Das Weihnachtshasser BuchLeseprobe
weihnachtshasser_hoverDietmar Bittrich
Das Weihnachtshasser Buch
Rowohlt, Taschenbuch, 8,99 €

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„Wenn ich beim Festschmaus in die Runde sehe, fallen mir die besten Morde ein.“ – Alfred Hitchcock

Sie können das „Stille-Nacht“-Gedudel nicht mehr hören. Sie möchten die weihnachtliche Familienfeier unter dem Sofa verbringen und Christbaumkugeln lieber als Wurfgeschosse verwenden. Sie haben genug gelitten! Denn jetzt gibt es boshafte Tipps für das erste alternative Weihnachtsprogramm. Mit erfrischendem Witz zeigt Dietmar Bittrich, wie man Weihnachten feiert – und trotzdem glücklich ist.

Genug gelitten!
Früher liebten Sie Weihnachten. Aber bestimmt nicht so, wie es in diesen Tagen verramscht wird. Sie mögen immer noch Printen und Spekulatius. Nur haben Sie schon im Oktober zuviel davon gegessen. Sie finden ein Lied wie „Stille Nacht“ im Grunde ergreifend schön. Aber jetzt können Sie es einfach nicht mehr hören.
Und dann ist da noch die Familie. Den einen oder anderen sehen Sie zuweilen ganz gern. Aber so geballt und gehäuft und gleich mehrere Tage hintereinander…
So geht es mir auch. Wir können offen sprechen. Weder Sie noch ich hängen übermäßig am Materiellen. Trotzdem beschleicht uns seit Jahren der Verdacht, dass das Fest sich für uns nicht mehr lohnt.
Als wir Kinder waren, beschränkte sich unsere Investition auf Untersetzer aus gebügelten Strohhalmen plus kurzem Flötenspiel. Dafür fuhren wir reiche Ernte ein. Inzwischen erleiden wir Defizite.
Unsere Eltern, die einst alles für uns taten, erwarten mittlerweile, dass wir alles für sie tun. Dicke Onkel freuen sich auf unsere Kochkunst. Und die Tante, die ehemals großzügig war, verlangt abgeholt zu werden und überreicht dafür Parfums, von denen wir dachten, sie seien längst verboten. Jüngere Familienmitglieder versuchen, uns mit Untersetzern aus gebügelten Strohhalmen abzuspeisen.
Rebellieren, verweigern, fliehen? Alles möglich. Aber es geht auch viel lustiger! Nur eben auf unsere Art. Es gibt so herrliche Möglichkeiten, Weihnachten zu feiern und trotzdem glücklich zu sein! Ich habe sie gesammelt und aufgeschrieben. Viele davon knistern so frisch und frech, dass die Lichter am Tannenbaum freiwillig angehen. Andere sind so abgründig schwarz, dass Knecht Ruprecht die Zähne ausfallen.
Und alle verschärfen und liften dieses Fest, das wir gleichzeitig hassen und lieben. Sie haben Lust? Es geht los!

Wir trainieren Überlebensformeln
Von der zweiten Adventswoche wird der Druck des Festes unangenehm spürbar. Krisenzentralen und Telefonseelsorge müssen jetzt das Personal erhöhen. Der Absatz von Beruhigungsmitteln steigt. Wir jedoch bleiben gelassen. Wir gehören zu den wenigen, die Weihnachten wirklich lieben. Und sogar unser Unterbewusstsein, das dem Fest mit wachsender Beklemmung entgegen sieht, können wir umstellen. Wir müssen uns lediglich ein paar autosuggestive Überlebensformeln einprägen. Hier sind die ersten sieben.

* „Meine Freude auf die Familie steigert sich von Tag zu Tag.“
* „Meine Lust zu feiern wird jeden Tag größer und größer.“
* „Ich darf mir bei der Vorbereitung Fehler erlauben. Man wird mir verzeihen.“
* „Weihnachten zu feiern ist gut für mich.“
* „Durch mein fröhliches Auftreten beglücke ich meine Familie. Meine Familie ist stolz und lobt mich. Ich bekomme ein schönes Geschenk.“
* „Das Falten einer Serviette in Form eines Engels fällt mir leicht.“
* „Ich kann meinen Schwiegereltern gegenüber jederzeit gefasst und ruhig entgegen treten.“

Wir sammeln Spenden
In der festlichen Zeit weitet sich unsere Seele. Wir fühlen uns milde und großherzig. Im Sinn der frohen Botschaft denken wir jetzt ganz besonders an diejenigen, die bedürftig sind und die sich nicht alles leisten können. Wir denken an diejenigen, die keine Villen besitzen und nicht im Luxus schwelgen. Wir denken also an uns. Und es ist nun endlich an der Zeit, dass wir für uns selbst ganz uneigennützig Spenden sammeln. Damit ein Abglanz des Festes auch auf unsere Wenigkeit fällt. Und so machen wir es.

Mit einer Alkoholkontrolle
Aus einem Kostümfundus entleihen für uns und unsere Freunde ein paar hübsche Polizeiuniformen. Diese Uniformen legen wir an einigen Abenden der Adventswochen an, am besten donnerstags und freitags. Das sind die beliebtesten Tage für betriebliche Weihnachtsfeiern. Zu dritt oder zu viert gruppieren wir uns an kleinen Ausfallstraßen; die größeren werden leider von unseren offiziellen Kollegen abgeweidet. Wir halten trunkene Gäste an, bitten sie zum kurzen Test und überführen sie des Alkoholmissbrauchs. Wir sprechen Verwarnungen aus, drohen mit Anzeigen und bieten an, das Bußgeld „zwecks Vermeidung eines Führerscheinverlustes“ gleich an Ort und Stelle zu kassieren. Wir müssen beim Aufbau gemeinsamer Verkehrskontrollen lediglich auf gleichartige Uniformen achten. Wenn das Wetter ungemütlich ist, kontrollieren wir die Fahrscheine in U- und S-Bahnen.

Mit der Kamera
Mit Freund oder Freundin, einer digitalen Videokamera und einer Spendenbüchse begeben wir uns in die festlich erleuchteten Fußgängerzonen. Die charmantere Person von uns spricht gutwillige Menschen an. Die andere hält die Kamera und gibt vor, das Ganze filmisch zu dokumentieren. Wir nennen auch bereitwillig einen Fernsehsender, auf dem die Spendenaktion zu sehen sein wird. „Wir testen die Bereitschaft, für Notleidende zu spenden“, erklären wir und halten die Büchse hin. Notleidend sind wir bekanntlich selbst, oder besser: wir waren es. Denn nach ein oder zwei solch lustigen Tagen voller guter Gaben und freundlicher Bekanntschaften hat alle Not ein Ende.

Mit kleinen Hausbesuchen
Hier geht es darum, für unsere schauspielerischen Künste den verdienten Lohn einzustreichen. Wir verschaffen uns Eintritt in eine fremde Wohnung. Etwa als „Telekom-Mitarbeiter“, der ganz dringend die Leitung entstören muss. Als „neuer Pastor“, der sich seinen Gemeindemitgliedern vorstellt. Als „Asthmatiker“, der ein Glas Wasser braucht. Als „Sozialschwester“, die im Haushalt helfen soll. Als „Zauberkünstler“, der von Gästen zur Belebung der Party gerufen worden sei. Oder – nur paarweise möglich – als „Ohnmächtige“, deren Mann einen Krankenwagen rufen will. Für die Kostüme ist kaum Aufwand nötig. Unser Ziel ist es, die Vorweihnachtszeit im fremden Heim ein wenig zu beleben und einen Wertgegenstand zu entführen, aber nur einen, dessen Wert unserem verdienten Lohn entspricht.

Wir lernen ein Gedicht
Unser Gedächtnis ist nicht besonders gut. Aber gereimte Verse können wir uns gelegentlich noch merken. Müssen wir natürlich nicht. Wir brauchen kein Gedicht unter dem Weihnachtsbaum auswendig herzusagen. Aber wir sollten ein oder zwei Gedichte kennen. Ruhmreiche Gedichte unserer großen Klassiker, von denen die Gäste dennoch überrascht werden. Kleine boshafte Weihnachtsgedichte, die es nirgends sonst gibt. Nur hier. Wir lernen also oder wir lassen unsere Kinder lernen, oder wir üben wenigstens das Vorlesen. In jeder Adventswoche ein Gedicht. Das muss zu schaffen sein. Hier ist eins. Und noch eins. Und ein drittes.

Wilhelm Busch: Wünsche in seliger Zeit

Etwas weniger Friede, ein bisschen mehr Streit,
Etwas weniger Güte, ein bisschen mehr Neid,
Etwas weniger Liebe, ein bisschen mehr Hass,
Und nicht so viel Wahrheit, das wäre schon was!

Ein bisschen mehr Stress und weniger Ruh,
Ein bisschen mehr Ich und weniger Du,
Frust und Bedrückung statt immer nur Mut,
Und Trägheit statt Handeln, das wäre gut!

Trübsinn und Dunkel statt Freude und Licht,
Durst und Verlangen statt frohem Verzicht,
Kriechen und Schleichen statt heiterem Trab
Und schliesslich ein Plumps: Willkommen im Grab!

Ja, so wäre es schön! Und warum ist nicht so?
Warum sind sogar unsere Nachbarn froh?
Weil Du, Herr im Himmel, sie einfach so lässt!
Und das soll so bleiben? Na, dann frohes Fest!

Ludwig Uhland: Gemütliches Feuer

Ischd’s drauße kald, wird’s drinne foi;
Heiz nur gschwind den Ofe oi.
Wirf Obaba hinoi im Nu,
Schiab no die Erbdande dazu,
Und denk, wie so oi liabr Tag,
Uns reich und froh beschenke mag!

Ist’s draußen kalt, wird’s drinnen fein;
Heiz nur geschwind den Ofen ein.
Wirf Opapa mit drein im Nu,
Schieb noch die Erbtante dazu,
Und denk, wie so ein lieber Tag,
Uns reich und froh beschenken mag!

Kurt Tucholsky: Dein Weihnachtswunsch

Ja, das möchste:
Eine Bretterbude mit bekotzter Terrasse,
vorn das Klosett, hinten die Güterzugtrasse,
die Fenster kaputt, dein Auto verschrottet,
bruchreife Möbel, die Kleider vermottet,
das Dach leck, keine Heizung, kein Strom,
zum Baden die lecke Kanalisation,
zum Wärmen die Müllkippe nebenan –
Das möchste! Und du bist nah dran!
Dass du alles das hast, bevor das Jahr endet –
Das wünscht Dir: Der diese Zeile sendet.

Wir kümmern uns um Geschenke
Jetzt ist es Zeit, das wir uns eine liebe Gabe für unsere Nächsten überlegen. Weihnachten ist in den letzten Jahren zum großen Fest des Entmüllens und Entsorgens geworden. Auch wir sind schon viele unnütze alte Geschenke losgeworden, die unsere Schubladen verstopften: selten getragene Socken, wenig gelesene Bücher und aussortierte CDs. Diese Art des Schenkens ist praktisch und wird gern gesehen. Vor allem kostet es nichts. Doch wir können auch neue, originelle Gaben preisgünstig erwerben oder mit Leichtigkeit ganz umsonst herstellen.

* Nierensteine. Wir selbst haben vielleicht noch keine. Aber es gibt sie günstig bei ebay. Wegen ihrer Ähnlichkeit können wir sie auch durch Lavagestein oder trockenes Hundefutter ersetzen. Einfach in eine Plastiktüte abfüllen und beschriften: „Urgroßvaters Nierensteine“, gern mit exakter Datumsangabe. Noch wertvoller: „Marilyn Monroe’s Nierensteine“, „Kaiser Wilhelms Nierensteine (erste OP)“, „Napoleons Nierensteine“. Und für Ostern: „Elvis’ Gallensteine“.
* Fahrkarte in den Himmel. Vor allem gläubige Menschen zweifeln daran, ob sie in den Himmel kommen. Ihnen helfen wir. Wir stellen am Computer ein Ticket her – entweder indem wir eine im Web abgebilderte Fahrkarte bearbeiten (google-Bildersuche „Fahrkarte“). Oder wir scannen einen heimischen Fahrschein. Wichtig für die meist älteren und schwachsichtigen Beschenkten: Das Wort „Himmel“ muss gut lesbar sein.
* Weihnachtliche Luft. Wir haben noch ein paar leere Marmeladengläser im Keller. Nun bekleben wir sie einfach mit Etiketten „Weihnachten 1972“, „Weihnachten 1954“. Wenn wir uns etwas mehr Mühe machen wollen, geben wir noch drei Tannennadeln, ein Stück getrockneten Apfel, etwas Bienenwachs und einen Hauch Zimt hinein. Diese Weihnachtsluft – gern aus dem Geburtsjahr des Beschenkten – macht Freude und bringt Glück. Jedenfalls uns, weil wir unsere Gläser loswerden, ohne sie zum Container tragen zu müssen.
* Ablassurkunden. Als folgenschwerste Errungenschaft Martin Luthers gilt heute die Abschaffung des Ablasshandels. Seither müssen die Menschen allein mit ihren Sünden weiterleben. Doch von Weihnachten an brauchen unsere Lieben das nicht mehr. Wir verschenken Ablassurkunden. „Mit dieser Urkunde bist du, (Name des Beschenkten), aller Sünden ledig. Nichts mehr belastet dein Gewissen. Du gehst mit engelsreinem Gemüt ins neue Jahr“. Wir unterzeichnen historisch und stilsicher mit „Papst Leo X.“ oder authentisch und aktuell mit „Franziskus“.
* Ahnenfotos. Auf dem Flohmarkt und beim Trödelhändler werden viele alte Fotos feilgeboten, oft in verblüffender Qualität. Niemand weiß mehr, wer darauf dargestellt ist. Das ist gut, denn wir machen sie zu unseren Ahnen. Oder wir schmuggeln sie in fremde Stammbäume. Falls die Fotos beschriftet sind, erfinden wir noch den Beruf dazu. Sonst geben wir ihnen eine komplette Identität. Schön verpackt, werden sie zur Kostbarkeit: „Deine Ururgroßmutter Helene Lange Dorothea Erxleben, sie war die Begründerin der Frauenbewegung.“ Oder „Dein Urahn Gottfried Theodor, der erste Direktor der Deutschen Eisenbahngesellschaft. Du hast viel von ihm.“ Hauptsache, der Beschenkte ist stolz und zeigt die Fotos herum.
* Ärgerbox. Dieses Geschenk erfordert liebevollen Aufwand, denn wir müssen wissen, was der Beschenkte hasst. Was ihnen zur Weißglut bringt oder zum Abschalten des Fernsehers nötigt. Genau das packen wir in die Ärgerbox. Also die Fotos von verhassten Politikern, öligen Showstars, gruseligen Moderatoren. Dazu gern Ärgerliches aus dem Privatleben: ein Foto (oder nur den schön geschriebenen Namen) des Nachbarn unten links, ein Foto von der neuesten Beule am Auto und ein peinliches Erinnerungsstück. Jeder ärgert sich gern, diese Box hilft dabei.
* Schirm. Wir nehmen einen alten oder billigen Schirm und reichen ihn herum. Jeder unserer Freunde (nur nicht der Beschenkte) soll – am besten mit CD-Marker – darauf unterzeichnen. Natürlich nicht mit dem langweiligen eigenen Namen. Sondern mit dem Namen des Lieblingsstars oder Vorbildes. So bekommen wir einen Schirm mit wertvollen Autogrammen zusammen, den der Beschenkte sogar Gewinn bringend bei ebay versteigern kann.
* Bundesverdienstkreuz. Wir können kein Bundesverdienstkreuz verschenken, denn unbegreiflicherweise hat man uns noch keines verliehen. Doch wir können den Vorschlag für die Verleihung verschenken. Das ist sehr einfach. Wir schreiben einen Brief an den Bundespräsidenten, Schloss Bellevue, 10000 Berlin. „Sehr geehrter Herr Bundespräsident, für die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes schlage ich hiermit meine Tante (hier setzen wir den Namen des Beschenkten ein) vor. Sie (oder er) hat sich in hervorragender Weise für Frieden, Abrüstung, Völkerverständigung, Natur, Kinder, Tiere, Opfer, soziale Gerechtigkeit, Konfliktbewältigung, das friedliche Zusammenleben der Menschen, die internationale Völkerfamilie und die berechtigten Anliegen der Menschen eingesetzt.“ Ein oder zwei dieser Begriffe reichen. Es geht ja nur darum, dass der Beschenkte glücklich über unseren Brief ist. Eine Kopie können wir auch tatsächlich einschicken. Mal sehen.
* Eintrittskarte ins nächste Jahr. Silvester ist von Weihnachten meist nicht weit entfernt. Vielen Menschen steht der Jahreswechsel bevor. Hier können wir durch ein wertvolles Geschenk für Abhilfe sorgen: Wir verschenken eine Eintrittskarte für das kommende Jahr, die wir entweder am Computer oder mit Stift und Schere herstellen („berechtigt zum einmaligen Übertritt in das Jahr ….“), wobei wir nur auf die richtige Jahreszahl achten müssen. Schönes Plus für besonders liebe Beschenkte: „Deine persönliche Geheimnummer für das neue Jahr“.

* Weitere wertvolle Geschenke, auch für Betriebsfeiern, „Wichteln“ oder „Julklapp“:
– Ein kaputtes altes Handy „zum Basteln, weil du so viel technischen Verstand hast“
– Echte Kartoffeln „statt Marzipankartoffeln, weil du ja keine Süßigkeiten essen sollst“
– Der erste Band eines zwanzigbändigen Lexikons, „der soll der beste sein“
– Ein Abonnement des „Wachturm“, „die Redakteure wollen dich auch gern interviewen“
– Alte Neonröhren als Star-Wars-Laserschwerter für die Neffen, „aber nur bei euch zu Hause kämpfen!“
– Kleiner Schlüssel, „die Überraschung wartet im Schließfach der Deutschen Bank“, ohne weitere Angaben
– Marihuana „für dein Räuchermännchen, Schwiegermutter“
– Eine frische Dose Katzenfutter, „proteinreicher als ein Steak“
– Eine Rolex aus Thailand
– Eine Tüte zum Aufsammeln von Hundekot
– Ein Faltbogen „Problemzonengymnastik“
– Indikatortabletten für Zahnstein
– Eine Tüte Blumensamen, in die Unkrautsamen gefüllt worden sind
– Rubbelkärtchen aus Lotterien und Zeitungsreklamen
– Bunte Eier aus unserer Osterkiste

Wir singen
Viele Menschen singen zu Weihnachten Weihnachtslieder. Das ist alles andere als überraschend. Weihnachten soll aber ein Fest der Überraschungen sein! Na, also, dann stellen wir rechtzeitig bewährtes Liedgut zusammen, bei dem alle mitsingen können und das trotzdem dem Fest eine ganz eigene neue Note gibt. Wenn wir laut genug singen, können wir die Nachbarn zu Schweißausbrüchen treiben. Hier sind nützliche Vorschläge:

„Happy Birthday To You“
„Der Mai ist gekommen“
„Alle Vögel sind schon da“
„Rolling Home“
„Hey Pippi Langstrumpf“
„Pack die Badehose ein“
„Das Wandern ist des Müllers Lust“
„Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“
„Wir lagen vor Madagaskar“
„Lilli Marleen“
„Yesterday“
„Mein kleiner grüner Kaktus“
„Wir haben Hunger Hunger Hunger“
„We are the champions“
„So ein Tag so wunderschön wie heute“

Wir essen
Die Festtage sind nicht zum Entspannen da. Bereits die heilige Familie hatte viel Besuch und wenig Zeit. Und auch damals gab es schon Streit, weil der leibliche Vater des Jesuskindes nicht anwesend war – typisch für eine Patchwork-Familie. Bibelforscher weisen darauf hin, dass Maria bis zum Eintreffen der ersten Hirten in der Küche gestanden haben muss. Neuere Textfunde belegen sogar, dass ihr das Essen anbrannte und dass der so genannte Stern über dem Stall lediglich der Widerschein des explodierenden Backofens war.
Wir wollen versuchen, es der heiligen Familie gleich zu tun oder sie womöglich zu übertreffen. Gastgeber Joseph hatte bekanntlich den Stall mit Stroh ausgelegt, um den Gästen die Abfuhr des Völlegefühls nach dem Essen zu erleichtern. Wir verfügen heute über andere Möglichkeiten. Doch das Völlegefühl bleibt wichtig für den vollendeten Festgenuss. Das Weihnachtsessen darf nicht nur sättigen, es muss mästen. Nur dann erreichen wir jenen tiefergelegten Schwerpunkt, der uns in diesen Tagen die Orientierung erleichtert, wenn wir uns von erster Oma zu zweiter Schwiegermutter schleppen, von dort zu den geschiedenen Dritt-Eltern und angeheirateten Schwippschwagern.

Wenn wir Gastgeber sind: Was können wir vorher tun?
Normalerweise wollen wir lieber Gast als Gastgeber sein. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Dann müssen wir etwas tun.
* Wir beschreiben ortsfremden Gästen die Anfahrt – und zwar möglichst farbig, mit vielen schmückenden Details und vor allem mit reichlich Alternativ-Möglichkeiten. Auf diese Weise sorgen wir dafür, dass sie noch eine Weile durch unsere schöne Stadt fahren.
* Wir schrauben die Glühbirne aus der Lampe im Hauseingang und sorgen dafür, dass auch im Treppenhaus heimelige Dunkelheit herrscht. Das erhöht die mystische Stimmung und für manch geheimnisvolles Poltern, wenn ein Gast eine Stufe verfehlt hat.
* Im Bad bringen wir kostbaren Duschgels und Handtücher in Sicherheit. Wir finden sicher noch ein altes Stück Seife, das unsere Gäste aufbrauchen können. Zum Abtrocknen hängen wir ihnen unser ältestes Handtuch hin. Sie machen es doch nur schmutzig.
* Wir servieren einfache Speisen, die wenig Geld und Mühe kosten: Spaghetti, Pizza, Kartoffelsalat, gekochte Eier. Damit geben wir den Gastgebern der folgenden Tage die Möglichkeit, ihr Selbstbewusstsein zu heben, indem sie uns übertreffen. Wichtig aber: Das Auge will auch mitessen. Wir halten kleine Krümel und hochprozentige Augentropfen bereit.
* Bei der Tischordung platzieren wir zerstrittene Familienmitglieder und verfeindete Freunde entweder Seite an Seite oder einander gegenüber. Das ergibt lebhafte Dialoge oder knisterndes Schweigen, auf jeden Fall steigert es die Spannung. Versöhnen werden sie sich ja hoffentlich nicht. Außerdem achten wir darauf, dass genügend Allergiker, Diätpatienten, Vegetarier am Tisch sitzen. Ihre kleine Schwierigkeiten bereiten den anderen viel Vergnügen.
* Gäste loszuwerden ist eigene Kunst, mit der wir spätestens beim Dessert beginnen sollten. Ein häufiger Blick zur Uhr ist oft zu dezent. Auch Gähnen wird oft nicht richtig gedeutet. Besser sind Bemerkungen wie „Oh, oh, die böse böse Uhr vertreibt mir meine liebsten Gäste“ oder „Bleibt noch einen Augenblick sitzen, ich mache schon mal das Bett.“ Dazu schalten wir ungemütliches Licht ein und legen ein Schlagzeugsolo auf. Unser Fest beginnt, wenn der letzte aus der Tür ist.

Wenn wir Gast sind: Wie benehmen wir uns richtig?
* Reichlich trinken! Um reibungslos zu funktionieren, benötigt die Leber an den Festtagen wesentlich mehr Alkohol als gewöhnlich. Mäßiger Genuss reicht jetzt nicht. Eine bunte Wechselwirkung lässt sich mit Medikamenten erzielen. Am besten schon ein paar Tage vorher ausprobieren! Finden wir auf dem Tisch mehrere Gläser vor, trinken wir immer aus dem größten. Die kleineren dienen einer alten Sitte: Am Schluss des Essens schleudern wir sie hinter uns – als Zeichen des Dankes. Es muss klirren. Sonst sind sie in der Quarkspeise gelandet.
* Wer als erster beginnt, hat meist mehr vom Essen und braucht keinesfalls auch als erster aufzuhören! Frühstarter haben mehr Zeit zum Genießen, können sich die besten Stücke aussuchen und bereits mit der Endverdauung beginnen, während die anderen noch kauen. Dazu passt der Experten-Tipp: Die Toilette aufsuchen, bevor andere es tun. Feste Zeiten dafür einplanen. Wer ein eigenes „Besetzt“-Schild mitbringt, erspart sich das lästige Türrütteln wartender Gäste.
* Geflügel essen wir traditionell mit der Hand. Wir nehmen ein gutes Stück von unserem Teller, schütteln Sauce und Beilagen ab und lutschen und knabbern. Wenn ein ganzes Tier auf dem Teller liegt, stechen wir es mit der Gabel und sägen mit dem Messer Flügel und Beine ab. Hier gilt die Überkreuz-Regel: linker Flügel an den rechten Nachbarn, rechter Flügel an den linken Nachbarn, die beiden Beine an die gegenüber sitzenden Gäste; der Kopf gebührt dem Gastgeber. Gern gesehen ist bei Tisch auch stets die Walross-Imitation, für die Albert Einstein den Nobelpreis erhielt: je ein Hühnerbein ins Nasenloch und mit den Augen rollen. Machtvolles Schnaufen steigert den Effekt.
* Bei Meeresfrüchte und Fisch wissen wir, was sich gehört: Wir entfernen die Bauchflossen und reichen sie nach links weiter, die Rückenflossen gehen an unseren rechten Tischnachbarn. Die Gräten versuchen wir, gerecht an alle Gäste zu verteilen. Gelingt es uns, ein Grätenskelett inklusive Kopf und Schwanz freizulegen, gebührt die Höflichkeit, dass wir es unserem Gastgeber schenken. Gräten, die in unseren Mund gelangen, sortieren wir gleich dort mit unseren Fingern, bevor wir sie der Größe nach auf den Teller spucken. Lediglich Aale verzehren wir im Ganzen, indem wir sie am Schwanzende anfassen und glatt die Speiseröhre hinabgleiten lassen. Tipp: Tintenfische, als Ganzes serviert, ergeben eine hübsche Perücke für haarlose Tischnachbarn.
* Falls wir bemerken, dass unsere Tischnachbarn ihr Essen nicht so geschickt zerlegen und zermatschen, dürfen wir gern helfen – gerade zur Weihnachtszeit. Mit einem freundlichen Satz beginnen wir unsere Gefälligkeit: „Ich sehe gerade, Sie kommen nicht zurecht, nehmen Sie mal die Hände weg, ich mache das“, oder „Du musst links einstechen und dann das Teil einmal um den ganzen Teller herumschieben, so nämlich!“ Wir können unserem Nachbarn auch eine kleine Landschaft aus Fleischhügeln, Kartoffelfeldern und Saucen-Flüssen bauen, eine Art plastische Landkarte, auf der wir ihm zeigen können: „Da war ich im Urlaub.“
* Falls ein Buffet aufgebaut ist, rücken wir unseren Stuhl an den Buffettisch. Sonst müssten wir immer wieder unseren Platz verlassen. Am besten, wir lassen uns einen Stuhl mit Rädern geben, etwa aus dem Arbeitsszimmer des Gastgebers, damit wir ungezwungen am Buffet hin und her rollen können. Ältere Gäste stellen uns auch gern ihren Rollstuhl zur Verfügung. Wichtig: Immer direkt von den Platten essen. Die Zwischen-Platzierung auf einem eigenen Teller würde den Geschirrbedarf unnötig erhöhen. Spieße knabbern wir ab und stechen sie in andere Speisen, in Kuchen oder Puddings, damit sie anderen Gästen noch von Nutzen sind.
* Kritik an der Kochkunst der Gastgeber äußern wir am besten noch während des Essens. Vieles schmeckt nicht so wie erhofft, ist nicht gar oder zu durchgeweicht, zu zäh oder bereits zerfallen, schmeckt angebrannt, versalzen, übersäuert oder bitter – oder es sieht einfach nicht schön aus. Gerade zur Weihnachtszeit äußern wir unsere Ansicht ehrlich und unverfälscht. Das kommt bei Koch und Köchin gut an und beflügelt auch andere Gäste zur freien Meinungsäußerung. Falls wir Zeit haben, können wir uns differenziert äußern. Beliebt ist aber auch ein einfaches, herzliches: „Das schmeckt mir nicht.“
* Falls wir partout nichts mehr essen können, können wir immer noch Nüsse knacken. Die Qualität einer Nuss erweist sich dadurch, dass die Schale nach allen Seiten explodiert. Durch kräftiges Nüsseknacken können wir erreichen, dass die Teile der Schale feuerwerksartig zu allen Gästen spritzen. Das gilt als segensreiches Omen für das kommende Jahr. Weit-Knacken und Ziel-Knacken sind schöne Spiele, wenn die Stimmung ermattet. Beliebt ist seit altersher auch das Nussknacken in der Kirche, traditionell in feierlichen Pausen der Predigt oder während stiller Gebete. Achtung: Wegen der finanziellen Notlage der Kirchen werden Nussknacker und Nüsse nicht mehr an der Eingangstür verteilt. Mitbringen!
* Falls wir zu müde sind, um weiter zu essen, an der Konversation teilzunehmen oder aber aufzubrechen, sollten wir das Gesündeste tun – schlafen. Meist ist das Bett der Gastgeber der beste Ort dafür. Wichtig: Vor dem Zubettgehen die Mäntel der Gäste vom Bett entfernen und vor die Tür legen. Vielleicht wollen einige Gäste schon aufbrechen, während wir schlafen. Am folgenden Morgen Geschenke aussuchen und höflich auf Zehenspitzen davonschleichen.

Wir bedanken uns täuschend echt
Es kann natürlich sein, dass wir wirklich erfreut sind über ein Geschenk. Dann fällt es uns nicht schwer, diese Freude zeigen. Doch schon beim nächsten Geschenk wird es schwieriger. Es kann unmöglich so viel Begeisterung auslösen wie das erste. Schon beim Auspacken wird uns bang. Denn der Geber beobachtet uns, wissend und zufrieden lächelnd. Und, ja, wir sind hell begeistert! Ganz egal, was es ist! Das macht Spass. Wir haben ein paar von den folgenden Formulierungen auswendig gelernt, die nach unten hin immer scheinheiliger werden. Falls wir sie gelernt, aber wieder vergessen haben, ziehen wir einfach dieses Buch heraus oder eine Kopie der folgenden Dankesliste. Dann lesen wir vor. Das führt die Zeremonie auf heiterste Weise ad absurdum.

Wow, phantastisch, irre, super!
Das habe ich wirklich nicht erwartet!
Ihr macht mich verlegen!
Ich wusste gar nicht, dass so etwas noch möglich ist.
Diese Überraschung ist euch wirklich gelungen.
Das ist ein ganz, ganz großer Moment.
Alle tun mir leid, die das nicht miterleben dürfen.
Ihr müsst sehr lange darüber nachgedacht haben.
Das habe ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet.
Nun weiß ich, dass wirklich Weihnachten ist.
Das wird mir dieses Fest unvergesslich machen.
Das passt wunderbar in meinen Schrank.
Das wird mich immer an euch erinnern.
Das sieht selbst gemacht aus!
Das hätte meiner lieben Oma gefallen!
Das hatte ich neulich auf dem Flohmarkt auch schon in der Hand.
Wie lange ist es her, dass ich euch das geschenkt habe? Mehr als ein jahr?
Daran erkenne ich, dass auch ihr – Weihnachtshasser seid!