Die Freie Liebesgeschichte der Hansestadt HamburgLeseprobe

Dietmar Bittrich
Die Liebesgeschichte der Hansestadt Hamburg
Hoffmann & Campe, gebunden, 5,00 €

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Von wegen hanseatische Zurückhaltung! Hamburgs Geschichte steckt voller großer Liebesaffären., und erstaunlicherweise waren die Bittrichs immer mit von der Partie… ein Familienroman voller Romantik, Witz und Leidenschaft.

Dieses ist der große Liebesroman einer Stadt und zugleich die romantische Chronik einer Familie, erzählt in neun mitreißenden Love Storys.
Wir erleben die verbotene Verbindung des Hamburger Gründungsmissionars Ansgar mit einer Wikingertochter.
Die große Leidenschaft zwischen der Schwester Klaus Störtebekers und seinem Henker.
Den schändlichen Seitensprung des J. S. Bach anlässlich seines Orgelvorspiels in Hamburg.
Die heiße Mesalliance einer Kloakenreinigerin mit einem Pastorensohn, deren Feuer den Großen Brand entzündete.
Den Liebestod des dänischen Königs Frederik in einem hanseatischen Bordell.
Die tödliche Zuneigung eines Tierfängers zu einem Kalmückenmädchen bei der ersten großen Völkerschau im Zoo von Hagenbeck.
Die romantischen Verwirrungen hinter den Kulissen der Faust-Inszenierung von Gustaf Gründgens. Eine folgenreiche Liebschaft in einem überschwemmten Haus während der großen Flutkatastrophe.
Und schließlich die Verstrickungen des Erzählers selbst.

Es sind Mitglieder seiner eigenen Familie, deren Liebesspuren Dietmar Bittrich hier über tausend Jahre zurückverfolgt. Ihre Affären markieren Wendepunkte in der Geschichte der Hansestadt.
Er erzählt davon mit romantischer Leidenschaft und satirischem Witz.

Bach an der Orgel

In dem Kapitel „Bach an der Orgel“ wird von den skandalösen Verwicklungen erzählt, die zur Ablehnung Johann Sebastian Bachs in Hamburg führten. Bach hatte sich um die Stelle des Organisten an der Hauptkirche St. Jakobi beworben. Während seines Aufenthaltes in Hamburg lernte er nicht nur die Kirche kennen, sondern auch deren Pfarrer, dessen vernachlässigte Ehefrau und die neugierige Tochter. Dieser Tochter namens Magdalene begann Bach Unterricht zu geben, an der Orgel. Dabei blieb es nicht.

Bettina Radener liest einen Auszug auf youtube

[…] Tatsache ist, dass Johannes Sebastian Bach um diese Zeit zum ersten Mal in der Jakobikirche die Empore zur Schnitger-Orgel erklomm, angeführt vom schwachsinnigen Bälgetreter, dem so genannten Kalkanten, gefolgt von der zwanzigjährigen Magdalene, die um Unterricht nachgesucht hatte im Bespielen der vier Manuale und der Pedale, deren äußerste Tasten sie mit ihren Füßen kaum erreichte. Magdalene hatte zierliche Füße und hübsche Beine.
Auf dem Familienporträt der Neumeisters, das in der Hamburger Kunsthalle hängt, gemalt kurz vor Bachs Besuch, ist sie ein auffallend schönes Mädchen, schlank, mit weichen Linien, einem hellen Gesicht unter einem blonden Scheitel, mit Augen, die unruhig zu funkeln scheinen und dabei so blank und blau sind wie das Geschirr, aus dem ihre Mutter den Tee servierte.
Während der Kalkant also stumm und stupide die Bälge trat, erteilte Bach tatsächlich Unterricht. Er musste ganz von vorn anfangen. Denn obgleich die Mutter Neumeister seit Frieses Tod den Gesang der Gemeinde orgelnd zu untermalen versuchte, und obgleich es in der Familie eine Tradition frommer Hausmusik gab, scheint es, als habe Magdalene nicht viel gewusst über die Klangfarben der Register, über das Ziehen und das Koppeln und über die Windlade, in die der Bälgetreter unermüdlich die Luft pumpte.
Sie musste alles von Anfang an lernen. Sie wusste rein gar nichts. Oder – so behaupten die meisten Biographen – sie tat so.
Bach lehrte sie bereitwillig und nicht nur, weil der Unterricht ihm Gelegenheit gab, die Orgel für sein Probespiel auszuforschen. Er lehrte die wissbegierige Pfarrerstochter, wie mit den Registern umgegangen wird, wo man wann zieht, und wie die Luft den Weg in die Pfeifen findet. Er erklärte ihr, was für Pfeifen es gibt: dünne Pfeifen, kurze und bemitleidenswerte wie klägliche Flöten, und dicke und lange Pfeifen, wuchtig und standhaft wie Säulen, mächtig zylindrisch gebildete und solche, die konisch gekrümmt sind. Einige nennt man Lippenpfeifen und andere sind Zungenpfeifen, einige sind offen und andere gedeckt, und freigegeben werden sie durch den richtigen Druck. Und so wird gedrückt. Und so wird gezogen. So erhebt sich der Ton. Und so lässt man ihn anschwellen.
Das zeigte ihr Bach. Es heißt, sie habe nicht alles auf Anhieb verstanden, oder aber sie gab sich verwirrt und ungeschickt. Er habe ihr manches gleich noch einmal und etwas genauer erklären müssen. Idealisierende Bach-Biographen geben ihr unumwunden die Schuld. Denn bald, wir wissen nicht ob am zweiten oder am dritten Tag, habe sie Bach gebeten, er möge ihr Proben von seiner Kunst geben und improvisieren. Zweifellos hat er das gern angenommen. Offensichtlich hat sie, von ihm ermutigt, Themen vorgegeben.
Einige behaupten, sie habe das auf den Manualen der Orgel getan, und auf einmal ganz überraschend gut. Andere meinen, sie habe gesungen, und es habe sich um buhlerische, ziehende Melodien gehandelt. Ehrliche Soldatenlieder seien noch zu Anfang darunter gewesen und trauliche Wiegenlieder, aber dann vor allem Liebeslieber, fromme, traurige, wilde. Und Bach habe jede Melodie gleich aufgenommen und die verschiedenen Linien vielstimmig mit einander verwoben. Tastend habe Magdalene mitgespielt, zaghaft entlang der Grundlinie oder das Continuo angebend, und der Kalkant musste treten.
Der Kalkant musste treten. Das war seine Arbeit. Und auch während der nun folgenden Ereignisse verrichtete er diese Kunst mit unablenkbarem Fleiß. Als Zeuge musste er anscheinend nicht gefürchtet werden, und als Quelle kommt er nicht in Frage.
Die Kalkanten oder Bälgetreter waren damals fest im Sold der Kirchen. Längst haben elektrische Gebläse ihre Tätigkeit übernommen. Doch zur Zeit der großen Fugen waren kräftige junge Männer nötig, devote Diener, die zugleich geistlos und gottesfürchtig genug sein mussten, um unablässig Luft in die Lungen der Orgel zu pressen. Gewöhnlich verwendete man dafür Kretins aus den vornehmen Häusern, durch Inzucht gezeugte einfältige Wesen, die von den noblen Familien als lebende Spende den Kirchen vermacht wurden.
Der Kalkant der Schnitgerorgel in Sankt Jakobi entstammte der Familie Godeffroy, und er tat seine Arbeit unablenkbar und tadellos, während die Orgel sang, während sie gurrte und hauchte und jubilierte und sich allmählich zu diabolischer Freude aufschwang. Bach huschte in Glissandi über die Tasten.
Er ließ den Bass brunnentief flüstern, hieß ihn dann tanzen wie einen trunkenen Elefanten, holte flatternde, flirrende Stimmen dazu, Wasserfälle und Vogelgesang, leuchtende Skalen, strahlende Bögen, die sich magisch in den Raum der Kirche spannten. Und dazu muss sich der Körper seiner Schülerin gespannt haben, deren Wangen rote Flecken bekamen, und deren Augen dunkler wurden im ungeheuren Anschwellen dieser Musik.
Bachs Konzert griff weit aus, während Magdalenes Körper fügsamer wurde. Er herrschte sie an mit vollgriffigen Tutti-Akkorden. Er wisperte ihr zu in wispernden Pianissimi. Er fachte das Feuer an mit chromatischen Läufen, und er kühlte mit elegischem Gleiten.
Ein Andante cantabile dehnte sich in den lichten Raum, tastete die rotweißen Gurtbögen der Gewölbe entlang, befingerte die Dienste und Grate, während Lichtpünktchen über Magdalenes Engelshaar flimmerten.
Ein filigranes Arpeggio befühlte die Sandsteinpfeiler, strich weich die Stufen zum Chor hinauf und wagte sich auf die Emporen, während Magdalenes weiße Haut atmete.
Ein gedehntes Adagio erforschte die Gänge, die Säle, die Galerien, erkundete sanftmütig Winkel und Nischen, liebkoste die Kühle des Steins, die Klarheit des Masswerks, erspürte die runden Fenster und die sich wölbenden Pforten, die sich nachgiebig auftaten in unsichtbare Tiefen, in den Bereich, wo Gott wohnt.

Ihr Gesicht war ganz still, ihr Mund leicht geöffnet, während sie den Cantus firmus zu halten versuchte. Feiner Schweiß glitzerte salzig an ihrem Hals. Das Kirchenschiff schien allmählich zu schaukeln unter dem machtvollen Stampfen der Orgel, sein Kiel schwankte in der anschwellenden Dünung, und der leere Sarg, der auf den Pastor Neumeister wartete, klapperte mit dem Deckel. Bach ließ die Akkorde wogen, die Creszendi marschieren, und Magdalene beugte sich, ließ sich von den farbigen Lianen umschlingen und streicheln und hätscheln, von diesem Liebesgewebe aus Tönen, unter denen die geschnitzten Stühle im Chorraum zu tuscheln begannen und die goldstarren Tabernakel den Kopf wandten, und all die steinernen Heiligen seufzten vor Sehnsucht und Lust.
Ach, die katzenartige Geschmeidigkeit seines Spiels! Das schlangenhafte Schmeicheln! Das Fordernde, das keinen Widerstand duldete, das sirenenhafte Wehklagen, das sich auftürmende Toben, dann das dröhnende Niederfahren!
Magdalene brauchte Luft, brauchte Freiheit, während ihr Meister aus vollem Spiel vier Manuale und sechzig Register gleichzeitig bediente. Sie brauchte Kühlung in dieser Glut, in der unten auf dem Altar die Kerzen schmolzen und die gemalten Tränen der Bilder zu fließen begannen und das Blut des Gekreuzigten sich verflüssigte. Fliegend lockerte sie Knöpfe, löste Bänder mit nur einer Hand, während die andere seinen dahinjagenden Phantasien zu folgen versuchte.
Jetzt fuhren seine Fanfaren bis in die Krypta und erleuchteten die Finsternis. Jetzt spannte er in akrobatischen Kapriolen einen Baldachin aus Licht über den ganzen Raum, einen göttlichen Schirm, unter dem alle Sünden vergeben und getilgt waren, alle begangenen und jemals zu begehenden, es gab keine mehr, es hatte nie welche gegeben.
Magdalene nestelte, öffnete, streifte ab, ließ fallen, ließ gleiten, gab nach, dehnte sich rückwärts, ertastete wie in vager Erinnerung noch einmal die Klaviatur, während ein wogendes Brausen das Schiff erfüllte. Nun also waren die Fluten durch alle frommen Fenster hereingebrochen. Mit einem Ruck hob sie sich ihrem Retter entgegen, presste sich an ihn, während er nur noch die linke Hand über die Tasten laufen ließ in einer Scherzo-Passage, die triumphal dem Finale zuströmte.
Der Kalkant stampfte wütend und trat und malmte Luft und spie Speichel und stierte blutig und konnte doch nichts sehen als die hölzerne Verkleidung der Windmaschine, konnte Magdalenes zitternde feine Härchen nicht sehen und nicht die verzückt geschlossenen Lider, nicht den lavendelfarbigen Schatten und nicht den wolkigen Schaum. All das sah nur Bach, der zupackte und griff und nahm, was unter dem Rauschen göttlicher Schwingen gewährt wurde.
Keine Hand lag mehr auf den Tasten. Aber jetzt fuhr der Blitz aus dem Himmel. Der Bälgetreter erschrak unter der Wucht der Dissonanz, die ungeheuerlich in den Raum schoss. Er erschauerte unter dem alles vernichtenden Schwung einer monströsen Kakophonie, als beide, der Meister und seine Schülerin, mit ganzem Körper die Orgel bespielten, während er sie spreizte und sie erschrak, während er einen Widerstands spürte, leicht und kurz, und dann tiefer glitt in die Burg Gottes, die in purpurnem und goldenen Überschwang bebte.
Unten tat sich die Tür auf. Sie knarrte würdig. Aber das war nicht zu hören, schon gar nicht hier oben auf der Empore, wo die Orgel unter fleischigen Clustern wehklagte und um Atem rang und der Kalkant immer hurtiger treten musste. Jemand betrat die Sandsteinplatten unten, bückte sich unter dem orchestralen Toben dieses Begehrens und dem undirigierten Aufschrei aller Choräle. Jemand näherte sich der Quelle dieses Deliriums, arbeitete sich voran im Mittelgang, Balance suchend von Bankreihe zu Bankreihe. Bataillone von Engeln riefen zur Raserei, der dröhnende Schein Gottes selbst brach durch die gemalten Kumuluswolken der Kuppel.
Und die gemurmelten Gebete und die Lügen und Seufzer von Jahrhunderten stiegen erweckt aus dem Stein und wurden erhört und für immer gelöscht, während Jan Adam Reinken, denn er war es, am Fuß der Orgelempore innehielt, sich am Geländer festklammerte und um Atem rang unter diesem Furcht erregenden Tosen.
Und dann plötzlich war Stille. Nur das katharrische Keuchen der Bälge war noch zu hören, länger als nötig, so als glaube der Kalkant nicht, dass die aus dem Käfig entlassene Musik auf einmal gebändigt sei oder überhaupt jemals müde werde. Die Windlade atmete röchelnd weiter, während sonst alles schwieg. Eine Blase von Stille dehnte sich aus. An ihrem Rand war ein wohliges Rieseln zu hören; das war der Wandverputz, der tausend Risse bekommen hatte in seinen Goldrändern und Blattgerank, und von dem es nun kreidig hernieder rieselte, weiß und reseda und altrosa, ein feiner stäubender Nachklang des Bebens.
Der uralte Reinken schleppte sich die ächzenden Stufen nach oben. Als er die Empore erreicht hatte und sich an der Brüstung vorwärts Richtung Spieltisch zog, hörte der Kalkant endlich auf zu treten. Der Greis, ungläubig, hielt ebenfalls inne und blinzelte in das Licht der Kandelaber, die die Szene in einen sanften Heiligenschein tauchten. Entweder, was er gewahrte, war ihm vollkommen unerklärlich, weil Vergleichbares seinem Gedächtnis bereits vor Jahrzehnten entschwunden war. Oder er vermochte es nicht klar zu erkennen, so sehr er die lidlosen Augen zusammenkniff. Oder die berühmte Bemerkung, die er nun dem Kandidaten Bach gegenüber machte, war ihm eingegeben von jener milden Ironie, die zur Altersweisheit gehört.
Wenn er zu sehen vermochte, sah er die vollkommen entblößte und vollkommen gelöste Magdalene, die bis kurz vor dem Scherzo noch jungfräulich zu nennen war. Sie hielt Bach, der keineswegs gänzlich nackt war, nur um die Lenden herum, träumerisch umschlungen. Und Bach selbst, erschöpft und noch in der Trance, blickte dem schrundigen Lehrmeister verständnislos entgegen. Der öffnete den zahnlosen Mund. „Ich dachte, diese Kunst wäre ausgestorben“, murmelte Reinken. „Ich sehe aber, dass sie in Ihnen noch lebt.“
Bei diesen Worten hob Magdalene den Kopf. Der Kalkant starrte beschränkt und heilig herüber. Bach sah herüber aus einer Welt, die von Worten nicht erreicht werden konnte. Reinken verharrte noch einen Moment, als lausche er dem lautlosen Echo. Er war wohl auch angerührt vom Frieden des Paares, das wie auf einem Andachtsbild der Gnade teilhaftig geworden schien. Vielleicht wünschte er, in dieser Aura zu bleiben, vielleicht gar zu sterben.
Als jedoch nichts geschah, kein Ton erklang, keine Stimme sich erhob, kein Gruß, keine Geste ihm etwas bedeutete, wandte er sich langsam um und schlich gebeugten Hauptes von dannen, abermals an der Brüstung entlang, die ächzenden Stufen hinunter, verzagt am Geländer sich haltend. Dann schlurfte er über den mittelalterlichen Steine dem Ausgang zu, zu kurzsichtig wohl, die frisch aufgesprungenen Risse zu erkennen – im Granit und in den verzierten Grabplatten, unter deren frischester von 1719 Arp Schnitger ruhte oder eben zum zweiten Mal gestorben war.
Hätte Bach es bei diesem Abenteuer bewenden lassen, bei dem er die Schnitger-Orgel ohne Frage genügend erprobt hatte – er hätte sich, ein wenig beschämt, aber immer noch würdig, als Kandidat vorstellen können. Magdalene musste in eigenem Interesse schweigen.
Doch Bach ließ es nicht dabei bewenden.
[…]