hinter der Scheibe nicht einmal wahrnahm. „Man soll ja ins Licht gehen, wenn man stirbt“, sagte mein Vetter, der sich viel mit Grenzerfahrungen und Nahtod-Forschung beschäftigt hat.
Als wir uns unten vor dem Haus umdrehten, war es mir, als sähe ich bereits den Schein des Feuers im Fenster. Wir fuhren schnell heim, um unsere eigene kleine Adventsfeier im Kreis der Erbengemeinschaft zu halten.
Am späten Abend rief meine Mutter im Pflegeheim an. Doch weder auf der Station noch im Zimmer unseres Onkels nahm jemand ab. Meine Mutter nickte vielsagend. Wir verbrachten die Nacht in schlafloser Unruhe.
Am Vormittag ereilte uns die schreckliche Nachricht. Bei einem Fluchtversuch mit dem Rollstuhl habe unser Onkel eine Kerze umgestoßen, die neben seinem Bett brannte. Das sofort ausgebrochene Feuer sei zwar von der Sprinkleranlage gelöscht worden. Doch für einen der Heimbewohner sei jede Rettung zu spät gekommen.
Den ganzen Tag saßen wir bedrückt und wortlos beisammen. „Eigentlich“, sagte meine Mutter, „müsste die Familie Marotzke uns etwas abgeben von ihrem Erbe.“
Aber den Gedanken, die Familie anzusprechen, haben wir schnell wieder fallen gelassen. Das ist acht Jahre her. Doch noch heute stellen wir uns immer wieder vor, wie die Marotzkes in Saus und Braus leben, und zwar dank unserer Fürsorge, während Onkel Joseph längst zum Sozialfall geworden ist und uns mit seiner Unsterblichkeit langsam und unwiderstehlich in den Ruin treibt.


Driving Home for Christmas


Dietmar Bittrich
Nachhaltig


Es gibt Geschenke, die stürzen eine Familien unwiderruflich ins Unglück. Vor einigen Jahren taten mein Bruder, meine Schwester und ich uns zusammen, um meinen Eltern etwas Harmloses mitzubringen. Wie alle anderen in unserem Alter hatten wir vereinbart, einander nichts zu schenken, allenfalls eine bescheidene Kleinigkeit. Das Buch, das wir entdeckt hatten, hielten wir für so eine Kleinigkeit. Jeder von uns hatte acht Euro beitragen müssen. Nie haben wir eine so geringe Gabe so gründlich bereut.
Nach der Pensionierung meines Vaters waren meine Eltern aufs Land gezogen. Sie hatten einen sanierten Resthof erworben, dem die bäuerliche Herkunft schon nicht mehr anzumerken war. Ein großer Garten gehörte dazu. Zum ersten Weihnachtsfest in dem neuen Haus hielten wir es für angebracht, unseren Eltern den Klassiker schlechthin zu überreichen: John Seymours Großes Buch vom Leben auf dem Lande. Darin geht es um Bienen und um Sauerkraut, ums Regensammeln, Körbeflechten, Hufebeschlagen, um Anbau und Ernte, um das vorbildliche Leben steinzeitlicher Bauern und um Selbstversorgung im Sinne der Jäger und Sammler.
Als wir durch die brandenburgischen Dunkelheit irrten, konnten wir bereits viele Kilometer vor dem Dorf das Navi ausschalten. Ein heller Widerschein strahlte von den niedrigen Wolken. Es war, als hätte Gott persönlich über einem auserwählten Fleckchen sein Auge aufgetan. Es war die grandiose Weihnachtsdekoration, mit der unsere Eltern das alte Gemäuer geschmückt hatten. Lichterketten schwangen sich durch die hohen Eichbäume der Grundstücksgrenze. Ein leuchtender Hirsch stand im Garten und witterte gütig hinüber zur anderen Seite des Plattenweges, wo ein Rentier mit Schlitten und Santa blinkte. Lichterketten in Gestalt von Eiszapfen hangelten sich an der Dachrinne entlang. Lichterpyramiden flankierten die Eingangstür. Unter den Leuchtgirlanden der Fenster flimmerten Schwibbögen.
Uns war das peinlich. Was mochten die Nachbarn von uns halten und von unserem Klimabewusstsein? Es war klar, dass diese hochfrequente Strahlung nicht allein mit Solarenergie zu betreiben war. „Es gibt ja dieses neue Atomkraftwerk in Polen“, freute sich unsere Mutter, und unser Vater führte ums Haus, um die acht verschiedenen Modi zu erläutern, nach denen Blinktempo und Farbe wechselten.
Das erzähle ich nur, weil wir in jenem Jahr unsere Eltern zum letzten Mal bei Licht sahen. Denn in dem Jahr, unter dem prächtigen Baum, der märchenhaften überladen war mit Kerzen, Kugeln, Lametta und Kunstschnee, überreichten wir ihnen unsere bescheidene Kleinigkeit, das Buch. Wir hatten ein nachsichtiges Lächeln erwartet. Doch sie reagierten enthusiastisch. Es war nicht mal der Inhalt, der sie in Begeisterung versetzte. Allein das Titelbild reichte.
„Mensch, den Wälzer hatten wir doch in der Community!“, jubelte unsere Mutter. „The book of self-sufficiency!“, übersetzte unser Vater entzückt. „Danach habe ich persönlich noch in Oregon gearbeitet, ja, Mauern gezogen, einen Ofen gebaut!“ – „Nur den Brunnenbau“, dämpfte die Mutter, „den hast du nicht hingekriegt.“ – „Das war Sheilas Schuld“, stellte er klar.
Das hatten wir nicht gewusst. Ganz offensichtlich kannten unsere Eltern die Originalausgabe des Buches aus jener fernen Epoche, als unser Vater noch auf den Namen Prasadanand hörte, was Geschenk Gottes bedeutete, und unsere Mutter auf Veetchinta, was soviel hieß wie Jenseits aller Sorgen. Ende der Siebziger hatten sie sich in Poona kennengelernt. Ich selbst soll dort während eines Tantra-Workshops gezeugt worden sein; meine Schwester ein Jahr später während einer dynamischen Meditation. Unser kleiner Bruder mit der etwas dunkleren Hautfarbe wurde Anfang der Achtziger in Rajneeshpuram in Oregon nicht so sehr gezeugt als vielmehr, wie unsere Mutter es ausdrückte, empfangen, und zwar mit liebender Billigung unseres Vaters.
Soviel wussten wir noch aus ihren Erzählungen. Bald danach waren die Tage der Osho-Kommune und des anarchischen Lebens zu Ende gegangen. Meine Eltern hatten zurück nach Deutschland und in bürgerliche Berufe gefunden. Sobald wir Kinder es vermochten, wehrten wir uns gegen die tibetischen Massagen und auferlegten Meditationen. Und wir verbaten uns, dass unsere Eltern ihre sogenannten Sannyas-Namen benutzten, deren Bedeutung uns meilenweit von der Wirklichkeit entfernt schien. Unsere Mutter war niemals jenseits der Sorgen, und den Vater empfanden wir nicht als göttliches Geschenk. Dass mehr als dreißig Jahre später unsere bescheidene Gabe die spirituelle Jugend der beiden im Einklang mit dem Kosmos wieder heraufbeschwor, das hatten wir nicht beabsichtigt.
Der Abend wurde nun von Stunde zu Stunde heiterer bei havelländischem Whisky und beim Austausch von Geschichten aus dem Ashram. Wir drei Kinder konnten nicht mitreden und mussten es auch nicht. Wir durften ungestört schlemmen. Denn das konnte unsere Mutter: eine Gans so üppig stopfen wie einen in Oregons Wäldern erlegten Truthahn und dann den Braten so knusprig gebräunt servieren, dass im ganzen folgenden Jahr nichts an diesen sinnlich strotzenden Genuss mehr heranreichen konnte. Abgrundtief satt und vollmondrund wälzten wir uns nach Mitternacht in den Federbetten der kleinen Dachstuben, lauschten dem Glucksen und Gurgeln der Verdauung und wurden bis zum Morgen bunt unterhalten von Lichterketten, Sternen und Eiszapfen aus Plastik in wechselnden Farben.
Am folgenden Tag zogen wir mit unseren Gaben ab, mit digitalem Rasierapparat, sprechendem Lockenstab und Projektionsthermometer, und trennten uns in Berlin, mein Bruder nach Rosenheim, meine Schwester nach Frankfurt, ich selbst nach Flensburg. Wenn nichts Dramatisches dazwischenkäme, würden wir uns erst zum nächsten Weihnachtsfest wiedersehen.
Im folgenden Jahr benötigten wir das Navi. Der 24. Dezember war kalt und klar. Keine Wolke gönnte uns den Widerschein des elterlichen Lichterprunkes. Wir kamen verspätet an, zumal wir noch im Dorf herumgeirrt waren und mehrmals einem fremden Flimmern auf den Leim gegangen waren. Das Haus der Eltern war diesmal nur dämmerig beleuchtet. Ein Windlicht flackerte neben dem Eingang, bestückt mit einer handgerollten Bienenwachskerze. Unterm Windfang leuchtete ein Strauß Tulpen, Solartulpen, wie meine Schwester feststellte. Jede Kunststoffblume trug an der Oberseite ein kleines Sonnenpanel. An der Tür hing ein schief gewickelter Kranz aus brüchigen Zweigen, vertrockneten Beeren und handgefärbten Wollfäden. Wir ahnten, das unser diesjähriges Mitbringsel, John Seymours Nachfolgeband Neues Buch vom Leben auf dem Lande, möglicherweise nicht mehr vonnöten war.
„Das Dorf entwickelt sich ganz toll“, schwärmte unser Vater. „Im Frühjahr hat ein Hofladen aufgemacht, und dann ist ein junges Paar hergezogen, das Schafe hält.“ – „Anja und Christian“, wusste unsere Mutter. „Genau, und dann haben wir noch die Annekatrin, die ist etwas eigen, aber die stellt Seife her“, erzählte unser Vater. „Und Sven und Detlef haben eine Saftpresse gegründet.“ – „Und Dorothee filzt“, ergänzte unsere Mutter und zeigte auf die unförmigen Pantoffeln, die beide trugen. Außerdem hatten sich offenbar einige Künstler im Experimentierstadium niedergelassen, zeichnend, bildhauernd, schnitzend, sowie ein alternativer Bestatter, der zugleich buddhistische Sterbebegleitung anbot. „Für die jungen Leute hier sind wir so etwas wie die weisen Alten“, berichtete unser Vater stolz. „Obwohl wir uns noch gar nicht so alt fühlen“, lächelte unsere Mutter.
„Von was leben diese Leute?“, fragte meine Schwester, die in ihrer Rating Agentur von uns bei weitem am meisten verdiente.
„Sie sind genügsam“, erklärte unsere Mutter.
„Von der Grundsicherung“, wusste unser Vater.
„Von meinen Steuern“, stellte meine Schwester klar.
Wir bekamen Gästepuschen aus nachwachsenden Rohstoffen. Die Wolle für den Filz stammte von extraalten unverfälschten Schafrassen, und so rochen nun auch unsere Füße. Eigentlich roch es im ganzen Haus so. Unsere Eltern kehrten zur Natur zurück. Das Buch vom letzten Jahr hatte einen Nerv getroffen. Sie hatten die Lichterketten abgeschafft und den Baum ressourcenschonend geschmückt. „Lametta ist voller Giftstoffe“, bekamen wir jetzt zu hören. „Es muss als Sondermüll abgeliefert werden.“
Ein paar beklagenswerte Strohsterne, Papierengel und ungelenke Wachsfiguren hingen von den Zweigen, handgebastelt von der Inklusionsabteilung der Brandenburger Werkstätten. Dazu kamen aufgefädelte Dinkelplätzchen, ein Kastanienmännchen, einige noch nicht ganz getrocknete Orangenscheiben und zwei Zimstangen. „Wunderwunderschön“, sagte mein Bruder. Er besitzt die Begabung, komplett nach innen zu kichern, während er nach außen seriös erscheint; man sieht nur den Bauch vibrieren.
Serviert wurde Biogans vom Lämmerhof aus dem Nachbardorf. „Artgerechte Haltung und kurze Transportwege, das ist uns wichtig“, erläuterte unsere Mutter. „Das Tier soll glücklich aufgewachsen sein“, sagte unser Vater. „Aber es hat sich bis zuletzt gewehrt“, stellte mein Bruder nach kurzem Kauen fest.
Wir aßen weniger als in den vergangenen Jahren, zumal die Füllung eine Spur zu ökologisch geraten war. Die Eltern hatten sich einen Dörrkasten angeschafft, der ohne Strom betrieben wurde. Die natürliche Wärme Brandenburgs und der Luftzug von den Windparks sollten ausreichen, um Apfelschnitze, Birnenscheiben, ganze Pflaumen perfekt zu trocknen, nach streng traditioneller Art, also genauso, wie es schon den Urgroßeltern zum Verhängnis geworden war.
„Bei Pilzen generell weiß man kaum, ob sie gesund sind“, sagte mein Bruder, als wir in unsere Dachstuben kletterten. „Aber bei Schimmelpilzen ist die Sache doch ziemlich klar.“
„Sicher kommt es uns mal auf irgendeine Weise zugute“, orakelte unsere Schwester.
Wir schliefen schlecht. Das lag nicht am fehlenden Flimmern vor den Fenstern, sondern an der neuen Bettwäsche, die aus uckermärkischem Hanf handgewebt und mit einer im Dorf handgeschöpften Seife handgewaschen worden war. Die Laken und Bezüge fühlten sich an wie etwas, das man bei Schleifpapier grobkörnig nennt. Jedes Umdrehen glich einem Peeling, sodass wir am nächsten Morgen zwar unausgeschlafen aussahen, aber doch rosig, mit feinen Schleifspuren auf der Wange.
Trotz aller Bedenken hatten wir den Eltern, da wir es nun mal erworben hatten, John Seymours Neues Buch vom Leben auf dem Lande ausgehändigt. Darin werden auch die verhängnisvollsten Irrtümer des ersten Buches korrigiert. Unsere Eltern studierten es bereits wissbegierig. Wir selbst hatten ein paar Trockenfrüchte aus eigener Herstellung überreicht bekommen, jeder eine randvolle Tüte aus Recyclingpapier, die wir vollständig, aber fachgerecht entsorgen wollten, also bei der Giftmülldeponie.
Obendrein waren wir in den Genuss einer Geschenkmitgliedschaft bei Nabu gekommen, die unsere Eltern sich hatten aufschwatzen lassen. Meine Schwester hatte schon vernommen, dass Nabu-Drückerkolonnen das ganze Jahr über in der Provinz fleißig gewesen waren und Gelder eingeworben hatten. „Bonzen wollen nun mal feiern“, sagte sie.
So waren wir ohne unser Zutun selbst Mitglied geworden, im ersten Jahr noch als Geschenk der Eltern, für alle weiteren jedoch zu hohen Kosten. Kündigen ließ sich die Mitgliedschaft laut Kleingedrucktem nur exakt ein Kalenderjahr im voraus. Am ersten Weihnachtstag war es dafür schon zu spät. Es ist immer zu spät, wie ich inzwischen weiß. Man kann nicht wieder austreten, nie mehr. Selbst der eigene Tod wird nicht anerkannt; er gilt unter ökologischen Kämpfern als faule Ausrede.
„Wenigstens muss ich keine Patenschaft für eine Ziege übernehmen“, seufzte mein Bruder, als wir winkend abfuhren. „Du hast ja auch schon eine“, sagte meine Schwester, denn sie mochte seine Frau nicht.
Im Jahr darauf zögerten wir, ob wir noch einmal hinfahren sollten. „Sommer wäre besser“, sagte mein Bruder. „Man könnte am Abend noch was sehen, und für die Nacht würde ich mein Zelt mitbringen.“ – „Weihnachten ist Tradition“, beharrte meine Schwester. – „Aber im Sommer müssten wir keine Biogans essen!“, argumentierte mein Bruder. – „Seien wir lieb“, entschied sie. „Wir sollten es wenigstens versuchen.“




Wieder hatten wir ein Buch von John Seymour dabei. Diesmal aber sein nachgelassenes Werk, das – umraunt wie ein Mysterium – lange unter Verschluss geblieben war. Über vollständig vereiste Straßen schlitterten wir durch die öde graue Mark. Dem Land Brandenburg war im Herbst ein Preis für Nachhaltigkeit verliehen worden, dotiert mit einer Urkunde auf Maispapier. In diesem Winter unterstrichen die Verwalter ihr ökologisches Bekenntnis durch den vollkommenen Verzicht auf Streumittel. Das hatte den willkommenen Nebeneffekt einer klimafreundliche Auslese. Fahrer mit hohem Schadstoffausstoß klatschten jetzt in Top Speed an die Bäume. Die alternativen Bestatter des Landes begrüßten die Maßnahme.
Für uns hatte sie zur Folge, dass wir uns nur in Schrittgeschwindigkeit fortbewegen konnten und uns noch mehr Verspätung aufluden als im Jahr zuvor, wenn auch nicht ungern. Das Navi ließen wir eingeschaltet, bis wir vor dem Gartentor zum Halt kamen. Das Haus präsentierte sich als Klumpen aus Dunkelheit. Als wir über die Platten staksten, mit der Taschenlampe voran, erkannten wir bald den Grund: Es war eingewachsen. Die Eltern hatten sich für eine umfassende Begrünung entschieden. Das alte Backsteinmauerwerk und das hellrote Ziegeldach waren verschwunden unter Teppichen von Efeu. „Das mindert den Wert“, bemerkte unsere Schwester.
Ein bärtiger alter Gärtner öffnete uns. Es war unser Vater. Auch er selbst hatte sich zuwachsen lassen, zum Schutze des Klimas. In seinem zauseligen Vollbart hingen Bruchstücke fair gehandelter Kekse. Unsere Mutter trug die Haare so offen und beinahe so lang, wie wir es von Fotos der Osho-Zeit kannten; nur jetzt in Grau und bedenklich schütter. Es war gut, dass wir Seymours letztes Werk als Geschenk dabei hatten. Womöglich war es noch nicht zu spät. Es war sein Alterswerk: Warum ich lieber wieder in die Stadt gezogen bin.
Allerdings fragten wir uns, wie unsere Eltern diese Bußschrift, verfasst aus Reue über die Naturverklärung der frühen Jahre, überhaupt würden lesen können. Das Innere des Hauses war nahezu lichtlos. Es gab einige Solarleuchten; doch die Tageshelle, in der sie ihre Energie sammelten, währte zu kurz und reichte nur für wenige Funzeleinheiten. Wir hatten eine einzige Taschenlampe dabei; die Herrschaft darüber mussten wir freiwillig der Schwester abtreten. Sie musste auch nicht lange herumleuchten. „Ihr habt Mäuse!“, schrie sie und wiederholte dann, erschrocken über die eigene Panik, noch einmal ruhiger: „Ihr habt Mäuse. Wisst ihr das?“
Unsere Eltern lächelten so liebenswürdig wie frisch gebackene Friedensnobelpreisträger. „Wir leben endlich wieder – und das solltet ihr auch, das sollten wir alle! – im Einklang mit der Natur. Den Efeu habt ihr gesehen. Er gibt vielen kleinen Tieren Schutz und Unterschlupf, Marienkäfern, Schwebfliegen, Spinnen, dazu kommen die Vögel, ja, und die Mäuse laufen nach Herzenslust auf den Zweigen herum, sogar hoch bis aufs Dach!“
„Bis in die Dachstuben?“, fragte mein Bruder.
„Das müsst ihr selbst herausfinden“, schlug unsere Mutter vor.
„Dann dusche ich unten“, beschloss meine Schwester.
„Ach so, ja“, räusperte sich unser Vater. „Das muss ich euch zeigen.“ Unter seiner Führung begaben wir uns zum Duschbad. Die Mutter zog sich in die Küche zurück.
„Was ist das?“, fragte meine Schwester, als er die Tür geöffnet hatte.
„Eine Growbox“, sagte mein Bruder.
Das Badezimmer war nicht groß gewesen, wie so oft in den alten Bauernhäusern. Jetzt aber war es vollständig verschwunden. Es hatte sich in ein Gewächshaus verwandelt. Darin roch es nach Erde und Fäulnis und grünem Kraut.
„Das Problem ist, dass wir mit Bordmitteln keine guten Ergebnisse erzielen“, räumte unser Vater ein. „Für wirklich gutes Cannabis brauchst du Licht und nochmal Licht, da brauchst du eine Natriumdampflampe mit Reflektor, da brauchst du vierhundert Watt.“
„Und das habt ihr nicht?“
„Wir versuchen ja, ohne Strom zu leben. Mutter Natur ist auch nicht elektrifiziert.“
Da hatte er allerdings recht. Und Deshalb also roch es hier so natürlich wie in einem ungelüfteten Bioladen, besonders in der Ecke, wo lange niemand mehr nach den Kartoffeln geschaut hat. Ohne Strom konnte man nicht staubsaugen, nicht mal sehen, wo Staub lag oder Schimmel wuchs. Ohne Strom konnte man niemals heiß duschen, nicht einmal warm. Man konnte weder backen noch kochen. „Oh, doch!, sagte mein Vater. „In der Küche haben wir den alten Ofen wieder in Gang gebracht. Der wird ganz natürlich mit Holz befeuert.“
„Und was kocht ihr da so?“, wollte mein Bruder wissen.
„Lasst euch von überraschen“, verhieß unser Vater.
„Mein Magen spielt heute nicht mit, leider, leider“, gab meine Schwester bekannt.
Die Eltern hatten eine Regenwassersammelanlage gebaut zum ressourceschonenden Duschen oder wenigstens zum Händewaschen. Die Scheiben blieben ungeputzt, damit kein Vögel dagegen flog. Und was das Ende der Nahrungsverwertung betraf, war ein Häuschen am Rande des Gartens errichtet worden, dort wo er in die Storchenwiesen überging. „Neben dem Loch liegt ausreichend Altpapier“, versicherte unser Vater. „Aber Laub geht auch.“
Im Lichtkegel der Taschenlampe konnten wir erkennen, dass kein Zimmer hatte bleiben dürfen, wie es mal nach idyllischem bäuerlichen Vorbild gewesen war. Überall hatten sie die Möbel in die Mitte des Raumes geschoben. „Wegen der besseren Luftzirkulation, nur so ist eine gleichmäßige Temperierung gewährleistet.“
„Apropos Temperierung“, sagte mein Bruder und zog die Schultern noch. „Dürfen wir schon mal in die Küche? Wenn ich richtig verstanden habe, brennt dort ein Feuer? Denn in den Wohnräumen heizen wollt ihr offensichtlich nicht mehr.“
„Unseretwegen soll das Klima nicht kapeister gehen“, antwortete unser Vater ein wenig scharf.
„Leben eure Nachbarn auch so?“, fragte meine Schwester, während wir uns Richtung Küche vortasteten. Ein wenig hatten sich die Augen schon an die Dunkelheit gewöhnt, und wie bei Hafeneinfahrten glimmten links und rechts Solarlämpchen, die allerdings wenig mehr beleuchteten als sich selbst.
„Fast alle leben so“, sagte unser Vater. „Wir haben in diesem Jahr erstmals den Preis für das klimafreundlichste Dorf Brandenburgs bekommen.“ Er stieß die Küchentür auf.
Oh ja! Hier gab es tatsächlich einen prächtigen alten Eisengussofen mit Kacheln und Messinggriffen und mit Ofenringen, aus deren Mitte die Flammen züngelten. Eine umlaufende Reling war mit Handtüchern und einer Unterhose behängt. Davor stand unsere Mutter mit einem antiken Kessel. „Heißes Wasser“, erläuterte sie.
Es war nicht zu erkennen, dass es etwas zu essen gab. Schon im vorvergangenen Jahr hatten die beiden vegetarisch gelebt und lediglich zu Weihnachten eine Ausnahme gemacht. Im Frühling hatten sie zum Veganismus gefunden, ein Schritt, von dem wir nichts mitbekommen hatten, geschweige denn vom nächsten. „Im Sommer sind wir dann endlich Frutarier geworden! Wir essen nur noch, was die Pflanzen freiwillig geben. Auch Pflanzen haben eine Seele!“
Man kommt ihnen deshalb nicht mit der Schere nahe oder gar mit dem Mähdrescher, man presst einer unschuldigen Olive nicht das Öl ab, man tötet keine Kartoffelpflanze, indem man ihr die Knollen raubt, keine Möhre, indem man sie rücksichtslos aus ihrer gewohnten Umgebung reißt. „Es gibt ja so viel anderes Gutes!“, lächelte unsere Mutter. „Baumfrüchte, wenn der Baum sie freiwillig fallen lässt, Spitzwegerich, Grashalme, natürlich immer nur einzeln! Auch vom Salat nehmen wir niemals den ganzen Kopf, sondern begnügen uns mit einem einzelnen Blatt. Und wir fragen den Salat vorher! Erst wenn er leicht mit dem Kopf nickt, ist es in Ordnung.“
„Wir tun nichts ohne das Einverständnis der Natur“, murmelte unser Vater in seinen Bart, in dem möglicherweise längst schützenswerte Kleinstlebenwesen heimisch geworden waren.
„Ich würde gern ein Glas warmes Wasser trinken“, sagte meine Schwester. „Und das genügt dann auch.“
Mein Bruder, der ein paar Mal in Indien gewesen ist, um seinen genetischen Vater zu suchen, sagte: „In Rajasthan soll es Leute geben – ich weiß nicht ob es eine Sekte ist – die leben nur von Erde.“
„Gibt ja auch Heilerde“, trug ich bei fiel mir ein.
„Das ist keine Sekte“, wusste unser Vater. „Die Mikronesier tun das, die Jakuten, die Burjaten, die Hoti am Orinoco.“
Er war bedrohlich gut informiert.
„Kinder in der Sandkiste essen Erde“, unterstützte ihn unsere Mutter. „Die Erde beschenkt uns mit allen wichtigen Mineralstoffen und Spurenelementen.“
„Man nennt es Urkost“, dozierte unser Vater. „Da sind wir im Herbst gelandet.“
„Wie bitte?“, stutzte meine Schwester. „Frutariertum schon wieder zu Ende?“
„Hörst du doch“, sagte mein Bruder und stöhnte nach innen.
„Ja, Ende mit Grünzeug“, gab mein Vater zu. „Um unseretwillen soll sich keine Pflanze mit Photosynthese abquälen, nur damit wir ihr dann Blätter, Blüten, Samen, Früchte nehmen. Wir können alle wichtigen Stoffe direkt aus dem Boden aufnehmen!“
Meine Geschwister und ich waren verstummt. Aus dem Kessel verdampfte das Wasser. Es war doch recht warm in der Küche.
„Wir haben im September Erdbeete angelegt mit verschiedenen Arten“, erläuterte unsere Mutter. „Von Weißgrau über Gelb und Rot bis zu Tiefbraun und Schwarz.“
„Es schmeckt unterschiedlich“, versprach unser Vater.
„Und das dürfen wir heute probieren?“, fragte meine Schwester mit unterdrücktem Würgen.
„Nur wenn ihr wollt. Es gibt getrocknete Tonerde zum Knabbern, delikate Erdfladen, knusprige Erdkekse oder aromatische weiße Tonknollen, so ähnlich wie Rumkugeln.“
Unsere Mutter hob Handtücher von zwei Kuchenblechen, auf denen die aus Staub zusammengebackenen Köstlichkeiten aufgereiht waren. Wir schwiegen erschüttert.
„Ihr müsst nicht“, sagte unser Vater versöhnlich. „Ihr dürft auch fasten.“
Dazu entschlossen wir uns. Das Reuebuch von Seymour legten wir irgendwo im Dunkeln ab. Es war zu spät gekommen.
In der Nacht rückten wir Geschwister uns eine handgeschreinerte Bank mit herausstechenden Fasern an den Herd und blieben möglichst nah zusammen, während die Eltern in der Eiseskälte offensichtlich gut schliefen. Wir schwiegen ratlos und gönnten uns nur ab und zu einen Schluck warmes Wasser. Vielleicht war das nicht mal so ungesund. „Ich rühre mir mal ein bisschen Heilerde rein“, sagte unsere Bruder und nahm einen Erdklecks vom Blech.
Als wir meinen Vater schnarchen hörten, suchte meine Schwester mit der Taschenlampe hastig den Schreibtisch ab. Post bekamen die Eltern noch. „Es ist alles weg“, meldete sie nach gründlichem Sichten. „Sie haben alles an die Naturbündler überschrieben. Hier – eine Waldpatenschaft. Dann hier – Delfinsponsoring. Es gibt unendlich viele sogenannte Baumsparverträge, an denen verdient nur der Baumpfleger; dann Forstprojekte, Wiederaufbau von Windmühlen, Renaturierung von Flussauen, Wolfspatenschaft, Zeckenförderung, Gesangsunterricht für Wale, und wo man überall Mitglied werden kann!“ Sie fuchtelte mit den Papieren aller geldhungrigen Klimaschutzorganisationen des Landes.
So war es. Und es war nicht zu ändern. Wir konnten nichts tun. Mit welcher Begründung auch. Wir hatten die Eltern ja überhaupt erst auf die Idee gebraucht, ein paar Jahre zuvor!
„Also, das mit dem Erde-Essen“, begann ich am nächsten Morgen, als wir in die klimafeindliche Welt zurückkehren wollten.
„Geophagie“, sagte unser Vater, „Urkost, ja, das mit dem Erde-Essen ist nur ein Übergang.“
„Im Frühling“, frohlockte unsere Mutter, „beginnen wir mit der Lichtnahrung.“
„Das ist ein Prozess“, sagte unser Vater.
Meine Schwester druckste herum. Dann gestand sie: „Wir fühlen uns ein bisschen mitverantwortlich.“
„Also, weil wir diesen Trend ja vor ein paar Jahren mal angestoßen haben“, ergänzte mein Bruder.
„Ja, und das war lieb von euch!“, lächelte unsere Mutter.
„Da sind wir jetzt nicht mehr so sicher“, sagte ich, „damals hatten wir gedacht: um der Nachhaltigkeit willen.“
„Ja“, sagte unser Vater. „Und ihr hattet Recht! Und wenn nächstes Jahr der Alternative bei euch anruft und wenn dann zwei kompostierbare Urnen auf eurem Gabentisch stehen, dann könnt ihr zufrieden sagen: Wir haben es geschafft.“

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